Diskussionen über lange Nachspielzeiten

Schiri-Chef Kircher: "Spielzeit von nur noch 60 Minuten denkbar"

Knut Kircher ist verantwortlich für die Schiedsrichter in der Bundesliga. In SWR1-Stadion sprach er über Spielverzögerungen und über den möglichen Einsatz einer KI bei Handspiel.

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Von Autor/in Holger Kühner

Da, wo Knut Kircher wohnt, in Rottenburg, gibt es einen interessanten Fußballplatz. Oberhalb des alten Steinbruchs neigt sich eine Wiese Richtung Neckartal, selbst die großen Fußballtore stehen etwas schief, die Linien rund um das Spielfeld muss man sich denken. Ein schöner Bolzplatz, der vor allem lange Nachspielzeiten provoziert.

Viele Spielunterbrechungen, weil der Ball ständig im dichten Gebüsch oder in einem der Obstbäume landet. Eine Fortbildungsmaßnahme für seine Schiris wird Knut Kircher auf der Fußballwiese in Rottenburg-Kalkweil definitiv nicht abhalten. Für die aktuellen Diskussionen um Regeländerungen braucht's aber auch keinen holprigen Bolzplatz.

Der AVAR addiert Sekunden und Minuten und errechnet die Nachspielzeit

Als der Geschäftsführer der DFB Schiri GmbH Knut Kircher an diesem Samstag (09.08.2025) ins SWR1-Studio kommt, brummt sein Handy. Gerade eben sind die Zweitligaspiele zu Ende gegangen. Das Spiel zwischen Eintracht Braunschweig und Greuther Fürth (3:2) brachte es auf eine Nachspielzeit von elf Minuten. Das ist neu, folgt aber einer neuen, transparenten Linie, an die sich alle Schiedsrichter halten müssen.

Clubs hätten den Schiedsrichtern vorgehalten, keine einheitliche Regelung bei Nachspielzeiten zu haben. "Dem wollten wir Einhalt gebieten, Klarheit reinbringen", sagt Kircher. Im Video Assistant Center (VAC) in Köln sitzt deswegen nun auch noch ein AVAR. Der Assistent des Videoschiedsrichters (Video Assistant Referee) schreibt jede einzelne Unterbrechung auf. 30 Sekunden für jedes Tor, 30 für jeden Auswechslungs-Slot.

Auch Verletzungsunterbrechungen und Trinkpausen werden erfasst und notiert. Der AVAR addiert die Sekunden und gibt die errechnete Nachspielzeit an den Schiedsrichter weiter: Damit "holen wir die verlorengegangene Spielzeit nach und machen das jetzt exakter". Das, so Kircher mache den Fußball berechenbarer.

Kircher: Spielzeit von nur 60 Minuten wie im Handball denkbar

SWR1-Hörer Hartmut möchte wissen, warum es im Fußball keine Zeitnehmer gebe, die wie im Handball die tatsächliche Zeit nehmen. Auch darüber mache man sich Gedanken, sagt Kircher. "Aktuell beträgt die reine Spielzeit 58:40 Minuten pro Bundesligaspiel. Man könnte einen Zeitnehmer einsetzen, wie im Handball, und die Zeit bei jeder Unterbrechung anhalten und dann 60 Minuten spielen lassen statt 90 Minuten." Ziel sei dabei eine Netto-Spielzeit von 60 Minuten, "diese Gedanken sind schon auch da", so Kircher.

Künstliche Intelligenz könnte bei Handspiel zum Einsatz kommen

Mit einigen Neuerungen soll das Spiel noch transparenter werden. Die Pilotphase der Schiedsrichterdurchsagen im Stadion sei abgeschlossen, bestätigte Kircher. Auch in der 2. Liga werde es diese Durchsagen vom 9. Spieltag an bei jedem Spiel geben. Noch seien nicht in allen Stadien die technischen Voraussetzungen dafür da.

Bei den oft emotional geführten Diskussionen um Handspiel werden sich Deutscher Fußball Bund (DFB) und Deutsche Fußball Liga (DFL) möglicherweise Unterstützung einer KI bedienen. "Wir machen parallel eine Studie, um tatsächlich mit KI solche Dinge zu erfassen und unterstützen zu lassen, ähnlich wie wir das mit der 'Halbautomatik Abseitserkennung' machen", sagte Kircher.

TV-Reporter Tom Bartels fragt nach der "Acht-Sekunden-Regel"

Auch bei Spielverzögerungen will Kircher, dass die Schiedsrichter konsequenter handeln. TV-Reporter Tom Bartels sprach in SWR1-Stadion erst über die Wechselgerüchte um Nick Woltemade vor dem Testspiel des VfB Stuttgart gegen Bologna und fragte Knut Kircher dann, ob man bei der "Acht-Sekunden-Regel" nicht strenger sein müsste - Torhüter dürfen den Ball nur noch acht Sekunden festhalten und dann zurück ins Spiel bringen. Das sei keine "Kann-Regel", das müsse umgesetzt werden. "Wenn Schiedsrichter das nicht machen, werden wir mit ihnen reden." Die Strafe für diese Form der Spielverzögerung: Eckball für die gegnerische Mannschaft.

Zuschauertribüne im "Kölner Keller" - demnächst in Frankfurt

Bei einem Bundesligaspiel seien bis zu zehn Personen im Einsatz, die ein Spiel leiten und checken. Neben dem Schiedsrichter zwei Assistenten, ein Vierter Offizieller. Dazu kämen im VAC noch zwei "Operator" pro Spiel, ein Schiedsrichterbeobachter im Stadion und bei Bedarf noch ein Schiedsrichtercoach.

Das Interesse an dieser Organisation hinter dem Spiel nehme immmer mehr zu, sagte Knut Kircher. Man überlege sogar, Zuschauern die Möglichkeit zu geben, ein Fußballspiel im Video Assistant Center zu verfolgen. Und um all den Anforderungen gerecht zu werden, werde der VAC demnächst auf den DFB-Campus nach Frankfurt ziehen.

Interesse bei Schiedsrichterinnen steigt

Erfreut ist Kircher darüber, dass es einen Zuwachs bei jungen Schiedsrichterinnen gebe: "Die aktuelle Entwicklung liegt bei einer Steigerung von vier bis fünf Prozent". Man habe außerdem mit Fabienne Michel (3. Liga) und Davina Lutz zwei große Talente. Kircher ist überzeugt, "dass die beiden den nächsten Schritt in die 2. Liga machen werden". Trotzdem sei er enttäuscht, dass bei der Fußball-Europameisterschaft keine deutsche Schiedsrichterin dabei war - noch nicht.

Zur Person:
Knut Kircher (56) ist Geschäftsführer Sport und Kommunikation der DFB Schiri GmbH, einer Tochtergesellschaft der DFB GmbH & Co. KG und der DFL Deutsche Fußball Liga GmbH. Kircher, der im württembergischen Rottenburg lebt, leitete als Schiedsrichter 244 Bundesligaspiele und 128 Spiele der 2. Liga. Zwischen 2004 und 2012 war er FIFA-Schiedsrichter. In den Jahren 2011 und 2012 war er in Deutschland Schiedsrichter des Jahres.

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Holger Kühner