Wenn die befreundeten Radprofis Niklas Märkl und Pascal Ackermann nicht gerade in den österreichischen Bergen unterwegs sind und fünf Stunden täglich bei jeglichen Witterungsbedingungen auf dem Rad trainieren, sitzen die beiden Pfälzer auch gerne mal gemeinsam im Wohnzimmer der Familie Ackermann. Die Katze strollt um ihre Beine, an der Wand ziert ein vergoldetes Rennrad den Raum. Vor kurzem Vater geworden, hält Ackermann überglücklich seinen Nachwuchs im Arm - Patenonkel Märkl freut sich mit ihm.
Momente wie diese sind rar. Der Rennradsport ist ein Vollzeitjob, der nur wenig Raum für das gemeinsame Leben mit der Familie lässt. "Grundsätzlich, muss ich ehrlich gestehen, nimmt die Frau sehr, sehr viel Stress weg und lässt mich sehr viel machen," sagt der gebürtige Pfälzer Ackermann im Interview mit SWR Sport.
Auf dem Rad rückt alles andere in den Hintergrund
Um Profisportler zu sein muss man wohl ein bisschen verrückt sein - diese Mentalität merkt man den beiden Sprintspezialisten an. "Ich glaube, dass wir privat ganz andere Menschen sind als auf dem Fahrrad", betont Ackermann. "So bin ich einer der nettesten Menschen überhaupt, aber wenn es ins Finale geht, dann hassen mich, glaube ich, ganz, ganz viele Leute."
Im Schlusssprint treffen die Fahrer Entscheidungen in Sekunden. Es ist eng, turbulent, unübersichtlich und gefährlich - eine Stresssituation für die Fahrer auf den letzten Metern. Ackermann gewann so 2019 den Radklassiker Eschborn-Frankfurt, der traditionell aufgrund seiner geringen Distanz von circa 200 Kilometern ein Rennen ist, das den Sprintern liegt. Im gleichen Jahr gelang ihm sein bislang größter Coup: der Gesamtsieg beim "Giro d'Italia", der großen Italien-Rundfahrt.
Beim Giro 2023 wurden der 32-jährige Ackermann und der fünf Jahre jüngere Märkl Freunde. Bei intensiven Gesprächen stellten sie schnell fest, dass die gemeinsame Herkunft als "Pfälzer Buwen" und ein humorvolles Miteinander-Konkurrieren verbinden. Doch genauso wichtig ist es, den Schalter wieder umlegen zu können, "um diesem Zirkus zu entfliehen und einfach die Privatperson Niklas oder die Privatperson Pascal zu sein", resümiert Märkl, der bei allen Frühjahrsklassikern, der Tour de France und der Giro an den Start geht.
Bei jedem Radsportler ist die Tour de France das Nonplusultra!
Familie Ackermann: noch "Teilzeit-Daddy" und "Vollzeit-Mami"
Und so sind die Koffer immer gepackt, die beiden Radprofis sind immer bereit die nächste Reise anzutreten. Nach der Geburt seines Kindes verpasst Ackermann von den ersten vier Lebensmonaten zwei, rechnet seine Frau Mara vor. "Ich weiß auch nicht, was mich geritten hat, das nachzurechnen. Dann wird einem bewusst, wie wenig Zeit man zusammen hat und welche Abstriche man machen muss als Frau."
Und auch Pascal Ackermann selbst weiß, dass er aktuell nur ein "Teilzeit-Daddy" ist. Er erkennt den Job, den seine Frau macht, komplett an und ist ihr sehr dankbar. Sie sei immerhin mehr wie eine alleinerziehende Mutter, denn er komme ja nicht einfach nach der Arbeit nach Hause, sodass man sich was teilen könne, sagt er. Und im gleichen Ausmaß schwingt mit: Auch er wäre gerne mehr zuhause, endlich ein "Vollzeit-Papa".
Ackermann und Märkl: eine besondere Freundschaft
Sind die beiden Radprofis in ihrer Wahl-Heimat am Bodensee, trainieren sie mittlerweile regelmäßig miteinander - und vertrauen im Dorf auf die gleiche Expertise. Der kleine Radsport-Laden sei die Anlaufstelle schlechthin, wenn man Profi-Radsportler treffen möchte, scherzen sie. Ist der Chef mit ihren High-End-Rädern beschäftigt, beraten die Profis die Kunden bezüglich der besten Ausstattung. Der Radsport boomt im Amateurbereich - und ist in vielen Freundeskreisen zu einer gemeinsamen Aktivität geworden.
Und für die Profis Ackermann und Märkl ist es ähnlich: "Es arbeitet sich immer leichter mit Freunden." Vor allem wenn beide nicht nur "das gleiche Herzblut für den Sport", sondern auch sonst "eine gute Chemie" haben, stellt Märkl zufrieden fest. Trainingseinheiten über fünf Stunden am Tag sind nicht unüblich - und die Anstiege in den Allgäuer Bergen sind zu ihrem Wohlfühlort geworden. "Die eine Woche hat Akki (Ackermann) mich im Sack, die andere habe ich ihn im Sack", scherzt Märkl, für den klar ist, dass keiner von beiden der Schwächere sein will.