Meinung

Wo ist die Demut, Herr Bundestrainer? Nagelsmann sollte von seinen Spielern lernen

Nach dem bitteren WM-Aus zeigt sich die deutsche Nationalmannschaft demütig. Nur einer nicht: Der Bundestrainer. Er sollte von seinen Spielern lernen, findet Pirmin Styrnol.

Teilen

Stand

Von Autor/in Pirmin Styrnol

Ich verstehe schon, die Situation von Julian Nagelsmann ist keine leichte. Nicht nur wir hatten uns diese WM anders vorgestellt - er sicherlich auch. Und dennoch: Ist es denn wirklich so schwierig, einfach mal zuzugeben, dass man etwas verbockt hat? Die Spieler schaffen es doch auch. Deniz Undav bringt es auf Instagram auf den Punkt: "Wir haben Deutschland enttäuscht. Das sitzt. Mehr gibt es gerade nicht zu sagen."

Egal ob Undav, Nadiem Amiri, Joshua Kimmich, Kai Havertz oder Nick Woltemade - wer auch immer von den Spielern vors Mikrofon trat oder sich in den Sozialen Medien äußerte, traf den richtigen Ton. Man sei schockiert von der eigenen Leistung, man habe die Fans enttäuscht, man müsse sich selbst hinterfragen. Die Spieler sind sich ihrer Verantwortung bewusst. Und sie wissen anscheinend instinktiv, dass die Fans jetzt vor allem eines wollen: Ehrliche Demut. Warum weiß das der Bundestrainer nicht?

Anstatt sich vor seine Spieler zu stellen und als Führungsperson die Kritik an Taktik, Aufstellung und fehlendem Mut auf sich zu nehmen, macht er das, was er seit Monaten tut. Er sucht die Schuld bei anderen. Demut? Fehlanzeige. Natürlich hört man auch von Julian Nagelsmann die branchentypischen Floskeln. Natürlich sitzen dann "alle im selben Boot", wie er sagt. Aber das stimmt nicht. Der Bundestrainer sitzt am Steuer - er gibt die Richtung vor. Er sitzt nicht nur im Boot, er lenkt es.

Nagelsmann schiebt Verantwortung weg

Bei Julian Nagelsmann bleibt es aber beim "wir", in seiner Selbstkritik gibt es kein "ich". An der taktischen Aufstellung habe es nicht gelegen, vielmehr habe "man im Spielvortrag" einfach zu träge agiert. Im Klartext heißt das: Die Spieler haben seine Idee nicht richtig umgesetzt. Das ist keine Selbstkritik. Das ist das Gegenteil davon. Bei Magenta TV geht Nagelsmann direkt nach dem Spiel sogar noch weiter:

"Da stehen wir zu viert alleine vor dem Tor, da müssen wir nur querspielen, dann schieben wir den ins leere Tor. Da chippt der Deniz (Undav, Anmerk. d. Red.) den irgendwie auf den zweiten Pfosten." Man habe in diesem Moment in Führung gehen müssen, "das ist eine ganz einfache Aktion, da war ja nicht viel dahinter", so der Bundestrainer. Ich frage mich: Ist das nun die Art und Weise, wie wir in Deutschland mit Niederlagen umgehen? Indem der Chef seine Schützlinge vor den Bus wirft? Das ist nicht mein Verständnis von einer guten Führungskraft.

Die Spieler haben es verstanden. Sie sind bereit, die Verantwortung für ihr Scheitern zu tragen. Das finde ich gut. Der Bundestrainer sollte sich eine Scheibe von ihnen abschneiden.

Erstmals publiziert am
Stand
Autor/in
Pirmin Styrnol
Pirmin Styrnol