Nach Vorwürfen am Turnstützpunkt Stuttgart

Verfahren vor Gericht: War die Kündigung einer Turn-Trainerin rechtmäßig?

Eine Trainerin am Kunst-Turn-Forum wehrt sich gegen ihre Kündigung durch den Schwäbischen Turnerbund. Vor dem Arbeitsgericht Stuttgart gerät der Turnverband in die Defensive.

Teilen

Stand

Von Autor/in Johannes Seemüller

Der Saal 001 im Arbeitsgericht Stuttgart ist ein karger, nüchterner Raum. An den schlichten weißen Tischen sitzen sich die beiden Parteien gegenüber. An der Fensterseite die klagende Trainerin, die am Kunst-Turn-Forum in Stuttgart viele Jahre für die Kaderathletinnen verantwortlich war, mit ihrem Anwalt. Auf der anderen Seite Matthias Ranke, Geschäftsführer des beklagten Schwäbischen Turnerbunds (STB), samt Rechtsbeistand.

Hinten im Raum befinden sich zwei Stuhlreihen. Obwohl die Verhandlung öffentlich ist, sind vor allem Medienvertreter da – und der Ehemann der Klägerin, ebenfalls Trainer am Bundesstützpunkt in Stuttgart.

Trainerin klagt auf Wiederanstellung

Am 17. Januar 2025 hatte der STB gegenüber der Trainerin eine mündliche Kündigung des Arbeitsverhältnisses ausgesprochen. Hintergrund waren massive Anschuldigungen von Spitzenturnerinnen am Kunst-Turn-Forum - auch gegen die Trainerin. Ehemalige Athletinnen wie Tabea Alt oder Michelle Timm hatten sich öffentlich geäußert. Der Schwäbische Turnverband zog daraufhin arbeitsrechtliche Konsequenzen. Gegen ihre Kündigung hatte die Trainerin nun auf Wiederanstellung geklagt.

Jürgen Schmitt, Anwalt des beklagten STB, betont in der Verhandlung am Donnerstag (31.07.), er habe die Vorwürfe gegen die Trainerin auf zehn Seiten schriftlich dargelegt. Der Arbeitsrechtler spricht von Trainingseinheiten trotz Verletzung und davon, dass die Trainerin die Turnerinnen zum Weinen gebracht habe. Allerdings kann der STB keine Namen von Zeuginnen oder konkrete Schilderungen von möglichen Verfehlungen nennen.

STB: Zeugen wollen nicht öffentlich aussagen

"Wir haben Zeugen, die aber aktuell nicht bereit sind, öffentlich auszusagen", muss Schmitt einräumen. Dabei weiß der STB nach eigener Aussage von einer Personenzahl "im zweistelligen Bereich", die sich in ihrer Not an die entsprechenden Compliance- oder Safe-Sport-Anlaufstellen ("auch außerhalb des STB") gewandt habe. Auf diesen anonymen Äußerungen beruht die Argumentation des Verbands. Einem Verantwortlichen des Schwäbischen Turnerbunds habe sich hingegen keine Turnerin anvertraut. "Ich kann nachvollziehen, dass sie sich nicht direkt bei uns gemeldet haben", sagt Ranke nach der Verhandlung. Der Geschäftsführer weiß, dass in der Vergangenheit viel Vertrauen verloren gegangen ist.

Dem Vorsitzenden Richter sind die Ausführungen des Schwäbischen Turnerbunds offenbar zu dünn. "Ich sehe keine Tatsachen", sagt er und blickt zur Beklagten-Seite. Deren vorgetragenen Sachverhalte seien nicht mit konkreten Vorgängen, Daten oder Namen untermauert. Boris Dollinger, der Rechtsvertreter der Klägerin, nimmt diese Vorlage auf und nennt die Ausführungen der Arbeitgeber-Seite "maximal schwammig". Er wirft ihr sogar vor: "Sie versuchen, die Klägerin beruflich zu vernichten." Die Trainerin schweigt während der gesamten Verhandlung.

