Nach der Bundesliga ist vor der Nationalmannschaft - und zwischendrin noch Zeit für SWR Sport: Joshua Kimmich ist ein viel gefragter Mann. Einen Tag nach dem 4:0 seines FC Bayern gegen Union Berlin sprach der 31-jährige Bösinger am Rande des Trainer-Lehrgangs in der "Kimmich Academy" in Rottweil mit SWR Sport über seine Heimat, die Bundesliga und die DFB-Elf vor den WM-Tests gegen die Schweiz (27. März) und in Stuttgart gegen Ghana (30. März).
SWR Sport: Joshua Kimmich, wie geht es Ihnen am Tag nach dem Bundesligaspiel mit dem FC Bayern gegen Union Berlin? Tut noch irgendetwas weh mit Ihren 31 Jahren - oder fühlt sich alles so locker-leicht an, wie sich das Ergebnis anhört?
Joshua Kimmich: Momentan fühlt es sich tatsächlich gut an. Klar, wenn man die Spiele gewinnt und mit einem positiven Gefühl aus der Partie geht, tut es am nächsten Tag nicht weh. Bei Bayern geht es viel um das Ergebnis, aber nicht nur. Es geht auch um die Art und Weise - und die war bei uns sehr, sehr gut. Jetzt kommen die entscheidenden Wochen - und wir sind optimal vorbereitet. Jetzt hoffe ich, dass auch alle fit und gesund bleiben.
Wir sind hier in Rottweil. Haben Sie sich das als Kind hier früher auch nur ansatzweise erträumen lassen, dass Sie einmal eine solche Karriere hinlegen?
Ehrlicherweise nicht. Es war nicht absehbar. Ich war hier in der Region als Kind ein guter Spieler. Als ich dann zum VfB Stuttgart (2007 bis 2013, Anm. d. Red.) gewechselt bin war es nicht mehr so, dass ich da aus der Masse krass herausgestochen bin. Es hätten wenige gedacht, dass ich dann so einen Weg gehe. Dass man vielleicht Profi wird ist das eine, aber beim FC Bayern und in der Nationalmannschaft zu spielen, ist schon etwas Besonderes. Das ist schon ein hohes Niveau.
Wie heimatverbunden sind Sie?
Ich bin tatsächlich sehr heimatverbunden. Es wird aber immer weniger, dass ich hier bin. Die "Kimmich Academy" und die Stiftungsarbeit sind aber immer ein Grund, nach Hause zu kommen. Sonst ist es durch meine vier Kinder schwer - meine Familie kommt dafür öfters nach München. Trotzdem habe ich noch viel Kontakt zu meinen Kumpels hier.
SWR Sport | 24. Mai ab 22:00 Uhr SWR Sport mit DFB-Pokalfinale, Europa League-Finale und Nils Petersen
Europa League-Finale mit dem SC Freiburg, DFB-Pokalfinale VfB Stuttgart gegen FC Bayern und der deutsche WM-Kader. Viel Gesprächsstoff mit Studiogast Nils Petersen, Ex-Freiburg-Profi.
Wie verfolgen Sie ihren Ex-Klub VfB Stuttgart oder den SC Freiburg? Kriegen Sie mit, was da passiert?
Beides sind potentielle Gegner im DFB-Pokalfinale. Den VfB verfolge ich noch etwas intensiver, weil ich da gespielt habe und als Kind immer VfB-Fan war. Dementsprechend freut mich der momentane gute Lauf sehr. Sie sind jetzt unglücklich gegen Porto aus der Europa League ausgeschieden. Das tat weh - vor allem, wenn man die Spiele und die Vielzahl an Chancen gesehen hat. Da hängt man schon noch so ein bisschen dran und guckt nach Spielen oder Ergebnissen, wenn es die Zeit zulässt.
Bei Freiburg verfolge ich die Ergebnisse. Auch da muss man sagen, dass die Arbeit in den letzten Jahren beeindruckend ist, vor allem hinsichtlich der Jugendspieler. Das ist ein gutes Vorbild für andere Klubs.
Das ist Ihnen mit der "Kimmich Academy" ja auch wichtig. Sie wollen der Region etwas zurückgeben. Was ist der Hintergrund für Sie?
