UN-Generalsekretär António Guterres analysiert es ohne diplomatische Schönfärberei: „Das Gift des Patriarchats ist zurück, und es ist mit aller Macht zurück“. Damit spricht der weltweit geschätzte Experte für humanitäre Angelegenheiten direkt an, was auch in Deutschland immer noch Realität ist.
Frauenrechte werden immer wieder missachtet
Trotz aller Vorsätze, trotz unternehmerischen Leitlinien und trotz vieler Versprechen werden Männer weiterhin oft besser bezahlt in Deutschland als Frauen. Frauenverachtende Bemerkungen oder unterdrückerisches Handeln scheinen vielerorts weiterhin gesellschaftlich akzeptiert zu sein. Der UN-Generalsekretär empfiehlt als Gegenmittel „Handeln“. Nur - was sollen sich Frauen öfter trauen, um echte Gleichberechtigung durchzusetzen ?
Mikrofeminismus kann Frauen effektiv helfen
Lea Mangold hat ein Buch über Mikrofeminismus geschrieben. Darin beschreibt sie, auch mit viel Humor, wie verbreitet überholte Rollenbilder immer noch sind und wie häufig Frauen weiterhin sprachlich diskriminiert werden. Sie rät mit praktischen Beispielen, wie sich Frauen und auch Männer in alltäglichen Situationen offen für Fairness und Selbstbestimmung einsetzen können. Schon im Kindergarten könne man damit beginnen. Zum Beispiel, indem man Kindern, die ihre Kleider beim Spielen schmutzig gemacht haben, sagt: Papa wird das schon wieder waschen.
Auch Mädchen den Koffer tragen lassen
Gymnasiallehrerin Solveig Weiß ist auch als Mikrofeministin aktiv. Wenn Kinder in ihrer Klasse krank werden, ruft sie immer zuerst die Väter an – und eben nicht wie es oft passiert – die Mütter: „Ich achte in der Schule darauf, dass nicht immer nur die Jungs ans Schlagzeug gesetzt werden, sondern auch mal die Mädchen. Ich achte darauf, dass die Mädchen auch mal den iPad-Koffer tragen können und nicht, dass immer die Jungs das machen müssen.“
Frauenrat beklagt Rückschritte in Sachen Gleichstellung
Judith Rahner, die Geschäftführerin des deutschen Frauenrats spricht im Interview mit SWR 1-Sonntagmorgen über viele Punkte, die ihr große Sorgen machen als Leiterin des größten Interessenverbandes für Frauen-Gleichstellung in Deutschland. „Wir fordern, dass Frauen endlich alle gleich bezahlt werden wie Männer, wenn sie die gleiche Arbeit machen und wir brauchen dringend einen guten Kita-Ausbau“, sagt Rahner. Genauso wichtig sei die intensivere Aufklärung vor allem unter jüngeren Männern in Deutschland. „Unsere moderne Demokratie gebietet, dass wir bei aller Unterschiedlichkeit alle die gleichen Rechte bekommen“. Für Judith Rahner ist es auch ein deutliches Alarmzeichen, dass unter Frauen die Altersarmut besonders rasant angestiegen ist. Nach Zahlen des Deutschen Frauenrats leben in Deutschland inzwischen 2,1 Millionen Frauen unterhalb der Armutsgrenze.
Gewalt gegen Frauen häufig durch (Ex-)Partner
Laut deutschem Frauenrat sind in Deutschland derzeit etwa 133.000 Frauen pro Jahr von Gewalt durch ihre Partner oder Ex-Partner betroffen. Dass so viele Frauen ausgerechnet in den eigenen vier Wänden das größte Sicherheitsrisiko zu ertragen haben, ist aus Sicht von Judith Rahner eine der ganz großen Sorgen. „Hier muss die Finanzierung von Frauenhäusern schnell besser werden und Männer, die Gewalt gegen Frauen ausüben, müssen härter bestraft werden“.
Mütter von Kindern mit Behinderung brauchen echte Unterstützung
Mütter von chronisch kranken oder Kindern mit Behinderung haben es ganz besonders schwer, echte Gleichberechtigung im Familienleben oder im Beruf durchzusetzen. Die Wissenschaftlerin Barbara Zimmermann, selbst Mutter einer Tochter mit Behinderung, spricht von einer „Traditionalisierung in Familien“, die einsetze, wenn ein Kind mit Behinderung zur Welt kommt. „Oft geht dann der Vater arbeiten und die Mutter übernimmt die Pflege für das Kind oder reduziert die Arbeitsstunden und übernimmt die Zeit komplett, die man für die Versorgung des Kindes braucht“.
Wenn ein Konzertbesuch zum Kraftakt wird
Nach Zimmermanns Erfahrungen ist es für viele Mütter mit ähnlicher Lebenssituation häufig ein ständiger Kampf um Anerkennung. „Man muss emotional dafür kämpfen, dass man einen Anspruch auf Unterstützung hat“. Egal ob bei einem Konzertbesuch mit Rollstuhl oder einer Fahrt mit dem Zug – für betroffene Familien mit chronisch kranken Kindern oder Kindern mit Behinderung sei das extrem hart.
Praxis in Heidelberg hilft Frauen ganz persönlich
In Heidelberg gibt es eine wichtige Anlaufstelle für Frauen, die psychologische Hilfe brauchen, weil sie im Alltagskampf um bessere Gleichberechtigung zu viel Kraft lassen mussten. Mit Gesprächsangeboten, aber auch Hypnotherapie werden Ängst und Stress abgebaut. Ein gutes Angebot auch für jüngere Frauen, die mit Schwangerschaft und Geburt nicht so klarkommen, wie von ihnen nach einem tradierten Mutterbild eigentlich erwartet wird.
„Frauen, die ungern schwanger sind, Mütter, die lieber arbeiten als ihr Kind zu betreuen, allgemein unzufriedene Frauen – das sei für viele Menschen schwer auszuhalten, weil es nicht unserem Bild entspreche, meint Lisa Göpfert, eine Psychologin der Heidelberger Praxis. Ihnen zu helfen, eine wichtige Aufgabe. Gute Angebote und reichlich guter Willen sind bei einem großen Teil der Gesellschaft vorhanden - eigentlich keine schlechten Rahmenbedingungen, um in Deutschland Frauen ein wirklich gleichberechtiges Leben zu ermöglichen.