Zum Jahreswechsel 2024/25 gingen rund 20 aktive und ehemalige Leistungsturnerinnen mit erschütternden Darstellungen an die Öffentlichkeit. Sie berichteten von gravierenden Missständen an den Turnstützpunkten in Stuttgart und Mannheim. Es ging um Demütigungen, Schmerzmittel, Drohungen, Straftraining, Training trotz Knochenbrüchen, Essstörungen und Gewichtskontrollen. Das Leistungsturnen zeigte in den Schilderungen der jungen Frauen seine hässliche Fratze.
Ich wurde behandelt wie ein Gegenstand. Ich habe bis heute tiefe Wunden, die nie wirklich geheilt sind.
Was ist seitdem im Turnsport passiert? Wie geht es den betroffenen Turnerinnen? Wie reagier(t)en die Verbände (Deutscher Turner-Bund, Schwäbischer und Badischer Turnerbund sowie der Landessportverband BW) auf die Vorwürfe? Wie werden die Missstände aufgearbeitet? Welche personellen Konsequenzen gibt es? Wie geht die Politik mit dem Thema um? In einer kleinen Serie macht SWR Sport eine Bestandsaufnahme.
Folge 2: Der Deutsche Turner-Bund (DTB)
Vor einem Jahr ging DTB-Präsident Alfons Hölzl in die Offensive. Am Rande des Turn-Weltcups in Cottbus sagte er angesichts der schweren Vorwürfe vieler Turnerinnen im Gespräch mit SWR Sport, Transparenz sei das oberste Gebot. Nichts werde mehr unter den Teppich gekehrt. "Den Teppich nehmen wir weg. Wir verlegen einen Parkettboden", versprach er.
Ein Jahr Turnskandal "Man muss nerven": Die zähe Aufarbeitung des Machtmissbrauchs im Turnen
Vor einem Jahr sprachen Turnerinnen öffentlich über ihre Erfahrungen von Machtmissbrauch an den Stützpunkten Stuttgart und Mannheim. Wie geht es ihnen? Wie läuft die Aufarbeitung?
Schon im Januar 2025 war der DTB aktiv geworden. Der Verband beauftragte die Frankfurter Kanzlei Rettenmaier, eine umfassende Untersuchung der Vorfälle anhand einer Datenanalyse vorzunehmen. Auf Bitten der ermittelnden Staatsanwaltschaft Stuttgart wurden keine Befragungen von Betroffenen oder anderen Beteiligten durchgeführt. Der Untersuchungsbericht, der nach SWR-Informationen etwa 650 Seiten umfasst, wurde im November 2025 fertiggestellt. Er ging an die Staatsanwaltschaft Stuttgart, der DTB erhielt den Bericht zur Prüfung eventuell notwendiger direkter Maßnahmen. Zu den wichtigsten Erkenntnissen, die der Bericht liefert, gibt es vom DTB bisher keine Informationen.
Gestiegene Kosten für den DTB
Die Aufarbeitung der Vorwürfe von Machtmissbrauch kommt den DTB teuer zu stehen. Im Juli 2025 sprach der Verband davon, die Aufarbeitung werde in den Jahren 2025 und 2026 mindestens 650.000 Euro kosten. Mittlerweile sollen die Ausgaben für alle juristischen Beratungen auf etwa 700.000 Euro angestiegen sein.
Im Trainerbereich hatte der DTB im März 2025 erste Konsequenzen gezogen. Nach den angelaufenen staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen wurde Claudia Schunk, Nachwuchs-Bundestrainerin im Geräteturnen weiblich, für zunächst vier Wochen, später dann auf unbestimmte Zeit freigestellt. Schunk hatte bis 2017 den Stützpunkt Mannheim geleitet. Mehrere ehemalige Turnerinnen (darunter Deutschlands Rekordturnerin Elisabeth Seitz) hatten dem SWR von verbalen Übergriffen, Trainingseinheiten trotz Verletzungen oder von der Abgabe von Prämien unter Schunks Leitung in Mannheim berichtet.
Vorwürfe gegen Nachwuchs-Bundestrainerin Claudia Schunk "Wie Arbeitstiere": Turnerinnen und Eltern beklagen Missstände am Turnzentrum Mannheim
Nach den veröffentlichten Missständen am Kunstturnforum Stuttgart werden Vorwürfe über ähnliche Verhältnisse am Turn-Stützpunkt Mannheim laut. Im Zentrum der Kritik: Die langjährige Leiterin Claudia Schunk.
