Es sind Sätze, die unter die Haut gehen. Olympia-Turnerin Janine Berger, 2012 Vierte in London, spricht über einen der schlimmsten Momente ihres Lebens. "Irgendwann dachte ich, ich kann nicht mehr leben, ich will so nicht mehr leben. Ich hatte auch schon Gedanken, wie ich mein Leben beenden will." Die 29-Jährige, die Anfang 2025 ihre Karriere als Leistungssportlerin beendete, erzählt in der SWR-Dokumentation "Erfolg um jeden Preis?" ihre bewegende Geschichte. Aussagen wie diese zeigen, wie hoch der Preis sein kann, wenn sportlicher Erfolg über allem steht.
Berger war eine der größten deutschen Hoffnungsträgerinnen im Turnen. Doch hinter ihren schillernden Erfolgen versteckte sich eine Leidensgeschichte, die sie an ihre Grenzen brachte - körperlich und psychisch. Erst Jahre später spricht sie schonungslos über das System, das sie geformt und teilweise gebrochen hat.
Berger ist nicht allein mit ihrer Geschichte. Auch Elisabeth Seitz, Deutschlands erfolgreichste Turnerin, öffnet sich in dieser eindrucksvollen Dokumentation. Anfang des Jahres machte sie im SWR erstmals öffentlich, wie sehr auch sie unter Erniedrigungen und psychischem Druck gelitten hat. Erfahrungen, die lange verborgen blieben.
Trotz aller Missstände, die Turnerinnen eint die Liebe zum Turnen. Viele von ihnen setzen sich mittlerweile dafür ein, dass die nächste Generation in einem gesünderen, respektvolleren Umfeld trainieren kann.
Es gibt für mich keinen schmalen Grat zwischen hartem Training und dem Machtmissbrauch. Für mich ist das eine klare Grenze.
SWR Sport-Doku Erfolg um jeden Preis?- Machtmissbrauch im Frauenturnsport
Missbrauch, Macht und Medaillen: Wie konnte der deutsche Frauenturnsport über Jahrzehnte ein System dulden, das psychische und körperliche Gewalt fördert? Die SWR Story beleuchtet die Hintergründe dieses Skandals und stellt die Frage: Was ist schiefgelaufen - und wie kann ein solcher Missbrauch in Zukunft verhindert werden?
Das gesamte Turn-System krankt
Die Doku verdeutlicht: Wenn über Machtmissbrauch gesprochen wird, geht es nicht nur um einzelne Trainerinnen, Trainer und Funktionäre oder um individuelle Verfehlungen. Es geht um eine ganz besondere Trainingskultur. Für manche Athletinnen waren ein harscher Ton in der Sporthalle und permanenter Druck "normal". Erst mit Abstand wurde vielen klar, wie belastend oder gar schädlich viele Erfahrungen waren. Auch die regelmäßige Kontrolle des Körpergewichts und der teils ungesunde Umgang mit dem eigenen Essverhalten ist im Frauenturnsport ein großes Thema.
Das war Normalität in diesem System. Sobald ich einen Sprung gemacht habe, der nicht so perfekt war, bin ich auf die Waage gegangen.
Der Deutsche Turner-Bund (DTB) steht angesichts solcher Missstände erheblich in der Kritik. DTB-Präsident Alfons Hölzl spricht in der Doku über die verbandsinterne Initiative "Leistung mit Respekt" und betont: "Ich bin davon überzeugt, dass die Konzepte, die wir bereits haben, schon wirklich Weltklasse-Niveau haben. Aber ich glaube, wir sind noch nicht an allen Stützpunkten mit unseren Ideen angekommen." Die SWR Story zeigt, warum das nicht reicht und weshalb echte Veränderungen schwerer umzusetzen sind, als es auf den ersten Blick scheint.
Trainerin Bachmayer lebt menschenfreundliche Philosophie
Neben den Athletinnen und Funktionären kommt auch Tatjana Bachmayer zu Wort. Die Trainerin am Bundesstützpunkt Chemnitz, bis 2024 Cheftrainerin in Karlsruhe, steht für eine moderne, menschenfreundliche Philosophie: "Nur wenn es dem Menschen gut geht, kann die Athletin auch Leistung bringen." Ihr Ansatz zeigt, dass Erfolg und Menschlichkeit kein Widerspruch sein müssen – auch wenn sie für diese Haltung im etablierten System lange Zeit belächelt wurde.
Wie sieht das Leistungsturnen der Zukunft aus?
Die ehemalige Nationalturnerin Pauline Tratz ist (neben Claus Hanischdörfer) Co-Autorin dieser SWR Story. Sie hat sich mehrere Wochen lang auf Spurensuche begeben. Dabei traf sie Weggefährtinnen, Trainerinnen und Trainer sowie Verbands-Verantwortliche. Sie schaute aber auch in die Schweiz, wo nach einem Turn-Skandal vor einigen Jahren mittlerweile ein Kulturwandel eingeleitet wurde.
Am Ende dieser Doku steht die zentrale Frage: Wie kann Turnen im Leistungssport gelingen, ohne dass junge Menschen daran zerbrechen? Die SWR Story "Erfolg um jeden Preis?“ gibt es ab Donnerstag, 18. September, in der ARD Mediathek. Im SWR Fernsehen läuft die Doku am 18. September um 21:00 Uhr.