Mit dem abgewetzten Charme alter Boxhallen, wie man sie aus den Rocky-Filmen kennt, hat das Gym im Stuttgarter Westen wenig zu tun. Die hellblauen Matten auf dem Boden sind penibel sauber, die Wände schneeweiß gestrichen. Von oben werden die Hobbysportler von moderne Deckenleuchten hell angestrahlt. Selbst die meterhohen Spiegel am Ende des Raumes sind blitzblank geputzt. Anrüchig ist hier gar nichts. Und soll es auch nicht sein. Anstatt des "Blut, Schweiß und Tränen"-Mottos der Rocky-Filme, geht es hier um positive Atmosphäre.
Für Trainer Angelo Tanga, den alle nur "Coach Angelo" nennen, steht vor allem die Durchlässigkeit im Vordergrund. Jeder soll sich wohlfühlen. "Ich habe mittlerweile Richter, Anwälte, Polizisten, Ärzte und auch sehr sehr viele Lehrer in meinen Trainingsgruppen", erzählt er SWR Sport. "Die kommen gestresst und müde nach der Arbeit hierher und gehen glücklich wieder raus, weil sie sich einfach auspowern konnten." Auch die Trainingsgruppe an diesem Donnerstagabend ist durchmischt. 18 Männer und Frauen trainieren gemeinsam mit wechselnden Partnern. Gewichtsklassen, Größenunterschiede oder körperliche Konstitution spielen keine Rolle. Jeder kann mit jedem. Schläge ins Gesicht oder harte Leberhaken sind ohnehin nicht vorgesehen.
Boxen ohne Kampf
Während Sportlehrer Yannick am Sandsack arbeitet, stehen sich die Fitness-Influencerin Lucy und die Architektin Yasmina zur Partnerübung gegenüber. Angelo korrigiert die Technik der beiden: "Immer sauber schlagen. Ja, genau so", freut er sich, als Yasminas Handschuh auf Lucys Deckung klatscht. Die beiden Boxerinnen lachen. "Die Stimmung ist immer gut, egal mit wem man boxt", erzählt auch Hanna am Rande des Trainings. Die 37 Jahre alte Konditorin macht den Sport seit über zwei Jahren. In der Gruppe fällt sie allein schon deshalb auf, weil sie mit Brille kämpft. "Ich mag keine Kontaktlinsen", sagt sie lachend. "Bisher gab es noch keine Probleme." Auch an diesem Tag wird ihre Brille heil bleiben – alle Fitnessboxer achten diszipliniert darauf, den Gegenüber nicht zu hart zu treffen. Schließlich muss am nächsten Tag jeder wieder zum normalen Job.
"Beim Fitnessboxen trainiert man praktisch das Boxen, aber man lässt das Kämpfen weg", erklärt Coach Angelo. Die Kombinationen, die Technik und die Grundlagen des Boxens bringt er seinen Schülern ganz ohne Gewalt bei. "Weil man nicht geschlagen wird, hat man keine Angst", sagt er. "Deshalb kann man sich auch gut auf die Technik konzentrieren. Fitnessboxen kann wirklich jeder machen", so der Coach. Angelo selbst ist kein Unbekannter in der Szene. Als sogenannter "Striking Coach" von Profikämpfern wie Alina Dalaslan oder Dominic Schober ist er vor allem im Mixed-Martial-Arts vielen ein Begriff. Auch der schwäbische MMA-Star Christian Jungwirth trainierte bereits in Angelos Gym. Als Trainer schaffte Angelo Tanga es sogar bis in die höchste MMA-Organisation UFC.
"Beim Fitnessboxen trainiert man das Boxen, aber lässt das Kämpfen weg"
Und dennoch: Das Trainieren mit Amateur- und Hobbysportlern erfüllt den 38-jährigen Stuttgarter. "Bei den Profis, den Wettkämpfern, da ist es ein Muss. Das ist ihre Arbeit", sagt er. Natürlich sei das – bei aller Freude, die der Profisport mit sich bringt - auch psychisch und physisch anstrengend. Die Arbeit mit den motivierten Trainingsgruppen stellt dabei auch für ihn einen guten Ausgleich zum Wettkampfdruck dar. "Wenn hier 20 Leute reinkommen, die eigentlich einen Bürojob haben und die es aus Spaß machen, die sich gegenseitig motivieren und zusammen besser werden – das macht mich glücklich und stolz", vergleicht Angelo seine beiden unterschiedlichen Welten. Die Arbeit mit den motivierten Trainingsgruppen gebe ihm auch selbst Energie, sagt er.
Jeder trainiert mit jedem
Alle zwei Minuten piepst ein durchdringender Ton durch den Trainingsraum. Coach Angelo lässt seine Schützlinge häufig durchwechseln. "Lucy, Du kommst jetzt zu mir. Yasmina geht rüber zu Jacques." Während Yasmina und ihr gut einen Kopf größerer Trainingspartner abwechselnd zum Angriff übergehen, darf Lucy ihre Schlagkombinationen am Coach testen. "Man bekommt eine ganz andere Haltung als Frau", beschreibt die 19-Jährige ihre Erfahrungen. Mittlerweile habe sie "Blut geleckt" – sie könne sich auch einen Wechsel ins "richtige Boxen" vorstellen, sagt sie.
Ganz am hinteren Ende vor der Spiegelwand schwitzt Andrea. Der 30 Jahre alte Informatiker aus Italien ist zum Studium in Stuttgart und promoviert gerade im Fach Data-Science: "Ich bin zwei, dreimal die Woche hier. Ich habe fast 20 Kilo abgenommen", erzählt der Italiener fröhlich und fügt scherzend hinzu: "Und Angelo hat mir Deutsch beigebracht!" Andrea lacht. "Siehst du", kontert Angelo gut gelaunt: "Ich bringe dir nicht nur Boxen bei, du bist sogar schlauer geworden! Seit du hier bist, machst du deinen Doktortitel!", witzelt auch der Coach.
Zum Abschluss des Trainings stellen sich die Sportlerinnen und Sportler nochmal in zwei Reihen auf. Liegestütze, Planking, Sit Ups – typische Fitnessübungen gehören zum Training dazu. Dann klatschen Angelos Fitnessboxer sich der Reihe nach ab. Mit High Fives geht es nach einer intensiven Boxstunde zurück in den Alltag. Angelo trinkt einen Schluck Wasser und verabschiedet seine Schüler. Währenddessen betritt schon die nächste Gruppe den Raum. "Also los, alle zum Aufwärmen", ruft Angelo. Die nächste Trainingsstunde hat begonnen.