Ein Jahr nach SWR-Bericht

Missbrauch im Faustball: Die Mühlen der Aufarbeitung mahlen nur langsam

Vor einem Jahr berichtete SWR Sport über schwere Vorwürfe des sexualisierten Missbrauchs im Faustball. Was hat sich seitdem getan?

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Von Autor/in Patrick Stricker

Die Welle der Solidarität schwappte einmal quer durch Deutschland. Genauer gesagt: vom nördlichsten Zipfel Stuttgarts über rund 600 Kilometer bis an den Rand der Lüneburger Heide.

"Schweigen schützt den Falschen, seid mutig wie Laura", schrieb die Faustballabteilung des TV Stammheim im Februar 2025 auf ihrer Internetseite. Ein kurzer Satz, eine klare Botschaft: Der Verein positioniert sich für Grundsätze und Werte von Safe Sport.

SWR-Bericht über Missbrauchsvorwürfe im Faustball

Auslöser für die Solidaritätsbekundung war eine bundesweite Exklusivberichterstattung des SWR über schwere und umfangreiche Vorwürfe des sexualisierten Missbrauchs, die vor genau einem Jahr den nationalen Faustballsport erschütterten. Ein Trainer aus Bardowick (Kreis Lüneburg) in Niedersachsen soll über Jahre minderjährige Spielerinnen zu Fotos und Videos – teils in Unterwäsche, teils komplett ohne Kleidung – gedrängt und genötigt haben.

Hannover

Vorwürfe gegen früheren Trainer und Schiedsrichter Sexualisierter Missbrauch im Faustball: "Schweigen schützt den Falschen"

Missbrauchsvorwürfe gegen einen früheren Trainer und Schiedsrichter erschüttern den Faustball. In der Aufarbeitung ist auch der krisengeschüttelte Deutsche Turner-Bund gefordert.

Eine heute 26 Jahre alte Nationalspielerin aus der Nord-Staffel der Bundesliga sprach vor zwölf Monaten erstmals öffentlich über ihre Erfahrungen als damals Minderjährige mit dem ehemaligen Landesauswahl-Trainer – und über ihren Antrieb, Mädchen vor ähnlichen Erlebnissen schützen zu wollen. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung hatte sie einen langen, herausfordernden Weg der inneren Verarbeitung mit dem Geschehenen hinter sich. Gegen den 13 Jahre älteren Mann hatte sie bereits im Sommer 2023 Strafanzeige gestellt.

Wie geht Faustball Deutschland mit dem Fall um?

Ende Februar 2026 – also rund zweieinhalb Jahre später – ist festzuhalten: Die polizeilichen Ermittlungen dauern nach wie vor an. Aktenkundig ist der Vorgang bei der zuständigen Staatsanwaltschaft Hannover. Parallel zu den juristischen Entwicklungen stellt sich aber auch die Frage: Wie geht der Faustballsport selbst mit diesem Fall um?

In der Woche vor den Deutschen Hallenmeisterschaften im Stuttgarter Stadtteil Bad Cannstatt (28.2. und 1.3.2026) hat SWR Sport dem Verband Faustball Deutschland einen Fragenkatalog zukommen lassen. Im Mittelpunkt dabei: der aktuelle Stand der internen Aufarbeitung. Erste Ergebnisse hatten gezeigt, dass sechs Spielerinnen aus vier Vereinen betroffen gewesen sein sollen. Weitere Erkenntnisse kann der Verband in diesem Zusammenhang ein Jahr später nicht präsentieren.

"Nach der Veröffentlichung des Falls hat sich weder eine weitere Spielerin noch ein Verein oder sonst eine Person bei Faustball Deutschland gemeldet", teilte der Vorstand auf Anfrage dieser Redaktion mit. Ob sich jemand bei den zuständigen Ermittlungsbehörden gemeldet habe, sei dem Verband nicht bekannt.

Schwere Missbrauchsvorwürfe erschüttern den Faustball | SWR Sport

"Weitere interne Untersuchungen sind aus Rücksicht auf die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen nicht durchgeführt worden. Zunächst bleiben die Erkenntnisse aus dem vorrangigen Ermittlungsverfahren abzuwarten", hieß es weiter: "Welche Spielerinnen und welche Vereine betroffen sind, ist Faustball Deutschland nicht bekannt."

Als die Vorwürfe des sexualisierten Missbrauchs im Herbst 2024 erstmals zur Sprache kamen, wurde der Beschuldigte vorläufig suspendiert und von all seinen Aufgaben entbunden. Dies gilt vor allem für seine Schiedsrichtertätigkeiten, die er einige Jahre nach seinem Dasein als Landesauswahl-Trainer in Niedersachsen aufgenommen hatte. Im deutschen Faustball dürfe er "bis auf Weiteres" keine Funktionen übernehmen, so die Antwort auf eine entsprechende SWR-Nachfrage: "Ob weitere Schritte innerhalb des Verbandes unternommen werden, hängt vom Ergebnis der (…) staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen ab."

Auch der DTB ist eingebunden

Auf die Frage, welche Formen der Unterstützung die betroffene Spielerin angeboten bekommen habe, antwortete Faustball Deutschland: "Sie hat vom Verband und von der Safe-Sport-Referentin des DTB Gesprächsangebote erhalten." Der DTB – also der Deutsche Turner-Bund – ist deshalb involviert, weil Faustball einst aus dem Turnen entstand und der Sport organisatorisch bis heute mit den Strukturen des DTB verbunden ist.

