Doku in der ARD Mediathek

Warum "Exit Einsamkeit" so nah geht

Die Filmemacherinnen der Doku-Serie „Exit Einsamkeit“ erzählen, wie die Doku entstand, warum das Casting so besonders war und wie vier junge Menschen sich öffnen konnten.

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Von Autor/in Andrea Wieland

Wenn Anna Bilger und Stefanie Stoye über ihr jüngstes Projekt sprechen, leuchtet sofort etwas auf: echtes Interesse für Menschen und ihre Geschichten. Die beiden Journalistinnen haben häufig schon über junge Lebensrealitäten erzählt. Doch mit der neuen SWR-Doku-Serie „Exit Einsamkeit“ betreten sie ein Terrain, das noch sensibler, persönlicher und komplexer ist.

Im Radio, im Fernsehen und online - ein Projekt zum Thema Einsamkeit

Einsamkeit – besonders unter jungen Erwachsenen – lässt sich nicht in Schubladen sortieren, nicht auf eine typische Zielgruppe reduzieren. Und genau das reizte die beiden.

Dreiteilige Doku-Serie "Exit Einsamkeit"
Vanelynn (34 Jahre) findet, Social Media kann beides, Einsamkeit mindern und Einsamkeit fördern. Sie hat das Gefühl, dass es in ihrer Branche keinen Platz gibt, offen über Einsamkeit zu sprechen. Johannes Kroeger

Das Besondere: „Exit Einsamkeit“ ist kein klassisches Dokuformat. Es ist Teil einer umfassenden SWR- und DASDING-Aktion, eingebettet in Radio, Fernsehen, Social Media und Community-Arbeit. Seit Mai rief der SWR junge Menschen dazu auf, von ihren Erfahrungen zu berichten – per Mail, im Radio oder mit einer Sprachnachricht.

Der SWR rief auf - und die Menschen meldeten sich

Über 40 Gespräche haben sie geführt, erzählt Stefanie Stoye. Die Geschichten kamen aus ganz Deutschland. Und viele sagte ihr: "Ich will darüber reden – aber nicht unbedingt vor der Kamera." Die Herausforderung war entsprechend groß: Vertrauen aufbauen, begleiten, ohne zu überfordern – und gleichzeitig ein Format finden, das nicht nur dokumentiert, sondern auch Nähe zulässt.

Dreiteilige Doku-Serie "Exit Einsamkeit"
Gordon (34 Jahre) schreibt über Depressionen und Einsamkeit. Sein großer Traum: Mit einem eigenen Stand-Up-Comedy-Programm auf die Bühne zu gehen. Johannes Kroeger

Vier Menschen. Vier Perspektiven. Ein gemeinsamer Raum.

Am Ende sind es vier Protagonist:innen geworden – zwischen 20 und 34, alle mit sehr unterschiedlichen Biografien:

  • Ellen, zieht nach Freiburg stellt fest, wie schwer es ist, als junge Studentin neu anzukommen.
  • Lilli, wächst in Brandenburg auf und fühlt sich mit ihren linken Werten oft allein.
  • Vanelynn, Influencerin aus Düsseldorf, online permanent sichtbar, im echten Leben sucht sie nach Nähe.
  • Gordon hat in Stuttgart außer seinem Bruder kaum familiären Halt und fühlt sich in der eigenen Stadt fremd.
Dreiteilige Doku-Serie "Exit Einsamkeit"
Im ersten Semester in Freiburg hat sich Ellen (21 Jahre) wie ein Geist gefühlt, weil sie niemand kannte. Im zweiten Semester hat sie viele Leute kennengelernt. Johannes Kroeger

Alle in ein Haus - Safe Space als Experiment

Der besondere Ansatz der Serie: Die vier kannten sich vorher nicht. „Exit Einsamkeit“ bringt sie in einem Haus zusammen – ohne Erwartung.

Sie machen eine Reise, diese vier. Eine kleine, aber sie nehmen eine Entwicklung und das konnte man vorher alles noch nicht so wissen.

Lilli - seit Jahren mal wieder am See

Für Lilli etwa führte das zu einem Moment, der zu einem Herzstück der Serie wurde: Schon vor dem Dreh erzählte sie, dass sie seit Jahren nicht mehr öffentlich baden war. Zu groß die Angst vor Blicken, zu tief die Unsicherheit, zu sehr geprägt von ihrer Essstörung. Gemeinsam beschließt das Team: Wir versuchen es – wenn du willst. Lilli wagt es. Und schafft es.

Dreiteilige Doku-Serie "Exit Einsamkeit"
“Ich glaube, das erste Mal richtig einsam habe ich mich gefühlt, als es angefangen hat mit meiner Essstörung." Nach Jahren traut sich Lilli (20 Jahre) wieder öffentlich zu baden. Johannes Kroeger

Das Wichtigste ist, dass unsere Protagonist:innen das Gefühl haben, ernst genommen zu werden. Sie müssen nichts für uns tun, sondern dass sie, soweit das eben möglich ist, selbst über sich erzählen können.

Warum eine Serie – und kein Film?

Einsamkeit braucht Zeit. Die Veränderungsprozesse sind nicht in ein paar Wochen abgeschlossen. Deshalb war schnell klar: Die Serie muss Raum geben: Mehrere Folgen, mehrere Begegnungen - zum Beispiel trifft Lilli ihre Mutter - und mehr Blicke nach Innen. Ein 30-minütiger Film wäre dem Thema nicht gerecht geworden, da sind sich beide einig. Außerdem entspräche eine Serie viel mehr den Sehgewohnheiten der jungen Zielgruppe.

Dreiteilige Doku-Serie "Exit Einsamkeit"
Lilli trifft sich mit ihrer Mutter. Johannes Kroeger

Was bleibt von "Exit Einsamkeit"?

Es gibt kein Happy End. Es gibt auch kein Rezept gegen Einsamkeit. "Es sind kleine Schritte, aber echte Schritte", sagt Stefanie Stoye. Was die Doku-Serie aber zeigen kann: Einsamkeit ist kein persönliches Versagen. Es kann jede:n treffen kann – mit Anfang 20, 30 oder älter. Und: Man darf darüber reden. Vielleicht muss man es sogar.

Da kann vielleicht unsere Doku-Serie ein bisschen dazu beitragen, dass Menschen spüren, dass es wichtig ist, sich zu zeigen und ehrlich von sich zu erzählen, weil dann Nähe entstehen kann.

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Autor/in
Andrea Wieland