Als Merlin Röhl in der 117. Minute an der Strafraumkante an den Ball kommt, fackelt er nicht lange: Ein Kontakt und schon liegt der Ball in Schussposition. Der 22-Jährige zieht durch und schießt Deutschland ins Halbfinale der U21-Europameisterschaft. "Der Treffer bedeutet mir schon viel. Ich habe den Moment sehr genossen", sagte Röhl hinterher: "Ich habe viele Aufs und Abs in dieser Saison gehabt. Darum bin ich noch dankbarer für solche Momente."
Röhls schwierige Saison beim SC Freiburg
Denn für Röhl war es der Höhepunkt einer schwierigen Saison beim SC Freiburg. In der letzten Saison unter Ex-Coach Christian Streich entwickelte sich der gebürtige Potsdamer zu einem Stammspieler und Leistungsträger. Als solcher ging er auch in die erste Saison unter Julian Schuster. Doch ein Anriss der Syndesmose warf ihn im September zurück.
Er verpasste zwölf Spiele und konnte erst Ende 2024 aufs Spielfeld zurückkehren. Danach kam er nur noch auf sieben Starfelf-Einsätze. Nachdem er im März und April auch noch unter Fersenproblemen litt, spielte Röhl im Freiburger Saisonfinale nicht mehr die gewohnte Rolle.
Röhls Einwechslung bringt Schwung ins deutsche Spiel
Im deutschen Spiel war er jedoch sofort einer der Aktivposten. Trainer Antonio di Salvo hatte Röhl gegen Italien zur 62. Minute eingewechselt - und nur fünf Minuten später hatte dieser die erste Chance. Doch Italien-Keeper Sebastiano Desplanches konnte seinen Kopfball parieren. Am 2:1 war Röhl dann auch beteiligt. Denn es war seine Flanke, die Stuttgarts Nick Woltemade zum Mainzer Nelson Weiper weiterleitete, der den Ball dann gekonnt über die Linie drückte (87.).
Auch Weiper war zuvor eingewechselt worden. Dass er eine Weile auf seinen Einsatz warten musste, hat den 20-Jährigen nicht gestört: "Wir haben viele tolle Spieler auf der Bank, die so ein Spiel dann auch entscheiden." Spieler wie Merlin Röhl.
Dabei war lange Zeit nicht klar, ob Röhl überhaupt spielen kann. Er hatte sich beim Abschlusstraining vor dem EM-Auftakt am Sprunggelenk verletzt und deshalb die ersten beiden Partien gegen Slowenien (3:0) und Tschechien (4:2) verpasst. Gegen England zum Vorrundenabschluss stand der 22-Jährige dann aber völlig überraschend schon wieder in der Startelf.
Röhl: "Ich bin dankbar"
"Vor ein paar Tagen war es noch komplett ausgeschlossen, dass ich spiele. Mir wurde gesagt, dass die Verletzung zehn bis 14 Tage dauern wird. Es gab sogar die Vermutung, es könnte noch schlimmer sein", sagte Röhl bereits am Mittwoch, nachdem er die DFB-Auswahl als Kapitän zum Gruppensieg geführt hatte.
Der DFB hatte Jochen Gruber, den Mannschaftsarzt des SC Freiburg, einfliegen lassen. "Der kennt mich schon länger und betreut mich seit Jahren. Das war eine tolle Zusammenarbeit von allen, auch dem medizinischen Team hier. Ich bin dankbar, dass ich immer noch hier bin, dass niemand nachnominiert wurde, dass ich einen Impact hatte", sagte Röhl.
DFB-Elf trotzt den Rückschlägen
Der Impact war auch bitter nötig, schließlich musste die DFB-Elf auf dem Weg ins Halbfinale ein paar heftige Rückschläge verkraften: "Dieser Moment, in dem wir in der 96. Minute das Tor kriegen, der hat schon etwas mit uns gemacht. Das haben wir dann ganz ordentlich weggesteckt. Es ist einfach wichtig, dass wir daraus lernen", meinte Röhl.
Deutschland hatte zu dieser Zeit zwei Spieler mehr - und hat Italien durch eine unbedachte Aktion in der Nachspielzeit jenen Freistoß geschenkt, den Giuseppe Ambrosino zum überaus glücklichen Ausgleichstreffer nutzte. Zuvor hatte Luca Koleosho vom FC Burnley Italien in Führung geschossen (58.). Im Anschluss tat sich Deutschland schwer, und es brauchte eine Standardsituation, damit Woltemade ausgleichen konnte (68.).
Deutschland gegen Italien: Entscheidung in der Verlängerung
So musste Deutschland in die Verlängerung. Allerdings hatte das Spiel merklich Kraft gekostet. Italien stellte sich mit den verbliebenen acht Feldspielern hinten rein, und die DFB-Elf tat sich sichtlich schwer, die doppelte Überzahl auszuspielen.
"Man hat in der Verlängerung gesehen, dass einige auf dem Zahnfleich gehen", sagte Röhl. "Aber wir sind ein Team, und jeder ist wichtig, auch die in der zweiten Reihe." Und in der 117. schlug sie dann: die Stunde des Helden aus der zweiten Reihe.