Es war das große Thema rund um die vergangenen BBL-Finals: Eigentlich konnten die Ulmer Schlüsselspieler Noa Essengue und Ben Saraf im vierten Spiel der Finalserie gegen den FC Bayern Basketball den zweiten Meistertitel der Vereinsgeschichte klarmachen, doch zeitgleich fand in den USA der NBA-Draft statt. Die Ulmer Talente mussten sich entscheiden, ob sie beim Titel-Matchball auflaufen oder nach New York reisen. Essengue erschien zum Draft und verpasste den Rest der Finalserie, Saraf blieb vor Ort und scheiterte mit ratiopharm Ulm in fünf Spielen knapp gegen die Münchener.
Inzwischen ist das Kapitel Ulm für die beiden Talente beendet. Die Chicago Bulls zogen Essengue mit dem zwölften Pick, für Saraf ging es als 26. Pick zu den Brooklyn Nets. Mit ihren NBA-Teams starteten die beiden Ex-Bundesligaspieler vor zwei Wochen in die neue Saison und mussten die ersten Rückschläge verkraften.
Noa Essengue muss auf sein NBA-Debüt warten
Den Beginn seiner NBA-Karriere hatte sich Noa Essengue sicherlich anders vorgestellt: Der Franzose kam bisher in keinem der ersten sechs Bulls-Partien zum Einsatz und wurde folgerichtig den Windy City Bulls, dem Entwicklungsteam der rumträchtigen Franchise in der G-League, zugewiesen. Die Nachwuchsliga ist häufig Spielstätte für Talente, die spät im Draft oder gar nicht gezogen wurden - einen frühen Pick wie Essengue, gibt es hier eher selten zu sehen.
Chicago-Trainer Billy Donovan will dem 2,03 Meter großen Forward aber den Druck nehmen und mit ihm "von Monat zu Monat planen." Vor der ersten Bulls-Saisonniederlage in der Nacht vom Montag verkündete der Coach, dass Essengue vorerst Trainigs- und Spielpraxis in der Unterklasse sammeln soll. Dabei soll es in der Entwicklung des ehemaligen Ulmers aber nicht um hohe Scoring-Werte gehen. "Wir wollen sehen, wie er verteidigt, wie er reboundet und welche Positionen er verteidigen kann", erklärte Donovan die Entscheidung weiter.
Buzelis als mögliches Vorbild für Essengue
Eigentlich besitzt der 18-jährige Essengue mit einer Spannweite von 2,10 Meter das perfekte Profil eines NBA-Flügelverteidigers, muss aber laut Trainer Donovan "Zeit in seinen Körper stecken", um in der physischen Liga gegen Forward-Stars wie LeBron James oder Giannis Antetokounmpo zu bestehen.
Dass ein langsamer Start in die Rookie-Saison auch auf einem Hoch enden kann, bewies Essengue-Teamkollege Matas Buzelis in der abgelaufen Saison. Der Amerikaner mit litauischen Wurzeln feierte erst nach 49 Spielen seine Premiere in der Starting Five des sechsmaligen NBA-Champions und entwickelte sich danach schnell zu einem absoluten Leistungsträger beim Tabellenzweiten der Eastern Conference.
Saraf verliert Starter-Position nach ordentlichem Beginn
In der Saisonvorbereitung waren sich Brooklyn Nets-Coach Jordi Fernandez und Neuzugang Michael Porter Jr. einig: Ben Saraf habe mit seiner Erfahrung aus den Profi-Einsätzen in der Bundesliga so einigen Rookies etwas voraus. "Er ist erst 19, aber wirkt mit seiner Professionalität sehr reif für sein Alter", lobte Veteran Porter Jr. den israelischen Point Guard. Fernandez sprach von einem "großartigen Spieler."
Folgerichtig stand Saraf zum Auftakt gegen die Charlotte Hornets in der Startaufstellung und verbuchte trotz einer deutlichen 117:136 Niederlage einen ordentlichen Start mit acht Punkten, sieben Rebounds und vier Assists.
Doch seit seinem ersten Auftritt auf der großen NBA-Bühne sanken die Zahlen des 1,97 Meter großen Aufbauspielers von Spiel zu Spiel - und die Nets konnten weiterhin keinen Sieg einfahren. Dazu lässt die Mannschaft von Jordi Fernandez die meisten gegnerischen Punkte in der gesamten Liga zu.
Zwar liegt der Grund hierfür nicht allein bei Saraf, doch dem jungen Israeli fällt es im direkten Duell mit athletischen Guards wie Houstons Amen Thompson immer wieder schwer, den Gegenspieler vor sich zu halten. Auch in der Offensive sucht der Ex-Ulmer trotz guten Ansätzen im Zusammenspiel mit Center Nic Claxton noch seinen Rhythmus und trifft nur 22 Prozent seiner Würfe aus dem Feld.
Erste Kritik der Teamkollegen
"Es ist schwer in der NBA zu gewinnen, wenn wir viele Rookie Point Guards haben, die zwar großartig in der Zukunft sein werden, aber immer noch Rookies sind. Die Point Guard-Position ist nun mal die schwerste in der Liga", erklärte Nets-Foward Michael Porter Jr. nach der fünften Saisonniederlage gegen die Atlanta Hawks. Von lobenden Worten für Saraf und die jungen Kollegen ist in Brooklyn derzeit nichts mehr zu hören.
Chefcoach Fernandez reagierte und nahm Saraf im Heimspiel gegen Philadelphia am Sonntagabend erstmal aus der Startaufstellung. Die Nets mussten in zwei Spielen ohne den 19-jährigen Guard dennoch die nächsten Pleiten in Kauf nehmen. Anders als Essengue soll Saraf aber Teil der ersten Mannschaft bleiben und mit Rookie-Kollege Egor Dëmin um die Backup-Position in Brooklyn kämpfen.