Ein Jahr Turnskandal

"Man muss nerven": Die zähe Aufarbeitung des Machtmissbrauchs im Turnen

Vor einem Jahr sprachen Turnerinnen öffentlich über ihre Erfahrungen von Machtmissbrauch an den Stützpunkten Stuttgart und Mannheim. Wie geht es ihnen? Wie läuft die Aufarbeitung?

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Stand

Von Autor/in Johannes Seemüller

Ich wurde behandelt wie ein Gegenstand. Ich habe bis heute tiefe Wunden, die nie wirklich geheilt sind.

Zum Jahreswechsel 2024/25 gingen rund 20 aktive und ehemalige Leistungsturnerinnen mit erschütternden Darstellungen an die Öffentlichkeit. Sie berichteten von gravierenden Missständen an den Turnstützpunkten in Stuttgart und Mannheim. Es ging um Demütigungen, Schmerzmittel, Drohungen, Straftraining, Training trotz Knochenbrüchen, Essstörungen und Gewichtskontrollen. Das Leistungsturnen zeigte in den Schilderungen der jungen Frauen seine hässliche Fratze.

Was ist seitdem im Turnsport passiert? Wie geht es den betroffenen Turnerinnen? Wie reagier(t)en die Verbände (Deutscher Turner-Bund, Schwäbischer und Badischer Turnerbund sowie der Landessportverband BW) auf die Vorwürfe? Wie werden die Missstände aufgearbeitet? Welche personellen Konsequenzen gibt es? Wie geht die Politik mit dem Thema um? In einer kleinen Serie macht SWR Sport eine Bestandsaufnahme.

Folge 1: Die betroffenen Turnerinnen

Es waren erschütternde Sätze, die die Not vieler Leistungsturnerinnen ausdrückten. 

"Es war systematischer körperlicher und mentaler Missbrauch."
Tabea Alt, 25

"Mich selbst zu verletzen war einfacher, als meinen Trainern zu widersprechen."
Catalina Santos, 20

"Irgendwann dachte ich, ich will so nicht mehr leben."
Janine Berger, 29

Die Vorwürfe der Turnerinnen waren erschreckend, aber nicht neu. Bereits im Sommer 2021 hatte Olympiaturnerin Tabea Alt in einem 38-seitigen Brief an die Verantwortlichen beim Deutschen Turner-Bund (DTB) und beim Schwäbischen Turnerbund (STB) diese Missstände detailliert beschrieben. Auch die Nationalmannschafts-Turnerinnen Michelle Timm und Elisabeth Seitz hatten den DTB ausführlich informiert.

Trotzdem zeigten sich viele Funktionäre angesichts der neuen Schilderungen der Betroffenen vor gut einem Jahr "entsetzt" und "betroffen". Die Verantwortlichen in den Turnverbänden versprachen Aufarbeitung und eine lückenlose Aufklärung. DTB-Präsident Alfons Hölzl versicherte, es werde "nichts unter den Teppich gekehrt." Die Turnerinnen erhofften sich Konsequenzen für diejenigen, die für diese Missstände verantwortlich sind. Deutschlands Rekordturnerin Eli Seitz forderte im Februar 2025 bei SWR Sport: "Die Leute, die nicht richtig sind in diesem Verband oder in diesem Sport, müssen gehen."

Stuttgart, Frankfurt

Ein Jahr Turnskandal "Zeit, personelle Konsequenzen zu ziehen": Der DTB und die Aufarbeitung im Turnen

Vor einem Jahr machten Spitzenturnerinnen Machtmissbrauch öffentlich. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Führungskräfte des DTB. Wie läuft die Aufarbeitung des Verbands?

Und jetzt, ein Jahr später?

Einige der Turnerinnen, die die Missstände publik gemacht hatten, sind ernüchtert. Sie fragen sich, ob sich ihr Mut gelohnt hat. Die ehemalige Nationalmannschafts-Turnerin Michelle Timm sagte im SWR-Interview: "Von der anfänglichen Hoffnung ist kaum noch etwas übrig. Ich musste viel über mich ergehen lassen, und die weiterhin verstreichende Zeit ist keine Hilfe." Dem "Stern" berichtete sie von einer WhatsApp-Gruppe, in der sich viele Betroffene damals zusammengeschlossen und gegenseitig unterstützt hätten. Mittlerweile gingen nur noch selten Nachrichten ein.

