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Allerheiligen und Allerseelen - Zwischen Grabbesuchen, Meditation und digitalem Gedenken

Fast die Hälfte der Menschen hierzulande besuchen an den Feiertagen die Friedhöfe. Neben traditionellen Formen des Gedenkens kommen neue hinzu.

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Von Autor/in Utku Pazarkaya

Der Umgang mit Tod und Trauer hat sich in den letzten Jahren verändert. Neue Möglichkeiten des Erinnerns sind hinzugekommen. Für die Trauerbewältigung braucht man vor allem Zeit, erklärt Seelsorgerin und Trauerbegleiterin Britta Bosch. Sie empfiehlt, sich bewusst Zeit dafür zu nehmen. "Wir nennen das auch gerne, sich Trauer-Dates zu machen". Dafür solle man sich in einer gemütlichen Stunde, ohne anschließende Termine hinsetzen und sich mit einer Musik oder einer kleinen Erinnerungsbox des Verstorbenen erinnern.

Erinnerungsbox

In der Erinnerungsbox könnten zum Beispiel Fotos liegen, Erinnerungsstücke, wie ein Ehering, ein Ultraschallbild oder andere Dinge, die an den Verstorbenen erinnern. Dafür solle man sich Zeit nehmen. "Die Tränen auch fließen lassen, wenn sie kommen und sich einfach ein Stückchen in die Trauer rein begeben."

Trauerbücher, Blogs, Instagram

Britta Bosch nennt als weitere Möglichkeiten der Erinnerung und Verarbeitung Trauerbücher, die man selbst füllt. "Wie so ein Freundebuch". Das Trauerbuch könne man mit Fotos und anderen Dingen füllen. Vom Lieblingsessen über die Lieblingsfarbe bis zu schönen, gemeinsamen Begebenheiten. Ein Trauerbuch könne man so schön gestalten.

Andere Trauernde schrieben einen Blog über ihre Verstorbenen oder nutzten ihren Instagram-Kanal für Erinnerungen. Manche Menschen schreiben auch Tagebuch. "Es gibt wirklich ganz unterschiedliche Formen", sagt Bosch.

Persönlichen Gegenstände aussortieren

Vor allem Zeit hilft im Umgang mit den Gegenständen des Verstorben sehr, erklärt Bosch. "Also wenn es möglich ist - oft ist es ja leider nicht so, weil Mieten weiterlaufen oder Dinge einfach ausgeräumt werden müssen - aber wenn man die Zeit hat, dann ist es gut, wenn man wirklich mit Bedacht aussortiert." Britta Boschs Tipp: "Zu spüren, was fühlt sich warm an? Also was von den Dingen im Haushalt des anderen fühlt sich warm an, sodass ich das gerne mitnehmen möchte?"

"Digitale Friedhöfe"

Im digitalen Zeitalter gibt es inzwischen auch digitale Erinnerungsorte, sogenannte Online-Friedhöfe, auf denen Angehörige eine Gedenkseite für Verstorbene einrichten können. Darauf können sich Familie und Freunde mit persönlichen Erinnerungen zu Wort melden. Der Soziologe Matthias Meitzler von der Universität Tübingen erforscht unter anderem auch diese Entwicklung.

Für den Wissenschaftler sind die Online-Friedhöfe eine Reaktion auf den gesellschaftlichen Wandel. Das habe damit zu tun, dass sich Trauer und Trauerrituale sehr stark individualisiert hätten, erklärt Meitzler. "Dass sie auch losgelöst von festen, physischen Orten durchgeführt werden können und dass sie eben auch zunehmend digitaler geworden sind."

Zeit- und Ortsunabhängig

Online-Friedhöfe böten eine gewisse Zeit- und Ortsunabhängigkeit. Familienmitglieder lebten heute oftmals nicht mehr nah beieinander, sondern über weite Strecken entfernt. "Und da kann so eine digitale Gedenkseite es ermöglichen, dass man gemeinsam miteinander trauern kann, Inhalte miteinander teilen kann und auch entsprechend Anteil nehmen kann."

Zukunft der Trauer

Online-Friedhöfe gebe es schon seit der Verbreitung des Internets, seit den 1990er-Jahren. Das Angebot sei gewachsen und es habe sich ausdifferenziert, stellt Meitzler fest. "Ich würde durchaus zugespitzt sagen, die Zukunft der Trauer findet auch und vor allem online statt."

