Da hatte der neue Mann aber mal einen rausgehauen. "Ich will in drei Jahren die TSG Hoffenheim ins internationale Geschäft zurückbringen", sagte der Fußballtrainer Christian Ilzer Ende März letzten Jahres in einem Interview mit dem Fußballmagazin "Kicker". Um im selben Atemzug gleich noch das Maximalziel auszugeben: "In fünf Jahren will ich um die Deutsche Meisterschaft spielen." Peng, das hatte gesessen.
Vom Abstiegskandidaten zum Überflieger
Als Einordnung: Zum Zeitpunkt der selbstbewussten Aussagen im Frühjahr 2025 hing Hoffenheim noch mitten im Abstiegssog, bangte mit einer wild zusammengestellten, völlig inhomogenen Mannschaft um die Bundesliga-Zugehörigkeit und Christian Ilzer um seinen Job. Für ihn sei wichtig, so der TSG-Trainer damals, nach den ersten vier schwierigen Monaten im Kraichgau, "Ziele zu haben und in Visionen zu denken".
Champions League ist keine Utopie im Kraichgau
Seinerzeit wurde Christian Ilzer vielerorts milde belächelt für sein höchst visionäres Ziel, mit dem auch im Umfeld so chaotischen Abstiegskandidaten aus Hoffenheim irgendwann wieder nach Europa und sogar in Richtung Meistertitel zu schielen. Heute lacht keiner mehr.
Der Österreicher steht nach dem 2:0-Auswärtssieg im Nachholspiel bei Werder Bremen, nach vier Siegen in Serie, mit seinem Team auf Tabellenplatz drei in der Bundesliga. Man habe aktuell zwar "viel Momentum", betonte der TSG-Coach, "das kreiert man aber auch nur, wenn man einen guten Teamspirit hat und viel für das Ziel opfert."
Zwölf Punkte beträgt bereits der Vorsprung auf Rang sieben und acht mit Freiburg und Frankfurt. Es müsste also beinahe schon mit dem sprichwörtlichen Teufel zugehen, sollten die Hoffenheimer das internationale Geschäft am Ende der Saison noch verpassen.
Hoffenheim ist "Tabellenführer 2026"
Mit Hoffenheim zurück nach Europa - damit wäre selbst der mutige Visionär Ilzer seinen kühnen Plänen um satte zwei Jahre voraus. Und sogar die Qualifikation für die Champions League ist längst keine Utopie mehr für die TSG. Der Kraichgau nach den glorreichen Nagelsmann-Zeiten zum zweiten Mal in der Königsklasse? Ja, warum denn nicht?
Das Überraschungsteam der Liga spielt eine bärenstarke und zuletzt immer konstantere Saison, hat in den vergangenen 13 Spielen gerade einmal verloren (0:2 in Dortmund). Das Team zeigt eine beeindruckende Formkurve, platzt beinahe vor Selbstvertrauen und Spielwitz. Mit der Optimalausbeute von zwölf Punkten aus den vier Spielen 2026 sind die Kraichgauer in der "Neujahrswertung" sogar an den übermächtigen Bayern (9) vorbeigezogen. Wer, bitteschön, hätte das für möglich gehalten?
Auswärtssieg in Bremen TSG Hoffenheim auf Rang drei - "Oft im richtigen Moment an der richtigen Stelle"
Der 2:0-Sieg im Nachholspiel bei Werder Bremen ist für die TSG Hoffenheim der vierte Erfolg in Serie. Alexander Prass schießt die Kraichgauer mit einem Traumtor auf Rang drei.
Das perfekte Zusammenspiel Christian Ilzer und Andreas Schicker
Keine Frage, die Wurzel des Erfolgs beim formstärksten Team der Bundesliga liegt in der akribischen Aufbauarbeit des Trainerteams um Christian Ilzer, aber auch in der beeindruckenden Transferphase des letzten Sommers. Ilzer und der inzwischen vielumworbene Sport-Geschäftsführer Andreas Schicker - beide arbeiteten bereits mit grandiosem Erfolg bei Sturm Graz zusammen - ließen nach der Katastrophensaison 2024/25 mit Platz 15 am Ende personell keinen Stein auf dem anderen.
Sage und schreibe 22 Spieler des völlig überdimensionierten Kaders wurden verkauft, verliehen oder aussortiert. Zehn Neue, überwiegend junge und entwicklungsfähige Spieler ohne Bundesligaerfahrung, aber mit besten Voraussetzungen für den intensiven Ilzer-Fußball, wurden zur TSG geholt. "Wir haben ganz genau geschaut, welche Spielertypen wir verpflichten wollen", sagte Ilzer, zuletzt nach dem Erfolgsgeheimnis der Hoffenheimer auf dem Spielermarkt befragt, "Spieler, die in beiden Richtungen denken. Nach vorne und nach hinten."
