Lea Mangold setzt sich auf die Treppen am kleinen Schlossplatz in Stuttgart. Breitbeinig, raumgreifend. Ihr Ansatz: Sie nimmt Platz im öffentlichen Raum ein, auch in Bus und Bahn. Das ist einer der Tipps aus ihrem Buch "the daily dose of feminism - 101 Wege wie man zur Mikrofeministin" wird. Sie schreibt darüber auch auf Instagram.
Lea Mangold bezeichnet sich selbst erst seit Frühjahr dieses Jahres als Mikrofeministin. Da hat sie auf Instagram und Tiktok die zahlreichen Beiträge zum Thema entdeckt.
Mikrofeminismus im Netz: Kleine Hacks, große Diskussion
In Online-Videos und Posts, zu finden unter dem Hashtag #Mikrofeminismus, erzählen vor allem Frauen von ihren Alltags-Hacks. Ihre kleinen Handlungen sollen dabei helfen, sexistische Klischees und Geschlechterrollen aufzubrechen, Geschlechterungleichheiten sichtbar machen. Der Auslöser für diese neue Diskussion ist ein Video aus den USA mit mittlerweile knapp 3 Millionen Aufrufen. Darin erzählte Content Creatorin Ashley Chaney 2024 auf TikTok, dass sie in Geschäftsmails immer zuerst die Frau nennt. Und forderte alle auf, ihren liebsten Mikrofeminismus zu posten.
Mehr Gleichberechtigung im Kleinen
Die Online-Tipps wie man im Alltag auf bestehende Ungerechtigkeiten hinweisen kann, fand Lea Mangold super und hat sie zusammengeschrieben. Sie hatte das Gefühl, dass viele Frauen einfach ein bisschen Angst haben vor dem großen Thema Feminismus. Mikrofeminismus würde einen guten Einstieg bieten. Um vom Kleinen zum Großen zu kommen.
Alltagstaugliche Beispiele für Mikrofeminismus
Solveig Weiß ist Gymnasiallehrerin und ebenfalls Mikrofeministin. Auch sie postet im Netz ihre Tipps, wie "man oder frau" bestehende Rollenerwartungen hinterfragen kann - zum Beispiel auf Instagram.
Ein einfaches Beispiel: Wenn ein Kind in ihrer Klasse krank wird, ruft sie zuerst den Vater an, nicht wie üblich die Mutter. "Die Väter sind genauso sorgeberechtigt wie die Mütter. Wenn immer nur die Mütter angerufen werden, führt das dazu, dass sie häufiger früher von der Arbeit gehen müssen", erklärt sie. Einen Streit gabs deshalb noch nie. Manchmal wären die Väter irritiert, aber das sei genau der Moment, um über Rollenerwartungen zu sprechen. In die Schule gekommen wären sie am Ende alle.
Schritt für Schritt - auch in der Schule
Auch in ihrem Unterricht achtet Weiß darauf, Geschlechterklischees aufzubrechen. Mädchen dürfen genauso ans Schlagzeug wie Jungen, und den iPad-Koffer müssen nicht automatisch die Jungen tragen. Sie liest Werke von Schriftstellerinnen im Deutschunterricht und behandelt Komponistinnen in Musik. So ist sie auch zum Mikrofeminismus gekommen. "Ich bin im Musikunterricht auf die Suche nach Komponistinnen gewesen und habe festgestellt, dass sie in der Schule einfach kein Thema sind. Dieses Ungleichgewicht zwischen Männern und Frauen lässt sich nicht von heute auf morgen ändern, aber ich will wenigstens Schritt für Schritt für mehr Gleichberechtigung sorgen."
Mikrofeminismus für alle
Solveig Weiß ist wichtig, dass Mikrofeminismus Männer nicht ausgrenzt. Er hole sie ins Boot, beziehe sie mit ein.
So sieht das auch Lea Mangold. Zum Beispiel in ihrem Tipp Nummer 59: "Ich sage Eltern-Kind-Turnen, statt Mutter-Kind-Turnen." Schließlich gäbe es immer mehr Väter, die auch zum Turnen gehen. Sie hat ihr Buch mitgebracht und zeigt es während des SWR-Interviews auch Passanten in Stuttgart. Albrecht Linck, schon etwas älter, will zunächst nichts davon wissen. Mikrofeminismus, das interessiere ihn nicht. Doch Lea Mangold lässt nicht locker. Mikrofeminismus sei auch etwas für Männer und auch für jedes Alter. Dann darf sie ihm doch etwas vorlesen. Tipp Nummer 27: "Ich nehme im öffentlichen Platz Raum ein, als Frau". Ob man das dürfe, will sie wissen. Ja natürlich, findet er.
Die kleinen Taten des Mikrofeminismus sind mehr als nur symbolisch gemeint. Sie machen Geschlechterrollen sichtbar und regen zum Nachdenken an. Ein weiteres Beispiel aus Mangolds Buch: Wenn ein Kind schmutzige Kleidung aus dem Kindergarten mitbringt, könnte man sagen: "Keine Sorge, Papa wird sie schon waschen.“ Solche Aussagen hinterfragen die Annahme, dass Hausarbeit automatisch Frauensache ist.
Mikrofeminismus polarisiert und verbindet
Dieser Tipp gefällt Albrecht Linck nicht. Er habe früher den ganzen Tag gearbeitet, seine Frau hätte nur die Kinder gehabt - "da muss ich nicht auch noch in ihre Arbeit eingreifen", findet er.
Ablehnende Reaktionen kennt Lea Mangold auch von anderen Männern. Selten, aber das passiere immer wieder. So würden ihr manche Männer spiegeln, dass sie das Thema für übertrieben halten, sie würde sich über zu kleine Dinge aufregen. Frauen hingegen kritisierten teilweise, der Mikrofeminismus sei nicht groß genug. Er reiche nicht aus, schließlich gehe es um viel größere Themen.
Passantin Andrea Goletz hingegen kann etwas damit anfangen. Aktuell geht sie arbeiten, ihr Mann ist zuhause und kümmert sich um ihre Kinder. Da sage sie inzwischen tatsächlich manchmal: "Keine Sorge, Papa wird schon waschen." Dem Schüler Bahar Arif gefallen alle Punkte, die Lea Mangold ihm zeigt. Er findet, generell sollten alle gleichbehandelt werden. Tipps, die dazu beitragen, gibt es im Mikrofeminismus genug. Für Männer und Frauen.