Mit Hilfe des selbst in die Schlagzeilen geratenen Turner-Bundes hat Faustball Deutschland im vergangenen Jahr versucht, eigens eine von einer Integritätsbeauftragten geleitete Safe-Sport-Kommission aufzubauen. Allerdings eher mit mäßigem Erfolg.

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Wie im Faustballverband üblich muss auch diese Kommission nahezu ausschließlich von ehrenamtlichen Kräften getragen werden. Zwei aktive Nationalspielerinnen sowie ein aktiver Nationalspieler, die ihre Mitarbeit zugesagt hatten, haben diese laut Verband "jedoch in der Zwischenzeit aus unterschiedlichen persönlichen Gründen wieder aufgegeben".

Nach Informationen von SWR Sport soll aber vielmehr eine große Unzufriedenheit über die Arbeit sowie über die Ausrichtung der Kommission und die grundsätzliche Einstellung zum Thema Safe Sport ausschlaggebend gewesen sein. "Es ist vorgesehen, die Safe-Sport-Kommission in diesem Jahr schnellstmöglich neu wiederzubesetzen und die Arbeit somit auf weitere Schultern zu verteilen", hieß es dazu von Faustball Deutschland.

Genau dabei tut sich der Verband aber auch deshalb so schwer, weil in Folge einer zwischenzeitlichen Veränderung auf der Position des Vorstandssprechers Aufgaben übergeben werden mussten. Uwe Schneider folgte im Mai 2025 auf Torsten Woitag, in dessen Amtszeit das Bekanntwerden der Missbrauchsvorwürfe fiel. Woitag sei später aus persönlichen Gründen zurückgetreten, sagte Faustball Deutschland auf SWR-Nachfrage.

Laura: "Habe mich beim Verband nicht gut aufgehoben gefühlt"

Für Laura, die betroffene Spielerin, die durch ihren Mut die Vorkommnisse vor einem Jahr überhaupt erst öffentlich gemacht hatte, ist der Stand der Aufarbeitung alles andere als zufriedenstellend. Vor der Veröffentlichung habe sie damals großen Respekt vor den Reaktionen empfunden. "Doch schon nach wenigen Minuten waren alle Zweifel verflogen. Die überwältigenden Nachrichten – vor allem aus unserer Faustball-Familie – haben mir enorm viel Kraft gegeben", sagt sie heute rückblickend.

Während der vergangenen zwölf Monate habe sie hauptsächlich Kontakt zu Faustball Deutschland gehabt, "nur sehr begrenzt" zum DTB. "Im letzten Jahr war ich nicht in der Lage, meine sportliche Leistungsfähigkeit abzurufen. Meine mentalen Herausforderungen dürften für viele sichtbar gewesen sein", erzählt Laura: "Rückblickend muss ich leider sagen, dass ich mich beim Verband nicht gut aufgehoben gefühlt habe und mir einen professionelleren Umgang gewünscht hätte."

Safe Sport: Sensibilisierung als zentrales Element

Die Mühlen der Aufarbeitung – der Eindruck drängt sich in diesem Fall auf – mahlen nur sehr langsam. Wer sich aber umhört, sich mit Aktiven im Sport und Funktionären in den Verbänden unterhält, stellt auch fest: Parallel zu langwierigen juristischen Vorgängen und stockenden Entwicklungen in den Gremien scheint sich zumindest auf den Sportplätzen etwas zu bewegen. Ein zentrales Stichwort, das dabei immer wieder fällt: Sensibilisierung.

Von dort, wo minderjährige Sportlerinnen und Sportler mit volljährigen Beteiligten zu tun haben, hört man nun häufiger von einer erhöhten Aufmerksamkeit. Eine Fahrt zu einem Jugendturnier? Benötigt definitiv mehr offene Ohren und Augen. Ein schnelles Foto mit den Mädels und Jungs bei Instagram? Wird hier und da im Zweifel lieber mal weggelassen. Prävention ist besser als Reaktion.

Fokus aufs polizeiliche Führungszeugnis

Dabei handelt es sich um Eindrücke, um eine Momentaufnahme, mehr nicht. Schon eher habhaft war, dass Faustball Deutschland laut eigener Aussage vor rund einem Jahr nochmals aktuelle Führungszeugnisse abgefragt hat, "speziell bei Personen, die im unmittelbaren Austausch mit Jugendlichen sind". Die Faustballsparte des Niedersächsischen Turner-Bundes (NTB), wo der Fall um den beschuldigten Trainer einst seinen Ursprung nahm, beschloss im April 2025, dass alle auf Landesebene tätigen Trainerinnen und Trainer ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis vorzulegen haben.

Der NTB selbst treibt die Verbesserung der Strukturen im Bereich Safe Sport massiv voran. Durch verpflichtende Schulungen für hauptamtlich Tätige sowie demnächst auch für Mitgliederinnen und Mitglieder von Hauptausschuss und Präsidium. Durch das Anstreben einer Abstimmung über die Einführung des Safe Sport Code des DTB im Jahr 2027. Durch Öffentlichkeitskampagnen sowie durch das Einrichten einer 50-Prozent-Stelle, die sich seit dem vergangenen Jahr um konkrete Fallarbeit kümmert.

Von einem Verein aus Niedersachsen war jüngst zu hören, dass die Berichterstattung von SWR Sport vor einem Jahr über die Missbrauchsvorwürfe im Faustball "definitiv aufgerüttelt" habe. "Schweigen schützt den Falschen, seid mutig wie Laura" – die Welle der Solidarität, die einst aus dem Südwesten Richtung Norden schwappte, ist noch lange nicht abgeebbt.

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Patrick Stricker
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