Zahlreiche Volltreffer auf dem Transfermarkt
Kurzum, die Kader-Konstrukteure Ilzer und Schicker hatten das perfekte Händchen. Ihnen gelang auf dem Spielermarkt ein Volltreffer nach dem anderen: Mit Vladimir Coufal, Bernardo, Albian Hajdari in der Verteidigung, Leon Avdullahu und Wouter Burger im Mittelfeld, Tim Lemperle, Fisnik Asllani und Bazoumana Touré (kam schon letztes Jahr im Februar) im Angriff, stehen gleich acht Neue mehr oder weniger regelmäßig in der Startelf und etablierten sich unter den Fittichen Ilzers als Top-Bundesligaspieler.
Zusammen mit den über Jahre etablierten Routiniers und Mentalitätsspieler wie Nationalkeeper Oliver Baumann, Dauerläufer Grischa Prömel und Rekord-Torjäger Andrej Kramaric bilden sie ein Team, das sich seit vielen Wochen von Nichts und Niemandem von der Überholspur abbringen lässt. Das "Hoffenheim 2026" ist nicht nur ein außerordentlich attraktives weil spielstarkes, sondern vor allem ein läuferisch herausragendes Ensemble: "Wir sind eine extrem hungrige Mannschaft", bestätigt Mittelfeldmann Grischa Prömel den Charakter des Teams, "wir kreieren viele Torchancen, die Abläufe stimmen, das macht extrem viel Spaß auf dem Platz."
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Es läuft derzeit wie am Schnürchen für die TSG Hoffenheim - und auch für Grischa Prömel. In SWR Sport spricht er über sein Comeback sowie über prominente Wegbegleiter.
Die Lauf- und Pressing-Maschine der Bundesliga
Und die renovierten Kraichgauer sind die "Kilometerfresser" der Bundesliga, was sich leicht auch mit statistischem Zahlenspiel unterfüttern lässt. Mit 2.349 Kilometern Laufleistung nach 19 Spielen werden die TSG-Jungs nur von den Bayern knapp übertroffen (2.353). Bei der Anzahl der Sprints (3.439) und der intensiven Läufe (14.490, rund 1.000 mehr als Verfolger Bayern) steht Hoffenheim sogar einsam an der Liga-Spitze. Rechtsverteidiger Vladimir Coufal, ein Kraftpaket und Energiebündel, liegt sogar in allen Wertungen als Einzelspieler vorne.
Das führt dazu, dass Christian Ilzers Team inzwischen als die Pressing-Maschine im deutschen Fußball gilt: immer attackieren, den Gegner jagen und keine Sekunde ruhen lassen. Diese dauernden Pressing-Momente vor allem zum richtigen Zeitpunkt auslösen, auch das ist der neue Hoffenheimer Fußball.
Bundesliga Andrej Kramarić zehn Jahre in Hoffenheim: "Es ist etwas sehr Besonderes"
Am Samstag spielt die TSG Hoffenheim in der Bundesliga gegen Bayer 04 Leverkusen. Beim Heimspiel wird Andrej Kramarić zu seinem zehnjährigen Jubiläum geehrt. Es ist eine große Feier geplant.
Harte und intensive Trainingseinheiten unter Ilzer
Ein Gesamtsystem, das allerdings nur mit einer überaus fitten und motivierten Mannschaft möglich ist. Was wieder zurück zur Arbeit von Christian Ilzer und seinem Trainerteam führt. Der 48-Jährige, der in Österreich bereits mit 17 seine ersten Trainerfahrungen sammelte und später ganz unten in der achten Liga seine Karriere an der Seitenlinie begann, fordert seinen Jungs sehr viel ab, findet dabei aber offensichtlich den richtigen Ton bei Jung und Alt.
"Wir haben bei der TSG Hoffenheim unglaubliche Möglichkeiten auf dem Gelände, trainieren sehr intensiv", beschreibt der Vize-Kapitän Grischa Prömel im Interview mit SWR Sport die Arbeit unter Christian Ilzer. "Der Trainer verlangt viel von uns, aber er gibt uns auch viel zurück. Er strebt immer nach dem Maximum und tut alles für den Erfolg". Ilzer, so Prömel, "legt extrem viel Wert darauf, dass das Trainingsniveau hoch ist."
