Eigentlich sind Lilli und Luisa Welcke großen Leistungsdruck auf hohem Niveau gewohnt. Immerhin haben die Zwillinge schon eine WM gespielt und gehen in den USA für die Boston University in der National Collegiate Athletic Association (kurz: NCAA), eine der bedeutensten Eishockey-Ligen weltweit, aufs Eis. Und dennoch ist das Gefühl jetzt bei Olympia dabei zu sein, ein ganz besonderes: "Es ist sehr aufregend, das hier alles zu erleben", findet Lilli Welcke und ergänzt: "Es ist natürlich was ganz anderes, für dein Land zu spielen als für deine Uni. Es ist immer aufregend, den deutschen Adler zu tragen."
Lilli und Luisa sorgten für das Olympia-Ticket
Den deutschen Adler bei den Olympischen Spielen in Mailand und Cortina d’Ampezzo tragen zu können, dafür haben die beiden Stürmerinnen selber gesorgt. Beim 2:1-Sieg im entscheidenden Qualifikationsspiel gegen Ungarn trafen Lilli und Luisa und schossen die Auswahl damit zum ersten Mal seit 2014 wieder zum Turnier unter den fünf Ringen: "Es war natürlich ein sehr schöner Moment für uns beide. Man kann gar nicht in Worte fassen, wie groß die Freunde war an diesem Tag. Aber jetzt schauen wir nach vorne und der Fokus liegt auf den Spielen bei Olympia", erzählt Luisa Welcke. Lilli ergänzt: "Es war auch eine krasse Teamleistung. Man hat gemerkt, wie viel Teamgeist auf dem Eis war, weil alle zu Olympia wollten." Beide sind sich aber einig: Das war das wichtigste Spiel für die Nationalmannschaft in ihrer Karriere.
Die Welcke-Zwillinge und Eishockey: Liebe auf den ersten Blick
Eine Karriere, die zwar noch recht jung ist, aber schon einige Geschichten geschrieben hat. Angefangen mit dem Eishockeyspielen haben die beiden eher durch Zufall. Eigentlich wollten Lilli und Luisa, geboren in Heidelberg, in jungen Kinderjahren gemeinsam mit ihrer drei Jahre älteren Schwester Lea, die mittlerweile ebenfalls Eishockeyspielerin ist, an einem Tennis-Camp teilnehmen. Da das Sommerangebot allerdings nur noch einen Platz frei hatte, suchten die Eltern nach einer Alternative und fanden sie im Eishockey-Camp. Alle drei Schwestern waren begeistert und blieben beim Eishockey. Nicht selbstverständlich, wie Lilli und Luisa sich erinnern: "Fußball, Tennis, Volleyball, auch Rugby haben wir kurz ausprobiert. Wir waren in einem Wakeboard-Club für ein Jahr, sind immer Skifahren gegangen und auch Snowboard. Dann hatten wir auch einen Tischtennis-Phase und eine richtig kurze Skateboard-Phase, die aber wahrscheinlich etwas zu lange angehalten hat."
Trotz Hindernissen immer dran geblieben
So groß die Liebe für Eishockey war, Lilli und Luisa hatten es nicht immer leicht: "Wir hatten viele Probleme als Mädchen uns in den Clubs durchzusetzen, weil viele Verbände, Trainer und Vorstände keine Mädchen wollten", weiß Luisa noch. Im Alter von 12 Jahren aber wechselten die beiden nach Heilbronn und fanden dort ihr Glück: "Wir hatten einen Trainer, Luigi Calce, der hat uns sehr unterstützt. Er hat uns behandelt wie alle Jungs im Team. Da haben wir uns wohlgefühlt, weil wir genau die gleichen Möglichkeiten bekommen haben." Besonders prägend für die Karriere der beiden waren auch ihre Eltern: "Die haben uns immer unterstützt und probiert, uns alles zu ermöglichen."
Auch das Ziel USA schreckte die Eltern der beiden nicht ab. In der Juniorinnen-Nationalmannschaft hatten Lilli und Luisa Mitspielerinnen, die bereits in den USA auf dem College aktiv waren. Da es leichter war, von der High School fürs College rekrutiert zu werden, suchten die beiden nach einer Schule und gingen von 2018 an für ein Jahr auf die Kent School, ehe sie 2019 auf das Ridley College wechselten. Dann kam Corona und machte den beiden einen Strich durch die Rechnung: "Gelder wurden anders verteilt. Wir sind für ein Jahr zurück nach Deutschland, weil man uns kein volles Stipendium mehr geben konnte." Seit 2022 sind die beiden aber wieder in den USA und seit 2023 in Boston für die BU Terriers aktiv.
Kleine Eisfläche als Vorteil für die Welckes?
In der NCAA wird Eishockey auf der sogenannten NHL-Size gespielt, also auf einem etwas kleineren Feld, als es in Europa üblich ist. "Da das Eis kleiner ist, ist mehr Geschwindigkeit drin. Du hast weniger Zeit und mehr Druck", erzählt Lilli. Luisa ergänzt: "Bei Olympia ist eigentlich eine ziemlich große Eisfläche üblich. Wobei jetzt hier in Mailand das Eis relativ klein ist." Eine Gegebenheit, mit der die Welcke-Zwillinge gut zurechtkommen - und die ihnen vielleicht den ein oder anderen Vorteil verschaffen könnte.
Traum von einer großen Karriere
Wohin es die beiden nach ihrer College-Zeit verschlägt, ist noch ungewiss. Aber die Welcke-Zwillinge haben ein großes Ziel: Die PWHL, die professionelle Liga in den USA und Kanada. Jetzt aber liegt der Fokus erst mal auf ihren ersten Olympischen Spielen in Mailand und Cortina. Am Freitag trifft die Nationalmannschaft zum Vorrundenauftakt auf Schweden. Mit der Zwillings-Power soll ein guter Start ins Turnier gelingen.
Update: Deutschland hat das erste Vorrundenspiel in Mailand gegen Schweden mit 1:4 (1:1, 0:2, 0:1) verloren.