FIFA-Präsident Gianni Infantino hat einen neuen Weg gefunden, um den Profit seiner Organisation zu steigern. Ein professionell geführter Verband strebt mit professionellen Mitteln eine Gewinnmaximierung an - willkommen in der Welt des Profifußballs auf globaler Ebene. Das kommerzielle Ende ist schlicht und ergreifend nach oben offen. Dass Infantino damit um die Ecke kommt, ohne es vorher in diversen Gremien zu diskutieren, darüber kann man natürlich streiten.
Damit wir uns richtig verstehen, ich bin ganz sicher nicht einer der vielen hochbezahlten Anwälte der FIFA. Auch finde ich die allermeisten Stunts, die ihr Präsident so hinlegt, grotesk und hochnot peinlich. Aber wir wissen alle: ob in der Bundesliga, der Premier League oder sonstwo - die Kohle macht den Unterschied. Mehr Kohle bedeutet in vielen Fällen auch mehr Erfolg. Und wenn die FIFA noch flüssiger wird, werden höchstwahrscheinlich auch klitzekleine Verbände davon profitieren, die uns bei der gerade beendeten WM so viel Freude gemacht haben. Kap Verde und Curacao sind zwei Beispiele.
Die Kritik ist zum Teil scheinheilig
Kaum war die Idee in der Welt, privaten Investoren die Tür zu Anteilen an einer Weltmeisterschaft zu öffnen, da war der reflexartige Aufschrei insbesondere in Europa riesengroß. Da wurde sich zum Teil "geekelt" und davon geredet, dass die Seele des Spiels verkauft und Grenzen überschritten werden würden. Echt jetzt!? Kapitalismus und die Kritik an ihm ist ein Thema, welches so grün ist wie der Rasen in Wembley. Aber man sollte dabei nicht Wasser predigen und Wein saufen.
Werden nicht auch im professionellen Vereinsfußball europaweit Anteile an Investoren verkauft? Weiß jemand, wie hoch deren Einfluss auf die jeweiligen Klubs ist? Der FC Liverpool gehört der US-amerikanischen "Fenway Sports Group", Paris Saint-Germain gehört zu hundert Prozent "Qatar Sports Investments (QSI)" unter Nasser Al-Khelaifi. Es sind nur zwei von zahlreichen Beispielen.
Hat nicht auch die UEFA die Champions League jüngst reformiert, um mehr Geld einzunehmen? Die Bundesliga verfolgte in der jüngsten Vergangenheit Investorenpläne und beschäftigt sich aktuell mit einem Mega-Angebot eines US-Finanzinvestors. Und die höchste Spielklassse im Frauenfußball hört hierzulande auf den griffigen Namen "Google Pixel Frauen-Bundesliga". Der FC Bayern München würde vielleicht heute noch eine Sponsoring-Partnerschaft mit der Tourismusmarke "Visit Rwanda" pflegen, aber die Kritik von allen Seiten vergangenes Jahr war dann doch zu heftig. Welche Autorität in Sachen Kommerz legt eigentlich fest, welche Grenze wo liegt?
Geht es all den Verantwortlichen in Europa, all den aktuell empörten Kritikern wirklich um die Seele des Fußballs, oder sind sie nicht einfach nur neidisch, dass es da jemanden gibt, der das Spiel um Macht und Moneten einfach auf einem höheren Level zelebriert!? Für mich spielt hier viel zu viel "politische Korrektheit" mit hinein. Man gibt zu Protokoll, was der Kunde - sprich der Fan - gerne hören möchte.
Was ist die Seele des Fußballs?
Eines vorneweg: Ich weiß es nicht mehr - falls ich es je gewusst habe. Ich konnte mich früher dafür begeistern, wie kreativ die Fans ihren Verein im Stadion feiern (Choreos, Gesänge etc.). Alles rund um Traditionsvereine faszinierte mich. Und ein besonderes Faible habe ich nach wie vor für "One-Club-Player" (Francesco Totti, Paolo Maldini oder Sepp Maier). Loyalität ist ein sehr hohes Gut! Heutzutage wechseln Spieler schneller ihren Verein als man das Wort Trinkpause sagen kann. Karrierepläne sind Pflicht, Vereinstreue weniger. Mannschaftsteile, die über Jahre zusammenspielen, sind größtenteils Geschichte. Vereine sind zu Unternehmen geworden - werden mehr oder weniger professionell geführt. Ich kritisiere das schon lange nicht mehr. Es ist eine Entwicklung, die wer weiß wohin führen wird. Aber der Profifußball hat für mich schon längst das, was seine Seele sein soll, an den Mammon verscherbelt.