Im April 2025 setzte der Deutsche Turner-Bund den Safe Sport Code in Kraft. Durch diesen Safe Sport Code sollen klare, rechtssichere Strukturen im Umgang mit interpersonaler Gewalt geschaffen werden. Im November 2025 wurden für den Bereich Safe Sport zwei voneinander unabhängige Gremien als feste Bestandteile aufgenommen: ein Untersuchungsteam, das Vorwürfen nachgehen soll, und die Safe-Sport-Kommission, die für mögliche Sanktionen zuständig ist. Die Mitglieder der Safe-Sport-Kommission gehören keinem Organ des DTB an und sind vom Verband unabhängig.
Untersuchungsteam und Safe-Sport-Kommission bestehen jeweils aus drei Personen. Dem Untersuchungsteam sollen mindestens eine Frau und ein Mann angehören. Beiden Gremien sollen außerdem mindestens eine psychologisch geschulte sowie eine juristisch ausgebildete Person angehören. Außerdem ist in beiden Gremien eine pädagogisch ausgebildete Person dabei. Beide Gruppen wurden vom DTB-Präsidium berufen. Die Namen sollen zeitnah bekannt gegeben werden.
Expertenrat kann mit Aufarbeitung noch nicht beginnen
Außerdem soll möglichst bald ein unabhängiger Expertenrat mit der Aufarbeitung der Vorkommnisse beginnen. Dieses Gremium kann seine Arbeit allerdings erst nach Abschluss der laufenden staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen aufnehmen. Er wird für seine Arbeit den Untersuchungsbericht der Kanzlei Rettenmaier erhalten. Der Expertenrat wird interdisziplinär besetzt sein, auch betroffene Turnerinnen werden einbezogen.
Das Präsidium des DTB steht seit 2016 unter der Leitung von Alfons Hölzl. Im Januar dieses Jahres teilte die Staatsanwaltschaft Stuttgart mit, dass sie nicht nur gegen Präsident Hölzl, sondern auch gegen Sportvorstand Thomas Gutekunst, die ehemalige DTB-Generalsekretärin Michaela Röhrbein sowie gegen eine(n) weitere(n) ehemalige(n) leitende Mitarbeiter(in) Ermittlungsverfahren eingeleitet habe. Es geht um den Verdacht der, teils versuchten, vorsätzlichen Körperverletzung und der Nötigung in jeweils mehreren Fällen durch Unterlassen.
Konkret geht es um solche Fragen: Wer hat zu welchem Zeitpunkt was gewusst? Wie wurde auf Hinweise reagiert? Wurden Vorfälle an Jugendamt oder Polizei gemeldet? Wurden personelle Konsequenzen gezogen? Welche weiteren Maßnahmen wurden ergriffen, um solche Missstände künftig zu verhindern? Wie konnte es, trotz des 2021 aufgelegten Prozesses "Leistung mit Respekt", weiterhin zu gravierendem Machtmissbrauch an den Turnstützpunkten kommen?
DTB-Präsident Alfons Hölzl: "Kein Anlass, mein Amt ruhen zu lassen"
Alfons Hölzl erklärte in einer persönlichen Stellungnahme: "Ich sehe auf Basis der mir vorliegenden Sach- und Rechtslage keinen Anlass, mein Amt als Präsident (…) niederzulegen oder ruhen zu lassen." Röhrbein, heute Vorstandsmitglied im Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) wies die Vorwürfe gegenüber dem Deutschlandfunk als unhaltbar zurück. "Ich kämpfe seit Jahren gegen interpersonale Gewalt und habe mich immer für Aufklärung mit ganz klaren Konsequenzen eingesetzt", sagte Röhrbein. Sie hatte 2021 im Deutschen Turnerbund das Projekt "Leistung mit Respekt" ins Leben gerufen.
Der DTB teilte nach einer ersten Prüfung der Einleitungsverfügung (mit diesem Dokument der Staatsanwaltschaft wird ein Ermittlungsverfahren in Gang gesetzt) durch eine Kanzlei mit, dass sich eine Strafbarkeit der beschuldigten Funktionäre nicht nachvollziehen lasse. Das Präsidium sehe daher keine Veranlassung für personelle Konsequenzen. Im Übrigen gelte für alle Beschuldigten nach wie vor die Unschuldsvermutung.
Missbrauch im Turnen Ernüchterung: Für Michelle Timm dauert die Aufarbeitung des Turnskandals viel zu lange
Michelle Timm war eine der ersten Turnerinnen, die auf die Missstände am Bundesstützpunkt in Stuttgart hingewiesen hatte. Mehr als ein Jahr ist das nun her. Was ist seither passiert? Im Gespräch mit SWR Sport hat sich die 28-jährige frühere Spitzenturnerin dazu geäußert.
Der Regensburger Strafrechtler Dr. Jan Bockemühl hebt gegenüber SWR Sport die Bedeutung der Unschuldsvermutung hervor.
"Die Unschuldsvermutung ist ein Grundpfeiler unseres Rechtsstaates."
