"Blame-Shifting" ist ein Begriff aus der Psychologie. Er bezeichnet die Praxis, die Schuld für eigene Fehler oder negative Erlebnisse bei anderen zu suchen beziehungsweise auf andere zu übertragen.
Ein gutes Beispiel für "Blame-Shifting" findet sich in einer Beschlussvorlage für den Außerordentlichen Deutschen Turntag, der am 9. Juli stattfand. In diesem Vorschlag bat der DTB seine 22 Mitgliedsverbände darum, für die Finanzierung der Untersuchung und Aufarbeitung von Missständen im deutschen Turnen innerhalb kurzer Zeit Geld in Höhe von 341.238,33 Euro bereitzustellen.
Berichte über Missstände verantwortlich für enorme Kosten?
In der Begründung heißt es: "Seit Dezember 2024 wurde zunächst in den Sozialen Medien und darauffolgend auch in anderen Medien über Missstände am Kunstturnforum Stuttgart, am Bundesstützpunkt in Mannheim und auch grundsätzlich im Leistungssportsystem des Turnens berichtet. Daraus folgten für den DTB verbandliche und rechtliche Schritte, die mit enormen Kosten verbunden waren und noch sind."
Verantwortlich dafür, dass dem Verband 2025 und 2026 voraussichtlich zusätzliche Kosten in Höhe von etwa 650.000 Euro entstehen werden, sind nach diesem Wortlaut also offenbar die Hilferufe der Betroffenen, die die Öffentlichkeit suchten, um auf die Missstände hinzuweisen, und die Medien, die darüber berichteten. Kein Wort davon, dass die bisherigen Schutzkonzepte des DTB wohl nur unzureichend gegriffen haben, dass es Fehlverhalten von Trainerinnen, Trainern und Funktionären gab und dass die Missstände womöglich innerhalb des Verbands zu suchen sind. Auch kein Wort des Bedauerns seitens der Verbandsführung, dass den Landesturnverbänden nun erhebliche Mehrkosten entstehen.
Der DTB hat "aktuell keine Rücklagen" für Zahlung der Rechnungen
Um die Jahreswende hatten etliche Turnerinnen (darunter ehemalige Topathletinnen wie Tabea Alt) über gravierende Missstände am Kunstturnforum in Stuttgart berichtet. Die Rede war unter anderem von verbalen Übergriffen, Erniedrigungen und dem Herunterspielen von Verletzungen. Einer Trainerin und einem Trainer am Bundesstützpunkt wurde daraufhin gekündigt; beide klagen vor dem Arbeitsgericht Stuttgart gegen diese Kündigung. Gegen den ehemaligen Trainer von Topturnerin Helen Kevric ermittelt zudem die Staatsanwaltschaft Stuttgart. Wenig später wurden unter anderem durch Rekordturnerin Elisabeth Seitz auch Missstände am Turnstützpunkt in Mannheim bekannt. Auch hier wurde die leitende Trainerin freigestellt, zuvor war bereits die aktuelle Nachwuchsbundestrainerin weiblich, Claudia Schunk, von ihren Aufgaben entbunden worden. Deren Stelle wird laut DTB trotz Freistellung weiter über die Bundesförderung finanziert. Gegen beide Trainerinnen ermittelt die Staatsanwaltschaft.
Das Fehlverhalten von Trainerinnen und Trainern und die offenbar nicht ausgereiften Schutzkonzepte kosten den Deutschen Turner-Bund also viel Geld. Der Verband hat "aktuell keine Rücklagen", um die auflaufenden Rechnungen (bis Anfang Juni in Höhe von 250.000 Euro) zu begleichen. Allein im Jahr 2025 rechnet der DTB mit Kosten in Höhe von 500.000 Euro. Davon sind 200.000 Euro für die Untersuchung durch die Frankfurter Kanzlei Rettenmaier (Datenanalyse, Abstimmung mit Staatsanwaltschaft u.a.) eingeplant. Die strafrechtliche Vertretung wird mit 175.000 Euro veranschlagt, die "medienrechtliche Beratung" mit 50.000 Euro.