Viele personelle Alternativen
Für die dosierte Belastungssteuerung rotiert Ilzer aber auch dank vielfältiger Alternativen immer wieder geschickt durch die Startelf. Beispiel: Während das superschnelle Top-Talent Touré beim Afrika-Cup weilte, beackerte der österreichische Landsmann Alexander Prass die linke Seite in herausragender Art und Weise, schoss in Bremen ein Traumtor. "Ich glaube, wir sind oft im richtigen Moment an der richtigen Stelle. Das kommt auch einfach mit der Energie, die wir auf den Platz bringen. Und das verdienen wir uns auch irgendwo", analysierte Torschütze Prass den aktuellen Lauf seines Teams.
Endlich steht das "Sorgenkind" Abwehr
Stichwort Defensive: Kassierten die Hoffenheimer in den vergangenen zwei Saisons jeweils mehr als 60 Treffer, stehen in dieser Runde nach 19 Spielen gerade einmal 22 Gegentore zu Buche. Die neuformierte Abwehr, das Sorgenkind der Vergangenheit, steht endlich stabil und damit auch das Grundgerüst für das gesamte Team. Hinzu kommt, dass der souveräne Kapitän Oliver Baumann (35), gestärkt als neue Nummer eins im deutschen Tor, gerade die womöglich beste Saison seiner langen Karriere spielt, einmal mehr Rückhalt und Führungsspieler der Mannschaft ist.
Nur die Bayern schossen mehr Tore
Und vorne, in der Abteilung Attacke, sind die flinken, geradlinigen Kraichgauer mit bislang 40 Toren, davon mehr als 30 aus dem Spiel heraus, sowieso kaum zu bremsen. Nur der Meister aus München schaffte bislang (deutlich) mehr. Dazu kommt die Unberechenbarkeit der TSG-Stürmer im präzisen Angriffsspiel: Mit Asllani, Kramaric, Lemperle und Prömel teilen sich gleich vier Spieler mit jeweils sechs Treffern die aktuelle TSG-Torjägerkrone.
Dahinter lauern im Sturm mit U17-Weltmeister Max Moerstedt (zwei Tore) und Winter-Neuzugang Cole Campbell (aus Dortmund) zwei Top-Talente auf ihre Chance. Dass bereits elf verschiedene Spieler in dieser Saison ins gegnerische Gehäuse trafen, untermalt den von allen getragenen furiosen Angriffsfußball im Kraichgau.
Bundesliga TSG Hoffenheim: Vom Abstiegs- zum Europapokal-Kandidaten
Die TSG Hoffenheim stand vor einem Jahr noch auf dem Abstiegs-Relegationsplatz 16. Aktuell, nach dem 5:1 gegen Borussia Mönchengladbach, sind die Hoffenheimer ein Kandidat für den Europapokal.
Am Samstag gegen Union Berlin, dann zum FC Bayern
Man darf äußerst gespannt sein, was Hoffenheim in den restlichen 15 Spielen dieser Bundesliga-Saison sportlich noch in Bewegung setzt. An diesem Samstag (15:30 Uhr / live im Audiostream auf sportschau.de) empfängt die TSG daheim Union Berlin, nächste Woche steht dann das Gipfeltreffen bei Meister und Tabellenführer Bayern München an.
Stand jetzt muss sich das Team von Christian Ilzer vor niemandem fürchten. Das Traumziel Europapokal am Ende der Saison wird immer reeller: "Unsere Zielstellung ist, dass wir hungrig bleiben, dass wir immer wissen - auch im Erfolg -, was wir noch besser machen können", so Christian Ilzer, der auch in der Siegesserie betont demütig bleibt, "Erfolg füttert auch immer ein bisschen das Ego, das muss man geschickt abmoderieren."
Christian Ilzer Meister und Pokalsieger mit Sturm Graz
Mit dem Außenseiter Sturm Graz wurde Christian Ilzer vor seiner Zeit in Hoffenheim überraschend Österreichischer Meister und zweimal Pokalsieger. In der Qualifikation zur Champions-League-Gruppenphase scheiterte er mit seinem Team nur knapp. Aber wer weiß, vielleicht geht es ja für ihn mit der TSG Hoffenheim Mitte Mai direkt hinein in die Königsklasse des Fußballs: "Jeder träumt von der Champions League, jeder setzt sich maximale Ziele", sagt Ilzer auf Nachfrage. Dem vor einem knappen Jahr noch milde belächelten Trainer-Visionär mag man inzwischen alles zutrauen.