Jeder Mensch habe bis zu einer rechtskräftigen Verurteilung als unschuldig zu gelten. "Gefahr" drohe der Unschuldsvermutung immer dann, sagt Bockemühl, wenn Verfahren - wie hier beim Turnen - öffentlichkeitswirksam seien. "Ein bloßer Anfangsverdacht rechtfertigt zwar Ermittlungen, lässt aber die Unschuldsvermutung unberührt", betont der Strafrechtler.
Politiker Binder: "Funktionäre befinden sich in Interessenkonflikt"
Sascha Binder, Parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Landtagsfraktion in Baden-Württemberg, begleitet intensiv die Aufarbeitungs-Prozesse im Leistungsturnen. Der Jurist fordert die beschuldigten Funktionäre auf, ihre Ämter zumindest ruhen zu lassen. "Sie befinden sich in einem Interessenskonflikt. Sie sind Beschuldigte in einem Ermittlungsverfahren, sollen aber gleichzeitig objektiv die Aufarbeitung vorantreiben. Das geht nicht zusammen. Es ist an der Zeit, personelle Konsequenzen zu ziehen."
Die ehemalige Olympia-Turnerin Janine Berger, selbst Betroffene von interpersonaler Gewalt während ihrer aktiven Zeit, ergänzt: "Es spricht doch Bände, wenn der DTB-Präsident nicht mal jetzt, nachdem ein Ermittlungsverfahren gegen ihn läuft, zurücktritt oder zumindest sein Amt ruhen lässt."
"Ich will so nicht mehr leben" - SWR-Doku über Machtmissbrauch im Turnen
Im Präventions- und Interventionskonzept des DTB zum Schutz vor Gewalt (Fassung vom April 2023) heißt es dazu: "Sollte ein*e Mitarbeiter*in des DTB tatverdächtig sein, so kann die Person vorläufig zur endgültigen Aufklärung des Tatvorwurfs freigestellt werden. Sollte sich dann der Verdacht bestätigen, so wird das Arbeitsverhältnis gekündigt (…)."
Jenseits aller juristischen Fragen scheint die Autorität von Präsident Hölzl schwer beschädigt. Kann ein Verband, der Aufarbeitung, Verantwortung und Neuanfang verspricht, von einem Präsidenten geführt werden, gegen den staatsanwaltschaftlich ermittelt wird? Lässt sich unter diesen Voraussetzungen seit Jahren verloren gegangenes Vertrauen wiederherstellen – intern, gegenüber Athletinnen, Eltern, Trainerinnen, Sponsoren oder der Öffentlichkeit? Die juristische Frage ist das eine, die ethisch-moralische das andere.
Es geht bei den Ermittlungen nicht nur um Einzelpersonen wie Hölzl, Gutekunst oder Röhrbein. Die Staatsanwaltschaft Stuttgart leitete gegen den DTB (wie auch gegen den Schwäbischen Turnerbund) als Organisation zudem ein Bußgeldverfahren ein. Die Geldbuße bei einer Ordnungswidrigkeit durch Unterlassen (z.B. Verletzung von Aufsichtspflichten) kann bei Fahrlässigkeit bis zu fünf Millionen Euro betragen.
DTB und STB betroffen Vorwürfe im Turnen: Ermittlungen jetzt auch gegen Spitzenfunktionäre
Im Rahmen der Missbrauchsvorwürfe im deutschen Leistungsturnen hat die Staatsanwaltschaft Ermittlungsverfahren gegen DTB-Präsident Hölzl und -Sportvorstand Gutekunst eingeleitet.
Strafrechtler Bockemühl weiß, dass es bei solchen Bußgeldverfahren in der Regel um Organisationsversagen geht. "Ähnliche Reaktionen kennen wir aus dem Wirtschaftsrecht. Fehlt ein konkreter Beschuldigter, oder lässt sich ein solcher nicht ermitteln, so werden, wenn ein Organisationsverschulden festgestellt wird, Geldbußen verhängt." Mit dem klassischen Schuldstrafrecht habe das allerdings nichts zu tun.
Olympiaturnerin Janine Berger fordert personelle Veränderungen
SPD-Politiker Binder unterstützt das Vorgehen der Ermittler: "Sie scheinen jetzt auch das Thema Organisationsversagen näher in den Mittelpunkt zu rücken. Das ist auch gut so, denn es sind keine Einzelfälle, sondern es ist ein organisierter Skandal."
Berger ergänzt: "Ich wünsche mir, dass die Personen, die für diese Missstände verantwortlich sind, auch die Verantwortung tragen. Es müssen personelle Veränderungen her. Das System muss grundlegend neu aufgebaut werden. Und zwar so, dass Leistung mit Respekt nicht nur der Titel eines Programms ist, sondern auch tatsächlich gelebt wird."
Die Staatsanwaltschaft Stuttgart ermittelt weiter.