Badischer Turner-Bund bietet finanzielle Unterstützung an
160.000 Euro will der DTB selbst durch "Einsparungen in allen Verbandsbereichen" tragen. Die übrigen Kosten von gut 340.000 Euro sollten durch eine Umlage durch die Mitgliedsverbände finanziert werden. Die Mehrzahl der Landesturnverbände lehnte diesen Finanzierungsvorschlag allerdings ab. Nach SWR-Informationen soll es in der Diskussion auch um die Frage gegangen sein, wer diese hohen Kosten verursacht hat und ob diese Kosten in dieser Höhe notwendig sind. Die Beschlussvorlage wurde am Vortag des Außerordentlichen Deutschen Turntags kurzfristig von der Tagesordnung genommen.
Stattdessen konnte der DTB eine andere Lösung präsentieren: Der Verband erhält nun kurzfristig von einigen Landesturnverbänden Darlehen in Höhe der geplanten Umlage von ca. 340.000 Euro. Welche Landesturnverbände dies sind, wollte der DTB nicht mitteilen. Nach SWR-Informationen soll der Bayerische Turnverband (BTV) dem DTB angeblich ein Darlehen über 300.000 Euro zugesagt haben. DTB-Präsident Alfons Hölzl ist BTV-Ehrenpräsident. Über die Höhe der Verzinsung der Darlehen schweigt der Deutsche Turner-Bund.
So reagieren die Landesturnverbände in Baden-Württemberg
Auch der Badische Turner-Bund (BTB) bot dem DTB finanzielle Unterstützung an. Diese Unterstützung werde aber nur gewährleistet, so der BTB gegenüber dem SWR, "wenn das Geld zweckgebunden und somit ausschließlich für die Zwecke zur Aufarbeitung der Vorkommnisse im Gerätturnen weiblich genutzt wird". Anders die Reaktion des Schwäbischen Turnerbunds (STB). Dieser teilte SWR Sport mit, er stehe regelmäßig im engen Austausch mit dem DTB, aber: "Eine außerplanmäßige finanzielle Unterstützung des DTB ist uns aktuell nicht möglich."
Droht dem DTB ein Bußgeldverfahren?
Die Frage der Finanzierung der Aufarbeitung scheint also geklärt. Für den DTB könnte aber noch ein anderes Thema brisant werden. In der Begründung der oben genannten Beschlussvorlage teilte der Deutsche Turner-Bund seinen Mitgliedsverbänden erstmals mit, dass die Staatsanwaltschaft im Rahmen der Ermittlungen auch der Frage nachgeht, ob ein Organisationsverschulden vorliegt und somit gegebenenfalls auch ein Verfahren gegen die involvierten Verbände eingeleitet werden könnte. Dabei geht es nicht um mögliche strafrechtliche Ermittlungsverfahren. Diese können nie gegen einen Verband, sondern immer nur gegen einzelne natürliche Personen geführt werden. Bußgeldverfahren im Ordnungswidrigkeitenrecht können hingegen auch gegen Verbände wie den Deutschen Turner-Bund geführt werden.
Auf SWR-Anfrage teilt der DTB mit: "Nach wie vor trifft zu, dass sich die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft weiterhin nicht gegen den DTB richten." Warum aber veranschlagt der Verband dann für 2025 Kosten in Höhe von 175.000 Euro für eine "strafrechtliche Vertretung"? Will der DTB für den Fall vorbauen, dass es zu einem Bußgeldverfahren gegen ihn kommt?
Aufarbeitung soll 2026 beginnen
Aus einem internen Papier des DTB geht im Übrigen hervor, dass der Verband damit rechnet, dass der Untersuchungsprozess durch die Frankfurter Kanzlei Rettenmaier "in Zusammenarbeit mit der Staatsanwaltschaft" bis Ende 2025 abgeschlossen sein wird. Ab 2026 soll dann die Aufarbeitungsphase beginnen. Eine entsprechende Aufarbeitungsordnung wurde auf dem Außerordentlichen Deutschen Turntag am 9. Juli ebenfalls verabschiedet. Diese Ordnung soll der Aufarbeitung ein rechtssicheres Gerüst geben.
Unabhängig von den Aktivitäten des Deutschen Turner-Bunds laufen die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Stuttgart weiter. Inzwischen wurden 13 Durchsuchungen und mehr als 60 Zeugenvernehmungen durchgeführt.