ARD-Mitmachaktion #unsereKinder

Gefährlicher Trend: Kinder in Deutschland bewegen sich immer weniger

„Sport ist elementar“ – Kerstin Holze, Vizepräsidentin des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) im Interview über den akuten Bewegungsmangel bei Kindern. 

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Von Autor/in Sevde Cig

„Unsere Kinder bewegen sich viel zu wenig“ ist keine Behauptung, sondern Realität. Aus der Momo-Studie (Motorik-Modul-Studie des Robert Koch-Instituts) geht hervor, dass nur 20 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland die tägliche Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) von 60 Minuten Bewegung pro Tag erreichen – das ist nur jedes fünfte Kind.

„Die WHO-Empfehlung ist das internationale Mindestmaß, nationale Empfehlungen liegen höher. Diese sagen im Grundschulbereich 120 und später 90 Minuten am Tag“, sagt Kerstin Holze, Vizepräsidentin des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB).

Rekordzahlen beim Vereinssport

Das klassische Spielen im Freien, auf der Straße oder der Schulweg habe drastisch abgenommen. Nach Angaben des DOSB sind 10,5 Millionen Kinder und Jugendliche unter 27 Jahren in deutschen Sportvereinen aktiv. Der organisierte Sport sei somit eine wichtige Säule für die Bewegung der Kinder. „Der organisierte Sport ist einer der Hauptakteure, denn die anderen Bereiche der Bewegung werden weniger, das organisierte Sporttreiben wird mehr und der wichtigste Anbieter dafür sind die Sportvereine“, erklärt Kerstin Holze.

Sport muss dorthin gehen, wo die Kinder sind

Um das Ziel zu erreichen, dass 100 Prozent der Kinder die Bewegungsempfehlung erreichen, müsse sich strukturell etwas ändern, sagt Holze. Man könne nicht erwarten, dass alle Kinder von sich aus den Weg in den Verein finden. Laut Kerstin Holze müsse der Sport zu den Kindern – und das bedeutet: rein in die Schulen und Kitas.

Zwei Kinder rennen durch einen Parcour.
Zwei Kinder rennen durch einen Parcour.

Kitas seien deutschlandweit viel zu klein für ein bewegtes Aufwachsen der Kinder. Während 5–6 Quadratmeter pro Kind benötigt werden, erreichen in Deutschland nur 2–3 Prozent der Kitas diesen Standard. „Studien im Kinder- und Jugendgesundheitsbericht zeigen, dass bei Kindern ab dem Moment, in dem sie in die Kita gehen, ihr Aktivitätsniveau einbricht. Und das ist sehr früh. Das bedeutet, in dem Moment, wo sie die erste Institution ihres Lebens besuchen, reduziert sich der Anteil ihrer aktiven Zeit“, sagt Holze und sieht die Lösung im vernetzten Miteinander der einzelnen Akteure.

Soziale Barrieren abbauen: Sport darf keine Kostenfrage sein

Nach Angaben des DOSB sind 80 Prozent der 7- bis 14-Jährigen im organisierten Sport in den Vereinen aktiv. Dennoch gibt es 20 Prozent der Kinder, die noch nicht den Weg in die Vereine gefunden haben. Kerstin Holze betont, dass es zum Teil an sozioökonomischen Faktoren liegen würde.

Diese Hürden müsse man abbauen, besonders Mädchen seien betroffen. „Wir müssen Barrieren, die diesen Gruppen gegenüberstehen, abbauen. Kosten wie der Sportbeitrag, Trainingsschuhe, Klamotten, der Weg zum Sport oder Wettkampf schließen einen Teil der Bevölkerung aus. Hier müssen wir aktiv gegensteuern“, sagt Holze.

Mitgliederbörsen der Vereine, die gebrauchte Ausrüstung zur Verfügung stellen, seien ein positiver Schritt, jedoch nicht ausreichend. Auch sind staatliche Förderungen wie das Teilhabepaket zu bürokratisch für die Eltern und mit monatlich 15 Euro auch nicht ausreichend.