Vier Turnerinnen mit schriftlichen Stellungnahmen

In der Klageerwiderung vom 16. Mai hatte der STB angeblich angekündigt, innerhalb von zehn Wochen Zeugen benennen zu wollen. Dies sei bis heute nicht passiert, führt der Rechtsbeistand der Klägerin aus. Er hingegen habe schriftliche Stellungnahmen von vier Turnerinnen eingeholt und vorgebracht. Diese Athletinnen im Alter zwischen 15 und 17 Jahren hätten sich eindeutig für die Stützpunkttrainerin ausgesprochen und sie gegen die erhobenen Vorwürfe verteidigt.

Nun zieht der Anwalt des Schwäbischen Turnerbunds sein vorerst letztes Ass aus dem Ärmel. "Die Staatsanwaltschaft führt die Klägerin als Beschuldigte", weist er den Vorsitzenden Richter auf die laufenden Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Stuttgart hin. Anwalt Schmitt sagt, er habe gehofft, Einblick in die Ermittlungsakten zu erhalten. Dann hätte er Namen und Aussagen von Zeuginnen gehabt und diese in das Arbeitsgerichtsverfahren einbringen können. Hoffnungsvoll hatte die STB-Seite im Juni einen Antrag auf Aussetzung des Verfahrens gestellt. Doch bis heute bekam der STB keine Akteneinsicht.

Den Vorsitzenden Richter lässt das parallel laufende Ermittlungsverfahren kalt. Er ist nicht bereit, auf die Ergebnisse der Staatsanwaltschaft zu warten. Das Verfahren werde nicht ausgesetzt, deutet er an. Diese Entscheidung teilt das Arbeitsgericht dann auch am Freitag auf SWR-Anfrage offiziell mit. Der Schwäbische Turnerbund hat nun die Möglichkeit, gegen die Ablehnung des Aussetzungsantrags Beschwerde einzulegen.

Keine Einigung - Turnverband in der Defensive

Sollte der STB auf eine Beschwerde verzichten und dieser Beschluss rechtskräftig sein, erst dann wird das Arbeitsgericht seine Entscheidung über die Klage der Trainerin auf Wiederanstellung verkünden. Doch nach der 20 Minuten dauernden Verhandlung zeichnet sich eine klare Tendenz ab: Es wird wohl keine gütliche Einigung zwischen den Parteien geben, die Trainerin wird mit ihrer Klage voraussichtlich erfolgreich sein. Es scheint allerdings ausgeschlossen, dass die erfahrene Trainerin, die schon seit vielen Jahren beim Schwäbischen Turnerbund angestellt ist, wieder die Trainingsgruppe um die Spitzenturnerinnen Helen Kevric und Marlene Gotthardt übernehmen wird. Im Sitzungssaal schwirrten daher bereits Summen einer möglichen Abfindung durch die Luft. Die Rede war von einem Betrag im sechsstelligen Bereich, "mit einer Drei vorne dran".

Sollte der Schwäbische Turnerbund diesen Prozess in erster Instanz verlieren, wird er, so deutete er im Anschluss an die Verhandlung an, "mit hoher Wahrscheinlichkeit" Berufung gegen das Urteil einlegen. Darüber müsste dann das Landesarbeitsgericht, die nächsthöhere richterliche Instanz, entscheiden.

Nächster Prozess im Oktober

Unabhängig davon wartet aber schon der nächste Prozess auf den Schwäbischen Turnerbund. Ende Oktober soll es ein weiteres Verfahren vor dem Arbeitsgericht Stuttgart geben. Dann wird die Kündigung eines anderen Trainers am Kunst-Turn-Forum verhandelt.

Erstmals publiziert am
Stand
Autor/in
Johannes Seemüller
Johannes Seemüller, SWR-Sportjournalist