 

Stuttgart

Missbrauch im Turnen Ernüchterung: Für Michelle Timm dauert die Aufarbeitung des Turnskandals viel zu lange

Michelle Timm war eine der ersten Turnerinnen, die auf die Missstände am Bundesstützpunkt in Stuttgart hingewiesen hatte. Mehr als ein Jahr ist das nun her. Was ist seither passiert? Im Gespräch mit SWR Sport hat sich die 28-jährige frühere Spitzenturnerin dazu geäußert.

Manche derjenigen, die die Missstände öffentlich anprangerten, wurden und werden von anderen Mitgliedern der Turn-Community geschnitten oder beschimpft. Ihnen wird vorgeworfen, sie würden mit ihrer öffentlichen Kritik "nach Aufmerksamkeit schreien." Hintergrund: Viele Mitglieder der Turnvereine und -verbände machen sich Sorgen, der Spitzensport werde diese Krise nicht überleben. Deshalb sollten die Betroffenen jetzt bitte den Mund halten, die Aufklärung werde schon intern erfolgen.

Doch wie sollen Turnerinnen an den Erfolg verbandsinterner Aufarbeitungen glauben, wenn sie für ihre Offenheit und Kritik wie Nestbeschmutzer behandelt werden?  "Ich habe sehr deutlich zu spüren bekommen, dass man es nicht gut gefunden hat, dass ich an die Öffentlichkeit gegangen bin", erzählt Timm, die bis Sommer 2025 eine Ausbildung beim Schwäbischen Turnerbund machte. "Von vielen Mitarbeitern bekommt man deutlich gezeigt, dass man als Person unerwünscht ist und nicht akzeptiert wird, was man geäußert hat."

Ex-Turnerin Michelle Timm: "Kultur des systematischen Mobbings"

Vom Vater einer Turnerin, berichtete Timm, sei sie im Kunst-Turn-Forum in Stuttgart bedrängt worden. Der Mann sei ihr nahe gekommen und habe durch die Halle gerufen: "Michelle Timm ist da, die Weltverbesserin!" Im Turnsport, sagt Timm, herrsche eine "Kultur des gewollten und systematischen Mobbings."

Hintergrund dieses Vorfalls war offenbar, dass einem Trainer am Kunst-Turn-Forum aufgrund der Vorwürfe und staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen durch den STB gekündigt worden war. Während der Heim-EM im Mai 2025 in Leipzig hatte sich Olympia-Turnerin Helen Kevric (17) hinter ihren gekündigten Trainer gestellt und sich von den Vorwürfen der betroffenen Turn-Kolleginnen distanziert. Sie sei sehr traurig, ließ Kevric wissen, dass sie nicht mehr mit ihren alten Trainern zusammenarbeiten dürfe. "Ich bin weder ein Missbrauchsopfer noch sonst irgendwas", sagte sie. Inzwischen hat Kevric Konsequenzen gezogen. Sie hält sich nur noch zeitweise am Bundesstützpunkt in Stuttgart auf und trainiert mittlerweile regelmäßig in Italien.

Stuttgart

Regelmäßiges Training in Italien Olympia-Turnerin Helen Kevric: Kein Start beim DTB-Pokal in Stuttgart

Helen Kevric, eine der besten deutschen Turnerinnen, wird nicht beim DTB-Pokal im März in Stuttgart starten. Die 17-Jährige trainiert neuerdings regelmäßig in Italien.

Olympiaturnerin Janine Berger: "Viele Betroffene haben keine Hoffnung mehr"

Die ehemalige Nationalmannschafts-Turnerin Janine Berger, die vor allem in Ulm trainierte und insbesondere unter Ex-Bundestrainerin Ulla Koch interpersonale Gewalt erleben musste, weiß: "Natürlich gibt es Leute, die uns als Nestbeschmutzer betiteln. Es zeigt, wie das System funktioniert. Diese Täter-Opfer-Umkehr erleben wir ja nicht nur im Turnen."