„Kein Kind ohne Sport“

Die Initiative „Kein Kind ohne Sport“ in Schleswig-Holstein sei ein Vorbild für weniger Bürokratie und würde das sportliche Schicksal nicht in die Hände der Familien legen. „Spannend ist daran, dass hier nicht die Eltern, sondern der Verein die Anträge stellt. Für manche Eltern sind die Hürden, diese Teilhabepakete zu beantragen, einfach zu groß. Das müssen wir in Zukunft klüger angehen. Wenn wir das wieder in die Verantwortung der einzelnen Familien legen, werden wir wieder Kinder ausschließen“, sagt Holze. Trotzdem sei das auch keine nachhaltige Lösung.

Schnittstelle: Die Kinderarztpraxis

Viele Sportvereine engagieren sich in den Schulen. Holze plädiert zusätzlich für einen früheren Einzug der sportlichen Aktivität in das Leben der Kinder: „Zu den Kinderärzten gehen alle Eltern. Wenn das Kind nicht zur Vorsorge geht, dann wird nachgefragt von Krankenkasse und Jugendamt – da haben wir sie alle. Und da müssen wir dafür sorgen, dass diese Erkenntnis – so wie ich meinem Kind Lesen und Schreiben beibringe, schicke ich es auch zum Sport – sich durchsetzt.“

Das „Rezept auf Bewegung“ ist eine Initiative, die vom DOSB, der Bundesärztekammer und der Deutschen Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention ins Leben gerufen wurde. Seit 2011 können Ärzte in der Erwachsenenmedizin ihre Patienten zur Bewegung motivieren, seit 2025 auch in der Kinder- und Jugendmedizin.

Eine Beratung durch den Arzt während einer Vorsorgeuntersuchung könne laut DOSB vielen Eltern den benötigten Impuls geben, ihre Kinder sportlich zu fördern. Die Bewegungslandkarte des DOSB macht es einfach: „Da können Eltern einfach ihre Straße eingeben oder ihre Postleitzahl.Und dann spuckt einem eine Datenbank aus, wo in der Nähe Sportangebote sind.“

Grundrecht auf Bewegung

Bewegung ist für Kinder und Jugendliche weit mehr als nur Sport. Sie stärkt Knochen und Muskeln, hilft dabei, Übergewicht vorzubeugen und legt die Grundlage für ein gesundes Leben bis ins Erwachsenenalter. Gleichzeitig fördert Bewegung auch die geistige Entwicklung: Kinder lernen komplexe Bewegungsabläufe, trainieren ihre Konzentration und entwickeln wichtige regulative Fähigkeiten.

Auch psychisch spielt Bewegung eine wichtige Rolle. Organisierte Sport- und Bewegungsangebote können laut Experten dabei helfen, Kinder emotional zu stärken und sogar zur ADHS-Prävention beitragen. Deshalb sollte jedes Kind die Chance haben, sich regelmäßig zu bewegen – unabhängig von Herkunft oder Wohnort.

ARD-Mitmachaktion zur Kinderfreundlichkeit

Vor diesem Hintergrund hat die ARD am 17. Mai die Mitmachaktion #unsereKinder gestartet.Teilnehmende können kinderfreundliche Orte und Aktionen für Kinder auf einer deutschlandweiten Karte markieren. Aber sie sind auch aufgerufen, dort einen Pin zu setzen, wo es Probleme gibt.

#unsereKinder
#unsereKinder

Der DOSB gehört zu den Unterstützern von #unsereKinder. Gemeinsam mit UNICEF will die ARD herausfinden, welche Veränderungen notwendig sind, damit Deutschland kinderfreundlicher wird.

Erstmals publiziert am
Stand
Autor/in
Sevde Cig
Onlinefassung
Andrea Wieland