Exit Einsamkeit

Die unterschätzte Einsamkeit der Männer

Männerfreundschaften sind selten, Nähe oft tabu: Warum gerade Männer in Deutschland häufiger einsam sind – und wie sich Wege aus der Isolation finden lassen.

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Von Autor/in Maryam Bonakdar

Ein Mann blickt ins Lerre. Die unterschätzte Einsamkeit der Männer Bild: Adobe Stock
Die unterschätzte Einsamkeit der Männer Bild: Adobe Stock

Es ist ein Dienstagabend im Sommer. In der Kneipe um die Ecke sitzen zwei Frauen lachend beim Aperol, am Nebentisch stößt eine Clique mit Biergläsern an. Nur an einem Tisch bleibt es still: Ein Mann Mitte 30 starrt auf sein Handy. Die Arbeitskollegen sind nach Feierabend nach Hause gegangen, Freunde hat er kaum. Er überlegt kurz, ob er jemanden anschreiben soll – lässt es aber bleiben. Wer will sich schon aufdrängen?

Solche Szenen sind keine Ausnahme. Männer sind in Deutschland deutlich häufiger von Einsamkeit betroffen als Frauen. Es klingt nach Klischee und nach 1980, aber Studien bestätigen es: Frauen gehen mehr gemeinsam essen, erzählen einander mehr von Sorgen und Gefühlen, pflegen enge Freundschaften und unterstützen sich mehr auch emotional. Männer tun sich noch immer schwerer damit. Ab einem gewissen Alter – viele berichten ab 30 – wird es fast unmöglich, neue Männerfreundschaften zu knüpfen. „Sobald Männer engere Bindungen eingehen, fürchten sie, dass das sexualisiert oder missverstanden wird“, sagt Christian Fein von der Initiative „Keinerbleibtallein“. Wo es für Frauen selbstverständlicher ist, einander zum Beispiel freundschaftlich zu berühren oder sich emotional zu öffnen, befürchten viele Männer als schwach oder homosexuell angesehen zu werden.

Arbeit, Arbeit, Arbeit

Nicht selten würden sich Männer zudem noch immer hinter ihrem Beruf verstecken. Arbeit sei Lebensinhalt – und gleichzeitig Ausrede. „Viele sagen: Ich habe keine Zeit für Hobbys oder Freundschaften“, so Christian Fein. Doch ohne Freizeit und Interessen entstehen auch keine neuen Kontakte. Wer dann irgendwann innehält, merkt oft, wie leer das eigene Leben außerhalb des Jobs geworden ist.

Diskussion um Male Loneliness Epidemic

Auf TikTok und anderen sozialen Medien wird verstärkt die „Male Loneliness Epidemic“ diskutiert, also eine ganze Epidemie der männlichen Einsamkeit. Die Diskussion läuft dabei meistens nicht wertfrei. Oft geben insbesondere antifeministische Kreise Frauen die Schuld für die Einsamkeit mancher Männer. Sie beziehen das meistens auf partnerschaftliche, weniger auf freundschaftliche Beziehungen. Bestärkt werden diese Männer oft in den sozialen Medien. Und das kann gefährlich sein: Studien zeigen, wer sich einsam fühlt, hat ein höheres Risiko sich zu radikalisieren.

Spannend: Laut einer Analyse des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB) würden sich Frauen eher emotional einsam fühlen, Männer eher sozial, also eher von der Anzahl der Freundschaften her.

Wege aus der Isolation

Einsamkeit bei Männern ist insgesamt kein individuelles Problem, sondern ein gesellschaftliches. Sie entsteht durch tradierte Rollenbilder des starken Mannes, durch fehlende Freundschaftskultur, einem Leistungsprinzip und durch den Glauben einiger, dass eine Partnerin alle Bedürfnisse auffangen könne. Ein Anfang, um aus Einsamkeit herauszukommen, ist es: Nähe zuzulassen. Und genau das ist für viele – Männer wie Frauen – oft sehr schwer.

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Luca-Leander Wolz ist Psychologe, Psychotherapeut in Ausbildung und Doktorand der klinischen Psychologie. Auf dem Instagram-Account psychologeluca setzt er sich mit den Wechselwirkungen zwischen Gesellschaft und Psyche auseinander und vermittelt psychologische Themen aus einer kritischen Perspektive.

Ab sofort in der ARD Mediathek „ARD Story: Shut Up, Bitch! Der Kampf um Männlichkeit“

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Ein Blick hinter die Kulissen, der zeigt, welche Mechanismen Content und Kommentarspalten der Gegenwart prägen können.

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Autor/in
Maryam Bonakdar