Leistungssport verlangt jungen Athletinnen und Athleten viel ab: Verzicht, Disziplin und hartes Training. Aber nicht nur die Sportlerinnen und Sportler müssen an ihre Grenzen gehen. Die Geschichte der Familie Scholtes aus der Region Trier zeigt, wieviel Unterstützung und Verzicht hinter einer jungen Sportkarriere stecken kann.
Wie Eltern die Karriere eines jungen Speedkletterers möglich machen
Finn-Lucas Scholtes ist Speed-Kletterer. Der 18-Jährige startet international für Deutschland. In seinem Sport entscheiden wenige Hundertstelsekunden über Sieg und Niederlage. Hinter jedem seiner Wettkämpfe steckt ein Alltag voller Verzicht. Seine Eltern Ines und Heinrich organisieren das Training, die Wettkämpfe und Reisen. Lange versuchte Ines Scholtes, die Rolle als Mutter eines Leistungssportlers mit ihrem Beruf in einer Kindertagesstätte zu vereinbaren.: "Ich habe dann relativ schnell gemerkt, dass das nicht funktioniert und dann musste der Job dran glauben."
Mittlerweile arbeitet sie im Dachdecker-Betrieb ihres Mannes Heinrich. Die Eltern unterstützen sich gegenseitig und fördern ihren Sohn. Trotzdem hat der Leistungssport ihren Alltag verändert. "Es bleibt vieles auf der Strecke. Man merkt das teilweise gar nicht, weil man so hineinwächst. Der Freundeskreis verändert sich, aber ich versuche schon noch, mit dem einen oder anderen aus der Vergangenheit Kontakt zu halten", erklärt Heinrich.
Der Spitzensport prägt nicht nur das Leben der Athletinnen und Athleten, sondern den Alltag ganzer Familien. Ines Scholtes organisiert Fahrten zu Training und Wettkämpfen und stimmt Termine mit der Schule ab. Heinrich baut während der Corona-Zeit in seiner Lagerhalle sogar Teile einer Speed-Kletterwand auf. So konnte Finn-Lucas weiter trainieren.
Ohne die Familie geht gar nichts. Die finanzieren dich, die bringen dich zu Flughäfen, zu Bahnhöfen und natürlich motivieren sie dich.
Familie findet Hilfe bei Deutsche Sporteltern GmbH
Oft fühlen sich Sportfamilien mit all den Aufgaben alleine gelassen. Von Vereinen oder Verbänden kommt wenig Unterstützung. Hilfe finden die Scholtes schließlich bei der "Deutsche Sporteltern GmbH" in Baden-Baden. Dort werden Sporteltern vernetzt und unterstützt. Achim Frommann hat das Unternehmen gegründet. Er selbst hatte jahrelang die Torwartkarriere seines Sohnes Constantin begleitet und setzt sich mittlerweile beruflich dafür ein, andere Sporteltern zu unterstützen.
Er weiß, wie die Sorgen und Bedürfnisse von Sporteltern aussehen: "Da machen wir Webinare, wir machen Live-Veranstaltungen, wir machen Stammtische für Sporteltern, um Eltern auf ein Level zu bringen, damit sie in der Lage sind, dann auch mit den Leuten im System auf Augenhöhe zu kommunizieren", erklärt Frommann.
Achim Frommanns Sohn Constantin war Torwart beim SC Freiburg und bei der Junioren-Nationalmannschaft. Für Achim Frommann begann damals ein neues Leben: "Wir lebten dann halt in der Welt von ihm, in der Welt des Leistungssports, über viele Jahre in der Bubble. Wir waren trotzdem eine Familie, wir waren auch für die anderen beiden Kinder da. Du musst in beiden Systemen funktionieren. Das ist oft eine Zerreißprobe."
Der Austausch im Netzwerk der Sporteltern hat die Scholtes und viele weitere Familien entlastet. "Man merkt, dass andere Eltern ähnliche Probleme haben und man nicht alleine dasteht", beschreibt Ines Scholtes das Gefühl der Erleichterung nach den ersten Gesprächen im Sporteltern-Netzwerk.
Prominente Unterstützung durch Giulia Gwinn
Mittlerweile unterstützen auch prominente Stimmen das Projekt – etwa DFB-Kapitänin Giulia Gwinn. Im Sporteltern-Podcast sagte sie: "Es ist wichtig, dass man Eltern mit ins Boot nimmt, wenn es um Entscheidungen der Kinder geht. Wir sind in dem Alter noch sehr jung, wir können nicht selber Entscheidungen treffen." Sie ist mit Achim Frommanns Sohn Constantin liiert und weiß, wie wichtig die Unterstützung ihrer Eltern für ihre Karriere war. Damals gab es dieses Angebot noch nicht. Laut Gwinn hätte es vielen Eltern schwierige Situationen ersparen können.
Achim Frommann möchte das Angebot für Eltern weiter vorantreiben: "Wir haben viele hunderttausend Sporteltern über alle Sportarten hinweg. Da spricht nichts dagegen, dass die sich kennenlernen, dass die in einen Austausch kommen." Sein Ziel sei es, Eltern so zu stärken, dass aus ihrer Unterstützung keine Überforderung wird.
"Das Kind steht im Mittelpunkt"
Bei all der Organisation, dem Netzwerken und Austauschen versuchen die Scholtes, eines nie aus dem Blick zu verlieren: "Immer gucken, was will das Kind. Denn im Endeffekt ist der Athlet der, der vorne steht und um den sich alles dreht." Finn-Lucas träumt von der Jugend-WM im Juli in Italien. Dafür trainiert er mehr als 20 Stunden pro Woche. Und seine Eltern kämpfen jeden Tag mit ihm.