Solche Reaktionen können zermürben und Angst machen. Berger, Olympia-Vierte 2012, sagt: "Viele Betroffene werden müde, sie haben keine Hoffnung mehr. Es ist ernüchternd zu sehen, dass nicht viel passiert seitens der Verbände.“

Die Verbände haben jedoch einiges in die Wege geleitet. Der Deutsche Turner-Bund (DTB) stellte bis auf Weiteres die Nachwuchs-Bundestrainerin Geräteturnen weiblich, Claudia Schunk, frei. Schunk ist Beschuldigte in einem Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft Stuttgart. Außerdem beauftragte der DTB noch im Januar 2025 eine Anwaltskanzlei mit einer umfassenden Datenanalyse. Der Abschlussbericht wurde im November 2025 der Staatsanwaltschaft Stuttgart und dem DTB übergeben.

Nach Abschluss der staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen soll ein unabhängiger Expertenrat mit einer Aufarbeitung beginnen. Zudem wurden vom DTB für den Bereich Safe Sport ein Untersuchungsteam und eine Kommission eingesetzt. Die Mitglieder dieser Gremien sollen unabhängig vom DTB sein.

Stuttgart

Missbrauchsvorwürfe im Turnen Ermittlungen gegen Top-Funktionäre: So reagiert der Schwäbische Turnerbund

Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Führungskräfte des STB. Der Verband reagiert zurückhaltend. Bei einem anderen Thema zeigt er sich gesprächsfreudiger.

SWR Aktuell Baden-Württemberg SWR BW

Der Schwäbische Turnerbund (STB) kündigte nach Bekanntwerden der Vorfälle einer langjährigen Trainerin und dem Trainer von Helen Kevric. Zudem wurde ein weiterer Trainer am Kunst-Turn-Forum freigestellt. Die gekündigten Übungskräfte klagten vor dem Arbeitsgericht Stuttgart und bekamen in erster Instanz Recht. Der STB legte gegen die Urteile Berufung ein. Außerdem gründete der STB im Herbst 2025 eine interne "Task Force". Dieses interdisziplinär aus dem Verband besetzte Gremium soll an Verbesserungsvorschlägen arbeiten.

Der Landessportverband Baden-Württemberg (LSVBW) setzte im April 2025 im Auftrag des Kultusministeriums BW eine Aufarbeitungs-AG ein. Dieses Gremium ist mit zwei Personen aus der Sportwissenschaft, einer Sportsoziologin, einer Juristin und einem ehemaligen Generalstaatsanwalt besetzt. Konkrete Ergebnisse dieser AG liegen noch nicht vor.

Stuttgart, Mannheim

Nach schweren Vorwürfen über Missstände an Turnstützpunkten "Macht keinen Sinn": Kritik an Aufarbeitung im Turnen wird lauter

Seit April arbeitet eine Kommission an der Aufarbeitung der Missstände an den Turnstützpunkten Stuttgart und Mannheim. Betroffene Sportlerinnen und Politik kritisieren deren Arbeit.

Es wurden also einige Aufarbeitungsprozesse initiiert. Ex-Turnerin Berger befürchtet, dass viel Zeit ins Land gehen wird, ehe es zu konkreten Ergebnissen und somit zu einem grundlegenden Kulturwandel im Leistungsturnen kommen wird. "Wenn ich mir andere Sportverbände ansehe, die ähnliche Problematiken hatten, weiß ich, dass das sehr viel Zeit in Anspruch nehmen wird."

Trainerin sieht Fortschritte im Umgang mit den Athletinnen

Eine Trainerin aus dem deutschen Spitzenturnen, die ihren Namen nicht öffentlich machen will, äußert sich im Gespräch mit SWR Sport weniger skeptisch. Es sei in den vergangenen Monaten durchaus einiges passiert, sagt sie. Soweit sie es beurteilen könne, werde in den Turnzentren kein Kind mehr auf die Waage gestellt, um regelmäßig das Gewicht zu prüfen. Auch in Sachen Ernährung sei man entspannter geworden, bei Lehrgängen gebe es schon mal Pudding oder Kuchen. Zudem habe sich der sprachliche Umgang verändert. Trainerinnen und Trainer bemühten sich um ein "gesundes Trainingsverhalten", das Thema mentale Gesundheit stehe in Workshops regelmäßig auf dem Programm.