Ich bin hier groß geworden und habe gemerkt, dass das schon eine fußballverrückte Region ist, in der es aber kein Nachwuchsleistungszentrum gibt. Wenn man sich auf dem höchsten Niveau messen möchte, muss man irgendwann mit 11, 12, 13 Jahren zum VfB, zu Hoffenheim oder zum SC Freiburg. Das ist eben alles über 100 Kilometer weg, so dass man dann von den Eltern abhängig ist in Sachen Unterstützung oder Fahren. Oder man muss ins Internat oder umziehen. Und da wollen wir mit der "Kimmich Academy" ansetzen. Wir wollen neben dem Vereinsfußball und dem Stützpunkttraining Kindern eine Chance geben, auf allerhöchstem Niveau Fußball zu spielen. Wir versuchen das ganzheitlich anzubieten, gehen etwa auch an Schulen damit, und sind für alle offen. Ziel ist es, dass man sein Elternhaus nicht verlassen muss, sondern dass man auch hier in Rottweil die Chance hat, auf höchstem Niveau mit Top-Trainern zu arbeiten.
Suchen Sie diese Top-Trainer selbst mit aus?
Wir geben gewisse Werte und Leitlinien mit vor. Zudem wollen wir mit der "Kimmich Academy" für eine bestimmte Art und Weise des Fußballs stehen. Die Trainer an sich suche ich nicht selbst aus. Unser Geschäftsführer Manfred Flohr hat da sehr viel Expertise und ein gutes Händchen.
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Sie haben mittlerweile über 100 Länderspiele. Im Sommer steht die WM 2026 an. Wenn ich mich daran erinnere wie enttäuscht Sie nach dem Ausscheiden bei der WM 2022 in Katar waren: Ist es für Sie ein Bedürfnis, bei der WM 2026 etwas geradezurücken?
Zum Glück findet man Wege, um mit Niederlagen und Enttäuschungen umzugehen. Im Fußball liegt das oft nahe beieinander. Momentan fühlt sich alles gut an, mal schauen, wie es in vier Wochen aussieht. Mit der Nationalmannschaft waren es sehr, sehr viele Turniere, die nicht gut waren. Ich bin 2016 dazu gekommen - da haben wir eine sehr gute EM gespielt und ein Jahr später den Confed Cup gewonnen. Danach war es ehrlicherweise sehr, sehr dünn. Gerade bei einer WM habe ich noch nie die K.o.-Phase erreicht. Die letzte EM vor zwei Jahren in Deutschland war ok, aber trotzdem sind wir im Viertelfinale ausgeschieden. Dementsprechend gibt es mit dem DFB-Team noch sehr große Ziele - wobei wir natürlich wissen, dass alles sehr gut laufen muss, wenn wir angreifen wollen.
Wie wichtig sind die Test-Länderspiele, die jetzt anstehen?
In der Situation, in der wir uns befinden, sind sie sehr wichtig. Die letzten Länderspiele waren nicht konstant positiv, dementsprechend tut uns jedes Spiel gut. Ich glaube, dass die Truppe mit mehr Spielen schon nochmal näher zusammenrückt. Deswegen ist es auch wichtig, dass wir alle an Bord haben, jede Absage ist bitter. Die März-Länderspiele liegen vor einer entscheidenden Saisonphase, so dass sich vielleicht der ein oder andere sagt: "Komm', da lass ich mal ein Spiel weg!" Das darf bei uns nicht der Fall sein. Es darf nicht sein, dass irgendjemand keine Lust hat, ein Länderspiel zu machen. Es ist etwas ganz Besonderes, für Deutschland zu spielen. Deshalb müssen wir da alle hinfahren und Bock drauf haben! Wir müssen heiß darauf sein, uns als Team weiterzuentwickeln, um bei der WM eine Rolle spielen zu können.
Es gibt Spieler, die hätten wahnsinnig Lust dabei zu sein, wurden aber nicht nominiert. Etwa Angelo Stiller vom VfB Stuttgart. Werden Sie als Kapitän von Bundestrainer Julian Nagelsmann in solche Entscheidungen eingebunden?
Man tauscht sich schon aus, aber Nominierung und Personal ist Aufgabe des Trainers. Da vertrauen wir Spieler darauf, dass er die richtigen Entscheidungen trifft.
Ist es möglich, mit der Nationalmannschaft so dominant aufzutreten wie mit dem FC Bayern?
Ich glaube tatsächlich, es hilft uns im Nationalteam, wenn viele Bayern-Spieler auf dem Platz stehen. Weil wir eingespielt sind und jeden Tag miteinander trainieren. So haben wir gewisse Automatismen drin. Trotzdem ist es wichtig, dass andere Mannschaften wie der BVB oder der VfB, die viele deutsche Spieler drin haben, gut performen. Wichtig ist, dass wir es schaffen, eine gute Truppe zu bilden mit vielen Spielern, die sich kennen, sei es aus der Nationalmannschaft oder aus dem Verein.