"Ich bin auf einem Bergbauernhof aufgewachsen, auf dem es sehr steil war. Ich weiß daher selber nicht, wie ich zum Fußball gekommen bin - der Ball ist immer runtergerollt", lacht Andreas Schicker. Im hellblauen Hemd sitzt der heutige Sportgeschäftsführer der TSG Hoffenheim im Fernsehstudio von SWR Sport und lässt seine Karriere im Gespräch noch einmal an sich vorüberziehen. Die gute Laune ist ihm anzumerken. Kein Wunder, läuft es für die Kraichgauer derzeit doch ausgesprochen gut. In den eineinhalb Jahren, in denen Schicker die sportlichen Geschicke der Hoffenheimer lenkt, hat er sein Team vom Abstiegskandidaten zum Champions-League-Anwärter geformt.
"Er ist auf jeden Fall ein Menschenfänger", findet Hoffenheims erster Vorsitzender André Keuzwieser. "Er hat eine enorm positive Ausstrahlung. Wenn er in den Raum reinkommt, dann ist eigentlich gleich eine gute Stimmung da", so Kreuzwieser weiter. Außerdem "trinken wir beide gerne auch mal ein Bier", schmunzelt er.
Der Profi mit der Arm-Prothese
Schickers Weg ins Management des Bundesligisten ist ein bewegter. Geboren in Bruck an der Mur in der österreichischen Steiermark zieht es ihn im Jahr 2001 nach Wien, in die Jugendmannschaft der Austria. Dort wird der Mittelfeldspieler unter Joachim Löw zum Fußball-Profi, darf sogar 17 Mal für die U21-Nationalmannschaft Österreichs ran.
Im November 2014 ändert sich Schickers Leben von Grund auf. Bei einem Pyrotechnik-Unfall verliert der Fußball-Profi seine linke Hand: "Ich habe einen Böller angezündet und der ist mir in den Händen explodiert. Ich weiß noch, wie ich über die Straße gegangen bin, um bei der Polizei zu läuten. Ich hatte keine Schmerzen, wollte mit der linken Hand anläuten und da habe ich gesehen, dass die Hand nicht mehr da ist", erzählt er im Jahr 2015 dem ORF.
"Natürlich war es im ersten Moment ein riesen Schock", blickt er elf Jahre nach seinem Unfall zurück. Für ihn ist damals sofort klar: "Ich will wieder Fußball spielen. Wir haben dann so eine Sportprothese entwickelt." Die Ärzte geben seiner weiteren Karriere wenig Chancen, doch Schicker kämpft sich zurück. Über 50 Spiele macht er in der zweiten Liga Österreichs, wird der erste Fußball-Profi mit Prothese. "Dann habe ich aber schon gemerkt, dass ich jetzt den nächsten Karriereschritt gehen muss." Schon immer interessiert er sich fürs Scouting und für Kaderplanung.
Ich war 3 bis 4 Jahre in Reha. Mit so einer Verletzung bist du dort trotzdem ein Leichtverletzter. Das war für mich schon ein Augenöffner. Dass es nicht nur Fußball gibt, sondern auch Dinge darüber hinaus. Das war für meine weitere Karriere, speziell jetzt auch im Management sehr, sehr wichtig.
Von Wiener Neustadt zur TSG Hoffenheim
Schicker wird Sportdirektor beim SC Wiener Neustadt, danach Chefscout bei Sturm Graz. Wenig später übernimmt er beim steirischen Traditionsclub die Stelle des Sportdirektors, wird Meister und Pokalsieger mit dem Verein - und lernt Trainer Christian Ilzer kennen. 2024 wechselt Schicker zur TSG Hoffenheim, nur kurze Zeit später holt er seinen Grazer Meistertrainer Ilzer als neuen Chefcoach zur TSG. "Wir verstehen uns einfach, was die Idee von Fußball angeht. Da sind wir auf einer Wellenlänge", beschreibt Schicker das Verhältnis zu ilzer.
"Trotzdem gibt es immer wieder auch Diskussionen hinter verschlossener Tür, das gehört auch dazu." Allerdings: "Wenn die Tür aufgeht, dann sind wir einer Meinung", sagt er. Und auch Christian Ilzer hat lobende Worte für seinen Chef: Es passe kein Blatt Papier zwischen die beiden, so der 48-Jährige. Das beweist Ilzer auch, als er sich während des wochenlang tobenden Machtkampfes in der Führungsetage der Hoffenheimer demonstrativ hinter Schicker stellt und sogar einen Rücktritt nicht ausschließt, sollte dieser entlassen werden. Schicker bleibt, geht aus dem Führungsstreit letztlich gestärkt hervor. Und auch sportlich zeigt sich die TSG Hoffenheim in bestechendem Zustand - nach dem jüngsten 2:1-Sieg gegen Dortmund träumt manch einer im Kraichgau bereits von der Champions League. Nachvollziehbar also, dass Andreas Schicker gut gelaunt zu seinem Auftritt bei SWR Sport erscheint.
Bundesliga "Legende" Kramaric träumt von Haaland und Mbappé
Nach dem 2:1-Sieg der TSG Hoffenheim gegen Borussia Dortmund können die Kraichgauer für Europa planen. Matchwinner Kramaric träumt bereits von der Champions League.
Seine alte Heimat in der Steiermark allerdings sieht Andreas Schicker derzeit nur noch selten. "Es ist schon ein Sieben-Tage-Job", beschreibt er seinen Alltag. Aber "wenn es geht, fliege ich schon heim in die Steiermark und genieße das." Der beschauliche Bergbauernhof habe ihn geprägt. "Du kriegst schon eine Bodenständigkeit mit", sagt Schicker lächelnd. "Und das hat mir schon in der ganzen Karriere geholfen." Der Kraichgau sei seiner Heimat im Übrigen ziemlich ähnlich, findet er: "Ich fühle mich schon sehr wohl."