Die Woche des Nick Woltemade war und ist keine normale: Zunächst wurde öffentlich, dass der VfB Stuttgart den bis 2028 laufenden Vertrag mit dem Shootingstar gerne vorzeitig und zu deutlich erhöhten Bezügen - kolportiert wurde ein Angebot über rund 2,5 Millionen Euro - um ein Jahr bis 2029 verlängern würde. Am Mittwoch berichtete die spanische Sporttageszeitung "Marca", dass die Verantwortlichen von Real Madrid sich offenbar ernsthaft mit einer Verpflichtung des 23-Jährigen befassen. Mittwochabend erreichte Woltemade dann mit der deutschen U21 bei der Europameisterschaft in der Slowakei das Finale. Beim 3:0-Erfolg gegen Frankreich in der Vorschlussrunde steuerte der Angreifer ein Tor bei: sein sechster Turniertreffer im vierten Einsatz.
U21 | Europameisterschaft Weiper, Woltemade, Gruda: Deutsche U21 schlägt Frankreich und erreicht EM-Finale
Die deutsche U21 greift nach dem EM-Titel. Nach dem Halbfinal-Erfolg gegen Frankreich wartet nun England im Endspiel.
Am Donnerstagabend schließlich wurde von verschiedenen Medien öffentlich gemacht, dass Woltemade sich mit dem FC Bayern München über einen Wechsel in diesem Sommer geeinigt habe. Am Freitagmorgen soll er dann den VfB Stuttgart über diesen Entschluss informiert haben.
Freitagnachmittag saß der 1,98-Meter-Mann auf einer UEFA-Pressekonferenz, es waren aber keine Fragen bezüglich eines möglichen Wechsels zum deutschen Rekordmeister erlaubt. Und am Samstagabend (28.06.) wartet dann noch das sportliche Highlight auf Woltemade und seine Mannschaft: das EM-Finale gegen England.
Das Endspiel ist nur noch eine Nebensache
Das ist für mich die eigentliche Krux: Das Endspiel, das der Höhepunkt eines tollen Turnieres für den deutschen Fußball-Nachwuchs sein soll, ist zur Nebensache geraten. Stattdessen geht es seit Tagen praktisch nur noch um Woltemade. Der Blick in die Medien und sozialen Netzwerke zeigt: Das Interesse an seiner Zukunft und die daraus resultierende öffentliche Anteilnahme sind riesig. Die Leistung der anderen Spieler geht durch diese Omnipräsenz fast unter. Das ist nicht gerecht.
Woltemade in der abgelaufenen Spielzeit nicht für die Champions League nominiert
Ich kann nicht nachvollziehen, warum Woltemade und seine Berater einen Transfer nun scheinbar derart forcieren wollen. Und finde sogar, er ist im Sinne einer guten Karriereplanung aktuell schlecht beraten. Denn wenn man realistisch auf den Status Quo schaut, ist Woltemade beim VfB Stuttgart im Moment am richtigen Ort. Zur Erinnerung: Erst zu Beginn dieser abgelaufenen Saison kam Woltemade ablösefrei aus Bremen. Als großes Talent, aber auch mit großen Defiziten. Seinerzeit reichte es noch lange nicht für die erste Elf: An den ersten acht Bundesligaspieltagen fehlte er viermal im Aufgebot der Schwaben. Und auch in den Kader für die Champions League schaffte es der Stürmer nicht, wobei hier natürlich auch die komplizierten UEFA-Regularien eine gewichtige Rolle spielten..
VfB-Trainer Sebastian Hoeneß und sein Team arbeiteten deshalb akribisch mit dem jungen Angreifer, insbesondere in Sachen Positionierung und Entscheidungsfindung. Dies trug schnell Früchte. Woltemade wurde zunächst zur Stammkraft und in der Rückrunde dann zum Leistungsträger.
Und genau das ist für mich der wichtigste Grund dafür, mindestens ein weiteres Jahr in Stuttgart zu bleiben: Es war "nur" ein gutes halbes Jahr. Diese Leistung sollte er mit einem Coach, der auf ihn vertraut und an seinen Schwächen arbeitet, erstmal bestätigen. Zudem hat Woltemade noch nie europäisch gespielt - mit dem VfB hätte er als DFB-Pokalsieger diese Möglichkeit in der kommenden Spielzeit in der Europa League. So könnte der Stürmer die Vierfachbelastung, die er ja noch nicht hatte, mal kennenlernen.
Nur wer spielt, wird besser
Ein weiteres Argument für einen Verbleib ist für mich, dass im Sommer 2026 eine Weltmeisterschaft stattfindet. Als Stammspieler in Stuttgart hätte er da sicher beste Chancen. Bei den Bayern müsste Woltemade, trotz aller Veranlagung, seinen Platz erst finden. Der Druck beim deutschen Rekordmeister ist maximal, daran sind schon ganz andere gescheitert. Das finde ich riskant im Hinblick auf die WM - denn nur wer spielt, wird besser.
Zuletzt bedeutet ein weiteres Jahr beim VfB ja nicht, dass die Tür zu einem Topklub damit geschlossen ist. Im Gegenteil: Nach einer weiteren Saison in Stuttgart und der WM 2026 stünden ihm wahrscheinlich alle Türen offen. Es gibt also genug triftige Gründe für einen Verbleib in Stuttgart.
Was ich angesichts von drei weiteren Vertragsjahren mit Stuttgart zudem nicht in Ordnung finde ist, dass die Gespräche Woltemades mit dem FC Bayern offensichtlich hinter dem Rücken der VfB-Verantwortlichen stattfanden. Diese sollen genauso überrascht worden sein wie die Fans des schwäbischen Traditionsklubs. Sollte dies tatsächlich so passiert sein, ist das für mich schlechter Stil.
VfB soll 100 Millionen Euro für Woltemade aufrufen
Deshalb halte ich es für richtig, dass VfB-Sportvorstand Fabian Wohlgemuth und Co. dem FC Bayern signalisieren, dass eine Verpflichtung Woltemades kein Selbstläufer wird. Die Stuttgarter Verantwortlichen halten angesichts eines Kontrakts, der bis 2028 läuft und keine Ausstiegsklausel beinhalten soll, alle Trümpfe in der Hand. Wie der "kicker" berichtet, sei der VfB erst ab einem Bayern-Angebot über 100 Millionen Euro bereit, sich an der Verhandlungstisch zu setzen. Ich sage: richtig so! Entweder der FCB streckt sich - oder Woltemade kickt noch wenigstens eine Saison in Stuttgart.
Realistisch wird wohl allerdings sein, dass sich die Parteien irgendwo in der Mitte treffen. Dann wird der Wechsel zeitnah nach der Klub-WM, bei der die Münchner gerade mitspielen, über die Bühne gehen. Stuttgart darf sich dann über eine neue Rekord-Ablöse freuen, so viel lässt sich jetzt schon sagen. Und die Bayern über die Verpflichtung des aktuellen deutschen Shootingstars.
Und Nick Woltemade selbst? Ich traue es ihm zu, sich bei den Bayern durchzusetzen - trotz meiner Bedenken. Doch zunächst wünsche ich ihm einen versöhnlichen Abschluss seiner mehr als turbulenten Woche - auch wenn mir persönlich die Lust aufs U21-EM-Finale aufgrund des Theaters um seine Person vergangen ist.