SWR Sport: Simon Geschke, wie realistisch ist es, dass Florian Lipowitz auch in diesem Jahr wieder um den dritten Platz in der Gesamtwertung der Tour de France mitfährt?
Simon Geschke: Ich denke, bis zum zweiten Platz ist alles sehr offen. Tadej Pogacar ist für mich unantastbar, wenn er nicht stürzt oder krank wird. Und im Kampf um Platz zwei sehe ich Jonas Vingegaard nicht so viel stärker. Deshalb denke ich, dass Florian Zweiter oder Dritter werden kann, aber dafür muss natürlich alles perfekt laufen.
Aber ich habe das Gefühl, dass die Doppelspitze (Red.: Im Lipowitz-Team Red Bull-Bora-hansgrohe mit Remco Evenepoel) im Team nicht so harmoniert. Das ist natürlich immer ein Risiko, wenn man jemanden wie Remco Evenepoel ins Team holt, dass es nicht funktioniert. Das ist für Florian wieder eine schwere Situation, im letzten Jahr war das mit Primoz Roglic auch so. Und mit Remco ist es jetzt dasselbe, dass jeder auf sich guckt. Das ist auch okay, beide waren schon Dritter bei der Tour und wollen es auch wieder werden.
Aber dann kann man auch nicht erwarten, dass der Dritte vom letzten Jahr sich für den Dritten vom vorletzten Jahr aufopfert und anders herum. Dass sich Remco in der ersten Woche nicht schon für Florian aufopfert, ist auch klar. Eine Doppelspitze kann ein Vorteil sein, aber nicht zwingend. Wenn sich beide nicht so richtig verstehen und jeder Ansprüche hat, dann wird's extrem schwierig. Da könnte dann schon Vingegaard der lachende Sieger sein, der sich den zweiten Platz schnappt. Aber er ist da nicht entscheidend stärker, der ist schlagbar.
Nochmal zur Doppelspitze. Florian Lipowitz und Remco Evenepoel sind ganz unterschiedliche Charaktertypen. Inwiefern kann das gemeinsam funktionieren und wie sinnvoll sind überhaupt zwei Kapitäne im Team?
Die Zeit wird es zeigen, wie das mit den beiden funktioniert. Remco ist niemand, der die Führungsrolle gerne teilt. Aber er wusste, dass Florian im Team ist, als er den Vertrag unterschrieb. Eine Doppelspitze kann sinnvoll sein, aber dafür müssen die beiden zusammenarbeiten und sich abwechseln. Vor allem, solange man mit beiden in Schlagdistanz zum zweiten Platz ist, könnte man abwechselnd attackieren. Sowas kann funktionieren.
Aber wenn sich einer wie Remco nach dem Rennen bei der Presse beschwert, dass er nicht genügend Unterstützung von Florian bekommen hat, das sind Anzeichen für mich, dass es nicht funktioniert. Das ist dann auch eine Frage der sportlichen Leitung. Also ich sehe nicht, dass es funktioniert, auch wenn ich es Florian wünschen würde. Für das Team zählt letztlich einfach nur der zweite Platz. Im Moment sind beide auf einem Level und beide können sich Hoffnungen machen. Da muss man nach der ersten Woche noch keinen opfern. Tadej Pogacar fährt sowieso sein eigenes Rennen, der ist unantastbar im Moment.
Was bedeutet dieser Knatsch mit Remco Evenepoel im Team für Florian Lipowitz? Wächst damit auch der Druck auf ihn weiter an?
Der Druck ist in diesem Jahr in jedem Fall größer für ihn, nachdem er im letzten Jahr bei der Tour auf dem Podium stand. Es ist sicherlich seine eigene Erwartung, dass das diesmal wieder so ist, eventuell ist ja auch Platz zwei drin. Realistisch wird er auch wissen, dass an Tadej Pogacar kein Weg vorbei führt, aber der zweite Platz ist schon ein Ziel. Er muss mit dem Druck umgehen können, damit müssen große Fahrer umgehen können. Die Situation im Team ist für ihn nicht wirklich gut. Letztes Jahr war das mit Roglic ähnlich, aber da war Florian irgendwann der deutlich Stärkere und in der Gesamtwertung viel weiter vorne.
Die Hoffnung hat er vielleicht wieder, dass Remco Evenepoel mal einen schlechteren Tag hat. Aber wenn es umgekehrt wäre, denke ich, dass Florian auch umschalten kann und dann in die Helferrolle schlüpft. Das Team wird sicherlich den taktischen Plan haben, dass beide so lange wie möglich im Rennen um die Gesamtwertung sind und dass das Rennen dann entscheidet, wer letztlich wirklich um die vorderen Plätze mitfährt.