Meditation

Der November ist nicht nur eine Zeit, in der viele Menschen sich verstorbener Freunde und Verwandter intensiv erinnern, sondern für manche auch eine Zeit, in der sie Ruhe fürs Nachdenken finden. Meditation ist ein Weg, den in den letzten Jahren immer wieder Menschen auch für sich neu entdecken.

Meditation als Selbst-Erforschungsmethode

Dr. Ulrich Ott ist Psychologe. Er forscht an der Uni Gießen zum Thema Meditation, veränderte Bewusstseinszustände und hat dazu mehrere Bücher veröffentlicht. Für ihn ganz persönlich bedeutet Meditation: Das Zu-sich-kommen, die innere Mitte finden, aber auch eine Art Selbsterforschungsmethode, also den eigenen Geist als Labor zu sehen, wie die Psyche funktioniert und wie man sie selbst beeinflussen kann. Selbsterkenntnis gewinnen und Bewusstheit entwickeln für die eigene Psyche. "Weil das die Voraussetzung für Selbstbestimmung und Freiheit ist. Das ist ein persönlicher Entwicklungsweg auch mit Meditation, den ich da verfolge."

Zahlreiche Methoden

Ott erklärt, das es eine Vielzahl von Meditationstechniken gebe, zum Beispiel die Aufmerksamkeit auf den Atem zu richten oder wie im Bodyscan die Aufmerksamkeit auf den Körper zu richten oder die Mantra-Meditation, bei der man bestimmte Meditationsformel wiederhole. Je nachdem, welche Form man anwendet, würden bestimmte Netzwerke im Gehirn aktiviert und andere deaktiviert.

Ziele und Motive der Meditation

Die Menschen, die meditieren hätten unterschiedliche Ziele und Motivationen, erklärt Ott. Einstiegsmotivation sei bei vielen, zur Ruhe zu kommen, sich innerlich zu stärken. "Darüber hinaus gibt es dann weitere Ziele, zum Beispiel der Leistungssteigerung oder der Problemlösung. Dass man meditiert, um mit Trauer umzugehen, mit Schmerzen umzugehen und natürlich das große Ziel der spirituellen Erfahrung. Sie haben da ein Spektrum von Wohlbefinden und Entspannung bis zur Erleuchtung an Motiven."

"Nacht der Lichter": Meditation in Stuttgarter Kirche am 9. November

Nicht nur gläubige Menschen finden bei der spirituellen Meditation in einer Kirche inne Ruhe. City-Diakonin Doris Beck von der evangelischen Kirche bietet jedes Jahr in Stuttgart die "Nacht der Lichter" an - viele hundert Menschen nehmen regelmäßig das Angebot an, mitten im Trubel der Großstadt still zu sein.

City-Diakonin Doris Beck und Gemeindereferentin Christine Göttler-Kienzle stehen nebeneinander
City-Diakonin Doris Beck und Gemeindereferentin Christine Göttler-Kienzle

"Gerade in diesen für viele Menschen besonders schwierigen Zeiten hilft das oft als Ausgleich zu dem, was viele als dunkel oder bedrückend in ihrem Leben empfinden", sagt Christine Göttler-Kienzle, die Gemeindereferentin der katholischen Kirche, die dieses Angebot in der baden-württembergischen Landeshauptstadt regelmäßig gemeinsam mit ihrer evangelischen Kollegin anbietet.

Dabei singen und schweigen Menschen aus ganz unterschiedlichen Kulturen und auch verschiedener Religionen gemeinsam in der Stuttgarter Eberhardskirche in diesem Jahr. Dass dies mit so vielen Menschen friedlich und sehr selbstverständlich geschieht, sehen die Macherinnen als Zeichen, dass Meditation als Brücke zu mehr innerem Gleichgewicht auch bei jüngeren Menschen sehr beliebt geworden ist.

Porträtfoto von Christian Rönspies

Moderator SWR1 Sonntagmorgen Christian Rönspies

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Moderatorin Silke Arning

Moderatorin SWR1 Sonntagmorgen Silke Arning

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Utku Pazarkaya
Porträt Utku Pazarkaya