Als Kind wollte Laura Siegemund Meeresbiologin oder Comiczeichnerin werden. Wenn man Deutschlands Nummer eins im Frauen-Tennis heute fragt, wie sie sich die Zeit nach einem möglichen Karriereende vorstellt, beschreibt sie eine idyllische Szene: "Ich sage immer zum Scherz: Soll ich mir nicht einfach 20 Schafe kaufen und mich dann in Sardinien irgendwo auf einen grünen Hügel stellen? Da habe ich dann meine Schafe und meine Ruhe," scherzt die Profisportlerin aus Metzingen im Interview mit SWR Sport.
38-Jährige Siegemund: "Das ist in vielerlei Hinsicht jetzt mein bestes Tennis"
Ruhe hatte Laura Siegemund in den letzten 20 Jahren wenig. So lange tourt die 38-Jährige nämlich schon im Rahmen der WTA-Tour mit der Weltspitze um den Globus. Ihre Turnierplanung, den Trainingsumfang und auch ihre Taktik in den Matches musste Laura Siegemund anpassen. "Ich bin jetzt einfach keine Mitte 20 mehr, das muss man akzeptieren. Aber das ist in vielerlei Hinsicht jetzt mein bestes Tennis."
Tennis | Wimbledon Becker schwärmt von Siegemund: "Geschichte geschrieben"
Laura Siegemund will in Wimbledon die nächste Sensation schaffen. Die 37-Jährige trifft auf die Weltranglistenerste Aryna Sabalenka. Boris Becker sagt, was ihm an Siegemund besonders gefällt.
Ihre Variabilität macht Siegemund auf dem Platz besonders gefährlich. Sie traut sich, den Rhythmus zu brechen, kurze Bälle zu spielen, ans Netz zu gehen. Mit ihrem unkonventionellen Slice brachte sie vergangenes Jahr gleich mehrere Top-Ten-Spielerinnen ins Schwitzen. Bei drei von vier Grand Slams erreichte die Stuttgarterin 2025 die dritte Runde, in Wimbledon sogar das Viertelfinale. Dort konnte nur die Nummer eins der Welt, Aryna Sabalenka einen neuen Grand-Slam-Rekord im Einzel für Siegemund verhindern.
Zwischen Steffi-Graf-Vergleichen und dem zwischenzeitlichen Karriereende
„Ich überrasche mich dann schon auch immer wieder. Aber ich bin halt 'ne harte Nuss, ich habe gute Nerven", weiß Siegemund. Mit Anfang 20 hatte sie den Tennisschläger zwischenzeitlich schon in den Schrank gestellt. Die Entwicklung, die der 13-jährigen Laura nach dem Sieg der Junioren-WM vorhergesagt wurde, kam anders. "Diese Steffi-Graf-Vergleiche kamen ja immer. Sie war für mich ein riesiges Idol, aber ich hab immer gesagt, dass ich eben nicht Steffi Graf bin", erinnert sie sich. Verletzungen, falsche Trainingsanreize - Siegemund fand den Anschluss an die Weltspitze zunächst nicht. Die ersten Jahre auf der WTA-Tour rangierte sie auf den Plätzen 200 bis 300.
"So eine Karriere ist halt nicht aus der Dose. Ich habe immer gemerkt, da geht noch mehr, aber ich habe mir die Zähne daran ausgebissen." Als auch noch der Spaß am Tennis fehlte, zog Laura Siegemund einen Schlusstrich. Sie nahm den Druck raus, begann ein Psychologiestudium, spielte irgendwann wieder kleinere Turniere. 2016 schaffte sie den Durchbruch, feierte ihren ersten Einzel-Titel und wurde Nummer 27 der Welt. "Ich war auf jeden Fall eine Spätzünderin", sagt Laura Siegemund rückblickend.
Laura Siegemund kehrt zurück in die Top 50 der Welt
Ein Jahr nach der Niederlage gegen Angelique Kerber im innerdeutschen Finale von Stuttgart triumphierte Siegemund auch bei ihrem Heimturnier. „Der Sieg in Stuttgart 2017 war natürlich im Einzel mit Sicherheit der größte Erfolg meiner Karriere und auch ein ganz besonderer Moment.“ Jetzt, stolze neun Jahre später, klettert Laura Siegemund nach ihrem Achtelfinaleinzug beim gleichen Turnier in der Weltrangliste auf Platz 47. Als einzige Deutsche wird sie damit unter den Top 50 geführt.
Dieses Gedröhne vom Publikum, das ist wie eine Droge.
„Was mich immer noch am meisten motiviert ist diese Bühne. Auf einem großen Platz zu spielen, wenn du einen guten Ballwechsel gemacht hast und die Stimmung explodiert. Dieses Gedröhne vom Publikum, das ist wie eine Droge. Und das wirst du auch später nie wieder in der Form haben. Das motiviert wahnsinnig." Bevor Laura Siegemund sich also den Schafen und der Ruhe widmet, genießt sie weiter die ganz große Tennis-Bühne.