Glosse

FIFA-Show statt Fairplay: Diese WM hat den Sport endgültig verraten

Tor aberkannt, rote Karten per Präsidentenanruf, Rassismus ohne Folgen – der WM-Titel ist sportlich wertlos, doch der Respekt bleibt groß. Wann boykottieren die Fans endlich diesen Scheinwettkampf?

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Von Autor/in Julian Burmeister

Nein, es war kein neues Sommermärchen für uns Deutsche. Zu viel ist sportlich schiefgegangen, am Ende wohl auch menschlich. Zum Beispiel als der Bundestrainer Julian Nagelsmann vom Mann für alle Fälle in Rekordzeit zum Sündenbock für ein Ausscheiden gemacht wurde, auf das er wohl gar nicht so viel Einfluss gehabt hatte.

Denn es ist ja ein Tor gefallen für Deutschland in der Nachspielzeit, das aber nicht anerkannt wurde. Klar, aus Sportsgeist könnte man jetzt sagen: Akzeptieren wir, war eben ein Irrtum, kann vorkommen.

Rassismus bei der WM bleibt folgenlos

Aber diese WM hatte keinen Sportsgeist. Nicht wenn eine rote Karte mal eben per Präsidentenanruf zurück geordert werden kann. Nicht, wenn mehrere Teams und ihre Fans aufgrund ihrer Herkunft schikaniert werden und teilweise nicht einreisen dürfen. Nicht wenn Menschen mit dunkler Hautfarbe innerhalb und außerhalb des Stadions rassistisch angegangen werden und das folgenlos bleibt.

Schon seit Sepp Blatter eilt der FIFA ein Ruf als durch und durch korrupte Organisation voraus. Diese WM aber dürfte noch dem letzten Fan klar gemacht haben, dass die Unversehrtheit des Sports, seiner Werte und des Wettkampfgeistes nicht mehr sind als Werbesprech. Reine PR.

Schiedsrichter Raphael zeigt Folarin Balogun (nicht im Bild) im Spiel zwischen den Vereinigten Staaten und Bosnien und Herzegowina die rote Karte
Wie viel Frust lässt sich noch ertragen? Schiedsrichter Raphael zeigt im Spiel zwischen den Vereinigten Staaten und Bosnien und Herzegowina die rote Karte Anadolu | Tayfun Coskun

Unterhaltungsfaktor: Messi, Ronaldo, Haaland, Neymar

Und doch: Auch nach dem deutschen Ausscheiden und trotz der eben genannten Ausfälle war diese WM in den vergangenen Wochen Unterhaltungsfaktor Nummer eins: das Schicksal von Messi, Ronaldo, Haaland, Neymar & Co. Sie waren in aller Munde, omnipräsent.

Der reflexhafte Respekt vor dem WM-Titel ist einfach zu groß, auch wenn er sportlich wertloser nicht sein könnte. Nachdem der FIFA-Boss Infantino dermaßen offen und schamlos seine Korruptheit offenbart hat, wie vor dem Spiel Belgien gegen die USA, als ein Anruf Trumps bei ihm reichte, um den amerikanischen Topstürmer trotz verdienter Sperre auflaufen zu lassen. Das dürfte nur die Spitze des Eisbergs gewesen sein.

Französische Fußballfans halten bei der WM ein Bild von FIFA-Präsident Gianni Infantino mit Geldscheinen.
Französische Fußballfans halten bei der WM ein Bild von FIFA-Präsident Gianni Infantino mit Geldscheinen. picture alliance / GES/Marvin Ibo Güngör | Marvin Ibo Güngör

Tour de France, Formel 1, Reitsport – und die Männer-WM

Und noch ein Reflex darf uns Sorgen machen: Wie schon so oft zuvor verschließen wir als Gesellschaft die Augen vor Situationen, in denen das, was uns lieb und teuer ist, mutwillig kaputt gemacht wird.

Da wäre die Tour de France, die nach diversen Dopingskandalen weiter ihr Publikum hatte, oder auch die früheren Formel-1-Rennen, beliebt auch dann noch, als dabei regelmäßig Fahrer tödlich verunglückten. Oder nehmen wir den Reitsport, der sich hält, trotz Tierquälerei. Augen zu und durch, das war schon immer das Einfachste, Konfliktfreieste. Auch wenn das Highlight im Fernsehen nur eine Märchenkulisse mit Scheinwettkampf ist.

So wie jetzt bei dieser Fußball-Weltmeisterschaft der Männer. Die hätte das Publikum eigentlich boykottieren müssen, um mal ein ernsthaft sportliches Zeichen zu setzen.

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Julian Burmeister
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