Etwas angespannt und den fokussierten Blick nach vorne gerichtet, sitzt Lukas Dauser auf den blauen Turnmatten in der Halle im Straubenhardter Stadtteil Conweiler.
Aktiv eingreifen kann der ehemalige Top-Athlet in das Geschehen der KTV Straubenhardt an diesem Liga-Auftakt nicht. Mittlerweile schleppt er Matten, schwört die Athleten auf den Wettkampf ein und gibt den einen oder anderen letzten Feinschliff mit. Auch ein kurzes "Komm auf" oder "Festmachen" sind von ihm gelegentlich zu hören. Für ihn ist die neue Rolle "eine andere Situation - am Anfang habe ich mich, ich würde nicht sagen unwohl gefühlt, aber es ist einfach etwas anderes", merkt er im Interview mit SWR Sport nach dem Wettkampf an.
Der Silbermedaillen-Gewinner bei den Olympischen Sommerspielen 2020 in Tokio ist in diesem Jahr als Teammanager an seine alte sportliche Wirkungsstätte zurückgekehrt. Noch im November 2025 wurde er mit den Straubenhardtern als aktiver Sportler Meister und zeigte noch einmal einen starken letzten Wettkampf.
Saisonauftakt gegen einen alten Bekannten
Auch damals ging es gegen Schwäbisch-Gmünd-Wetzgau. Das Nachbarschaftsduell ist auch in diesem Jahr zum Saisonauftakt der Deutschen Turnliga ein freundschaftliches Aufeinandertreffen. Man kennt sich, man schätzt sich. Das Team der Gmünder für den Saisonstart ist mit dem Aufgebot aus dem letzten Aufeinandertreffen allerdings nicht vergleichbar. Verletzungsbedingt gehen sie nur mit acht Athleten und ohne ausländischen Sportler an den Start.
Dass es diese Schwächung Straubenhardt einfacher machen würde, war zu erwarten. Wie dominant es am Ende wird, hatte aber keiner der Verantwortlichen und Fans in der Halle erahnen können. Am Ende heißt es 64:11 für die KTV.
Ukrainer Illja Kowtun mit Galavorstellung
Der überragende Mann gegen den Nachbarn: Illja Kowtun. Er ist der gesetzte ausländische Athlet der KTV und das Aushängeschild der Straubenhardter. Silber bei Olympia 2024 in Paris, Silber und Bronze bei Weltmeisterschaften und vier Goldmedaillen bei Europameisterschaften schmücken den Weltklasse-Sportler.
Für den ungewöhnlich großen und kräftigen, aber trotzdem komplett durchtrainierten Turner war das letzte Jahr allerdings kein einfaches. Der gebürtige Ukrainer trainiert mittlerweile in Kroatien und entschied sich kurz nach seiner Silbermedaille bei den Olympischen Spielen 2024 in Paris, den Verband zu wechseln. Der Wechsel nach Kroatien hatte eine einjährige Sperre von internationalen Wettkämpfen zur Folge, da man ihn von ukrainischer Seite nicht ziehen lassen wollte.
Umso wichtiger sind ihm Möglichkeiten, sich zu präsentieren wie nun in Straubenhardt. Er zeigt sein Können den knapp 650 Fans in der nahezu ausverkauften Straubenhardthalle. Als Top-Scorer mit 13 Punkten verlässt er die Halle direkt nach dem Wettkampf schnurstracks Richtung Flughafen.
Sowohl die Fans als auch das Team der KTV selbst kamen bei seinen vier geturnten Übungen aus dem Staunen nicht mehr heraus. "Er ist ein absoluter Ausnahmekönner", adelt ihn auch Neu-Teammanager Dauser.
Für Straubenhardt gibt es ein klares Ziel
Ein Saisonstart also für Lukas Dauser und seine Athleten, auf dem man aufbauen kann. Auch Barren-Europameister (2025) Nils Dunkel ist mit seiner Leistung und den Ambitionen des Teams sehr zufrieden.
Das 11.500 Leute-Dorf am Übergang vom Nordschwarzwald zum Kraichgau steht auf jeden Fall geschlossen hinter den Athleten und scheint komplett turnverrückt. Immerhin hat die KTV als zehnfacher Deutscher Turnmeister ein klares Ziel: Titelverteidigung. Und zwar die vierte in Folge.