Wenn man an einem Novembernachmittag die Pauluskirche in Ulm betritt, hallt es durch den großen Raum. Es werden Stühle gerückt und Tische gestellt. Auf einem Tisch neben dem Eingang liegen frisch gedruckte Plakate. „Kirche à la carte“ steht darauf.
Deborah Hörning lächelt, als sie eines der Plakate aufhängt. Sie leitet die Vesperkirchen Plus-Stelle der Diakonie Ulm – und ist eine der treibenden Kräfte hinter diesem Abend. „Das ist die Einladung zum gemeinsamen Essen in der Pauluskirche“, sagt sie.
Die Veranstaltung ist Teil der Nacht gegen die Einsamkeit, aber in Ulm bekommt sie einen eigenen Charakter: Ein Abendessen in mehreren Gängen, verteilt auf verschiedene Orte in der Kirche, begleitet von Musik und Theaterszenen des HEYOKA-Theaters.
Warmspielen für die Premiere
Hörning lächelt, als sie von den Theaterleuten erzählt. Sie sagt, das war die "Freude pur", als das Ensemble zusagte. Das HEYOKA-Theater ist ein integratives Theater, das Menschen mit und ohne Behinderungen, engagierte Laienschauspieler und Theater-Profis zusammenbringt. "Die Schauspielerinnen und Schauspieler spielen sich quasi bei uns warm, weil sie am Wochenende drauf ihren großen Auftritt in der Hochschule für Gestaltung haben", sagt die Organisatorin.
Gemeinschaft statt Isolation
Die Veranstaltung reiht sich am Samstag ein in eine Vielzahl von Angeboten in der Nacht gegen die Einsamkeit, bei denen es um Nähe und Begegnung geht. Und um ein Gefühl, das viele nur ungern zugeben: Einsamkeit.
„Die Vesperkirche in Ulm ist seit 30 Jahren genau zu diesem Thema unterwegs“, sagt Hörning. „Gerade im Winter, wenn man viel alleine zu Hause ist, wenn sich nicht so viel im öffentlichen Raum stattfindet, da ist es besonders schön, wenn irgendwo die Türen aufgehen und Menschen zusammenkommen." Hörning arbeitet in der Vesperkirche Plus-Stelle der Diakonie Ulm – und erzählt aus ihren Erfahrungen mit vielen unterschiedlichen Menschen.
Einsamkeit passiert allen. Aber ... wenn wir es das zusammen aushalten, vielleicht kann ja was wachsen.
Essen an verschiedenen Orten
Der Abend kostet zwischen vier und sieben Euro – wer das nicht bezahlen kann, wendet sich einfach an das Team. „Man darf einfach da sein“, sagt Hörning. „Ohne große Hürden.“
Bevor der erste Gang serviert wird, wird geschnippelt. Und das hat einen tieferen Grund, erklärt sie: „Ich habe auch die Idee, dass was gemeinsam tun so schön ist. Da kommt man einfach leichter ins Gespräch, wenn die Hände was zu tun haben.“ Von der Küche führt die Treppe nach oben. Hier öffnet sich der Blick von der Empore weit in den Kirchenraum.
„Das Licht finde ich hier oben ganz anders“, sagt sie. Hier werden kleine Tische stehen, ein erster Gang wird serviert – dazu eine Szene des HEYOKA-Theaters.
Der Klang einer belebten Kirche
Es geht weiter ins Kirchenschiff. Hörning beschreibt detailliert, wie sich der Raum verändert, wenn Menschen darin sind: „Es wird immer lauter und es wird dann zu so einem tragenden Summen. Und ich gewöhne mich da dran und ich bin dann so richtig in dieser Welle und Woge von diesen Stimmen.“
Das Summen bleibt, sagt sie – manchmal noch Tage später. „Es lebt also noch nach.“ Vielleicht entsteht auch an diesem Abend wieder so ein gemeinsamer Ton. Hörning vergleicht es mit Musik, bei der auch verschiedene Töne zusammen kommen - leise, laute, traurige und fröhliche.
Heute ist die Nacht gegen die Einsamkeit
Am kommenden Samstag, 22. November feiern wir die Nacht gegen die Einsamkeit. Ob Betzetreppe anmalen, gemeinsam kochen, lesen, kreativ werden oder eine Aufführung bestaunen. Es geht um das gemeinsame Erleben. Auf der Karte von Exit Einsamkeit sind über 220 Events. Einfach reinschauen, was in der Nähe passiert und zusammen oder alleine vorbeikommen – alle sind willkommen!