Sport erklärt

400 Meter mit Alica Schmidt: Der härteste Sprint der Leichtathletik

Alica Schmidt gehört zu den bekanntesten Leichtathletinnen der Welt. Für SWR Sport erklärt die ehemalige Sprinterin, warum der 400-Meter-Lauf die härteste Distanz von allen ist.

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Von Autor/in Marcel Fehr

Alica Schmidt ist eine ehemalige 400-Meter-Spezialistin. In ihrer Leichtathletik-Karriere ist die gebürtige Wormserin diese Distanz schon über 100-mal im Wettkampf gelaufen. Sie weiß, worauf es ankommt und warum diese Distanz so schwierig ist. Die 400 Meter sind der längste Sprint, den es gibt. Er ist viermal so lang wie die 100 Meter, aber viele empfinden ihn als hundertmal härter. Die Schmerzen, die die Athletinnen und Athleten nach dem Zieleinlauf ertragen müssen, sind bei dieser Distanz besonders hoch.

Sport erklärt: 400 Meter mit Alica Schmidt – Die härteste Sprintdistanz | SWR Sport

Alica Schmidt: "Eine Kunst zwischen Sprint und Ausdauer"

Beim 400-Meter-Langsprint ist es nicht möglich, wie etwa über die kürzeren 100 oder 200 Meter-Distanzen, einfach mit voller Geschwindigkeit durchzusprinten. Es muss die richtige Balance zwischen Geschwindigkeit und Durchhaltevermögen gefunden werden, um erfolgreich zu sein. Eine Art Paradoxon, das Alica Schmidt zu gemischten Gefühlen bringt: "Die 400 Meter, das ist für jeden so eine Hassliebe. Es ist eine Kunst zwischen Sprint und Ausdauer, die man dann sehr speziell trainieren muss."

400 Meter: vom Lauf zum Sprint

Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts zählte man die 400 Meter zur Mittelstrecke. Es galt als unmöglich, dass ein Mensch so lange mit voller Kraft sprinten kann. Man rannte die 400 Meter wie einen Langstreckenlauf: am Anfang langsam, am Ende schneller. Der Schotte Eric Liddell war der Erste, der es anders probierte. Seine Taktik: "Ich laufe die ersten 200 Meter so schnell ich kann. Die zweiten 200 laufe ich dann, mit Gottes Hilfe, noch schneller." Auch wenn der Olympiasieger von 1924 danach teilweise eine halbe Stunde in Ohnmacht fiel, wurde aus dem 400-Meter-Langstreckenlauf der moderne 400-Meter-Langsprint.

Komplexe Energiegewinnung: Über ATP, Laktat und Überlebenskampf

Beim Sprinten arbeiten die Muskeln. Dafür braucht es den Treibstoff ATP. Er lässt die Muskeln zucken und sorgt für die Verkürzung und Entspannung der Muskelfasern. Das Problem ist, dass in der Muskulatur nur kleine Mengen ATP gespeichert sind und der Vorrat nach wenigen Sekunden verbraucht ist. Nachschub liefert die anaerobe Glykolyse. Bei diesem Energiebereitstellungsprozess wird im Muskel gespeicherte Glukose abgebaut. Allerdings wird dabei auch Laktat, bekannt als Milchsäure, produziert. Es sammelt sich in der Blutbahn an und sorgt für ein starkes Brennen in den Beinen. Danach schaltet der Körper in eine Art Überlebensmodus und ein mentaler Kampf gegen Körper und Geist beginnt.

Auf den letzten Metern übersäuern die Muskeln mit jedem Schritt immer stärker. Andere Energiebereitstellungsprozesse hinken hinterher und können den Körper kaum noch mit ausreichend Kraft versorgen. Alica Schmidt weiß, wie schmerzhaft vor allem die Zielgerade ist: "Es fühlt sich so an, als würde man die letzten Meter gehen, weil einfach so viel Laktat in den Körper schießt."

Alica Schmidt wechselt von 400 auf 800 Meter

Seit dieser Saison läuft Alica Schmidt nicht mehr den 400-Meter-Langsprint, sondern wechselt auf die 800-Meter-Mittelstrecke: "Manchmal habe ich das noch nicht realisiert. Es ist auf jeden Fall eine Challenge. Man merkt bei der doppelten Distanz, dass es eine Umstellung im Training ist."

Alica Schmidts persönliche Bestzeit beträgt über 400 Meter 52,21 Sekunden. Über 800 Meter ist ihre schnellste Zeit bisher 2:03,21 Minuten. Sie kennt mittlerweile beide Strecken und weiß, welche sich schlimmer anfühlt: "Im Wettkampf sind die 400 härter. Also da schießt das Laktat nochmal krasser in die Beine." 

400-Meter-Läufer gehören zu den härtesten der Leichtathletik

Im Ziel fallen die meisten Athletinnen und Athleten völlig erschöpft in sich zusammen. Einige haben Probleme aufrecht zu stehen, haben Krämpfe oder müssen sich übergeben. 400-Meter-Sprinter erreichen aufgrund einer trainierten Säuretoleranz die höchsten Laktatwerte überhaupt - es kommt zu einer kurzzeitigen extremen Übersäuerung des Organismus.

"Man hat danach wirklich das Problem, dass man eine halbe Stunde bis Stunde danach noch nicht aufstehen kann", verrät Alica Schmidt. Es ist eine Zerreißprobe, die die Athletinnen und Athleten an ihre Grenzen bringt. Wer hier triumphiert, gehört zweifellos zu den Härtesten der Leichtathletik.

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