Die Trainerin macht aber auch klar: Die schwarzen Schafe in den Turnhallen und in den Führungsetagen der Verbände müssten aussortiert werden. Denn, so sagt sie, "manche lernen es nie". Es sei bei allen berechtigten kritischen Anmerkungen und Vorwürfen grundsätzlich wichtig, dass man im Turnsport das Kind nicht mit dem Bade ausschütte.

Stuttgart

Missstände im deutschen Turnen "Das war Missbrauch": Die Geschichte einer Leistungsturnerin in Stuttgart

Sie war Leistungsturnerin am Stuttgarter Kunst-Turn-Forum. Sie verdrängte, was sie dort erlebte. Jetzt wurde sie von den Erinnerungen eingeholt. Hier erzählt sie ihre Geschichte.

Eine andere ehemalige Leistungsturnerin, die bis zu ihrem 17. Lebensjahr jahrelang in Stuttgart trainierte und SWR Sport ihre Geschichte von Machtmissbrauch SWR erzählt hatte, hat der Leistungs-Turnfamilie längst den Rücken gekehrt. Die Turnerin, die anonym bleiben möchte (Name ist der Redaktion bekannt), sagt, das jetzige Training mit ihrem Team aus erwachsenen Turnerinnen mache ihr sehr viel Spaß. "Ich bin froh, so trainieren zu können, wie ich es für sinnvoll erachte."

Janine Berger: Wer Kritik übt, ist ziemlich schnell weg

Diese berufliche und finanzielle Unabhängigkeit vom Turnsystem befähigt sie und Ex-Turnerinnen wie Janine Berger, nach wie vor den Mund aufzumachen. Berger: "Ich habe mich damals bewusst entschieden, neben dem Sport eine Ausbildung zu machen. Ich wollte nicht in eine Abhängigkeit geraten. Ich habe mein Leben außerhalb der Turnwelt."

Insofern zeigt Berger Verständnis für Menschen, denen es anderes geht. Personen, die vom Turnsystem abhängig sind und sich deshalb nicht der Kritik anschließen wollen. "Wenn man in diesem System bleiben möchte – egal in welcher Funktion – überlegt man es sich zweimal, ob man etwas kritisiert. Denn wenn man Kritik übt, ist man ziemlich schnell weg."

Umso mehr hat Sascha Binder, Parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Landtagsfraktion, erhebliche Zweifel daran, dass eine verbandsinterne Aufarbeitung erfolgreich sein kann: "Ich glaube nicht an die Selbstreinigungskräfte der Sportverbände. Die Turnverbände werden eine Aufarbeitung nicht hinbekommen." 

Deshalb setzt der Politiker voll auf die Arbeit der Ermittlungsbehörden. Die Staatsanwaltschaft Stuttgart hat neben den seit vielen Monaten laufenden Ermittlungen gegen fünf Trainerinnen und Trainer auch verantwortliche Funktionäre des DTB und STB ins Visier genommen. Die Staatsanwaltschaft eröffnete Verfahren gegen insgesamt neun Verbands-Verantwortliche. Zudem rückt das Thema Organisationsversagen von DTB und STB verstärkt in den Mittelpunkt. "Das ist auch gut so", sagt Binder.

Es sind keine Einzelfälle, es ist ein organisierter Skandal.

Entweder hätten die Funktionäre weggeschaut, oder sie hätten dieses System befördert. "Beides reichte zum Nachteil der Turnerinnen", sagt Binder.

Gerade deshalb will auch Janine Berger dranbleiben und den Verantwortlichen in Sport und Politik weiter auf die Finger schauen. "Ich habe das Gefühl, dass man nerven muss. Natürlich sagen viele, es reicht doch langsam. Aber wir haben unser Ziel noch lange nicht erreicht."

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Johannes Seemüller
Johannes Seemüller, SWR-Sportjournalist