Glauben

Werden Friedhöfe zu Eventlocations? Über die Zukunft von Trauerorten

Der Friedhof muss sich weiterentwickeln, weil viele Menschen nicht mehr im Sarg begraben werden wollen und Gräber leer bleiben. Konzepte gibt es viele – aber wohin führt das?

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Von Autor/in Theresa Krampfl, Mark Kleber

Moment mal – ein Spielplatz auf einem Friedhof? Wer zum ersten Mal über den Karlsruher Hauptfriedhof geht, mag sich wundern, aber ja. „Wir haben Schaukeln, wir haben eine Kletterwand, wir haben eine Rutsche, sagt Simone Dietz. Die Kunsthistorikerin kennt den Karlsruher Hauptfriedhof nicht nur von den Führungen, die sie anbietet, sie berät auch Menschen, die hier auf dem 150 Jahre alten städtischen Friedhof beerdigt werden wollen.

Der Spielplatz mit dem Namen „Kinderwelten“ ist ein besonderer Ort, erklärt Simone Dietz.  Wenn Familien mit kleinen Kindern zu einer Beerdigung kommen, bieten die Kinderwelten seit 2012 die Möglichkeit zu spielen, wenn die Kinder unruhig werden.

Doch der Ort hat noch eine andere Seite. Über eine Holzbrücke erreicht man einen Bereich, der Kindern helfen soll zu trauern. Er ist spiegelbildlich aufgebaut, doch die Spielgeräte lassen sich nicht wie gewohnt nutzen, so Dietz.

Die Schaukel zum Beispiel ist festgestellt. „Wenn Sie ein kleines Kind haben, das mit seiner Mutter immer auf den Spielplatz geht und die Mutter schuckt es auf der Schaukel an und diese verstirbt bei einem Verkehrsunfall, dann ist diese Möglichkeit plötzlich weg. Um das begreifbar, also mit den Händen begreifbar zu machen, das möchte diese Anlage hier zeigen.“

Der Spielplatz "Kinderwelten" auf dem Hauptfriedhof Karlsruhe
Der Spielplatz "Kinderwelten" auf dem Hauptfriedhof Karlsruhe Bild privat: Theresa Krampfl

Bedürfnisse in der Bestattungskultur verändern sich

Mit den Kinderwelten steht der Karlsruher Hauptfriedhof für einen Wandel in der Trauer- und Bestattungskultur. Nicht alle finden das gut. Eine ältere Friedhofsbesucherin stört sich, wenn die Kinder beim Spielen auf dem Friedhof zu hören sind: „Das ist furchtbar, gerade wenn Leute frisch Trauer haben. Der Friedhof ist halt mal eine Ruhestätte, genau wie die Kirche auch.“

Eine junge Mutter, die das Grab ihres Vaters pflegt, sagt hingegen: „Die Kinder freuen sich eigentlich auch immer, wenn wir dahingehen, weil sie halt wissen, sie können sich da am Spielplatz austoben, während wir am Grab sind. Das ist natürlich eine super Entlastung für uns als Eltern."

Und ich finde auch, dass es den Friedhof ein Stück weit lebendiger macht. Man bezieht die Kinder viel mehr mit ein. Simone Dietz ist wichtig: „Ein Ort wie der Friedhof ist ein Ort des Lebens.“ Und wie das Leben verändern sich auch die Bedürfnisse in der Trauerkultur.

Ein Ort wie der Friedhof ist ein Ort des Lebens

Bestattungen im Wald, im Teich oder für Fußballfans

Beerdigung auf dem Fan-Feld des Friedhofs Beckhausen-Sutum in Gelsenkirchen
Beerdigung Willi Koslowski (ehemaliger Schalke-Meisterspieler) auf dem Fan-Feld des Friedhofs Beckhausen-Sutum in Gelsenkirchen IMAGO / Funke Foto Services

Norbert Fischer, Kulturwissenschaftler und Honorarprofessor an der Universität Hamburg, hält den Wandel der Friedhöfe für existenziell. Er beobachtet: So wie sich die Wünsche der Menschen ändern, ändern sich auch die Angebote. So gibt es immer häufiger privat angebotene Bestattungswälder. Und auch die Friedhöfe ziehen nach, bieten Baumbestattungen an, wenn sie größere Baumbestände haben. Oder Wasserbestattungen in eigenen Teichanlagen, wie auf dem Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg.

Gesellschaftlich am aufschlussreichsten seien aber die gruppenbezogenen Gemeinschaftsanlagen, meint Norbert Fischer, und die seien eher neuerer Natur. Ein Beispiel: Das seit Ende 2012 bestehende Feld für Fans des Fußballvereins Schalke 04 auf dem Friedhof Beckhausen-Sutum. Dort können Fans, wie es auf der Onlineseite des Vereins heißt, „königsblau über den Tod hinaus“ sein. Die meisten Gräber unweit des Fußballstadions seien bereits vergeben. 

Friedwald in Schwaigern, eine andere Art der Bestattung, als  z.B. das klassiche Grab
Friedwald in Schwaigern Picture Alliance

Der Kulturbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland, Johann Hinrich Claussen, findet Veränderungen in der Bestattungskultur auf Friedhöfen grundsätzlich sinnvoll: „Wenn es nur um Traditionserhaltung im strengen Sinne gehe, dann wären unsere Friedhöfe tatsächlich tote Orte, aber sie sind es eben nicht, sie sind Lebensorte, weil Tradition eben auch immer gestaltet werden will. Insofern ist es sinnvoll, diese Bestattungsregeln auch sozusagen zeitgemäß zu gestalten“

Liberales Bestattungsrecht in Rheinland-Pfalz

Der sich wandelnden Trauerkultur trägt auch das neue Bestattungsrecht in Rheinland-Pfalz Rechnung, das als besonders liberal gilt. Es eröffnet vielfältige Möglichkeiten, sich bestatten zu lassen. Ob man eine Urnenbestattung in Rhein oder Mosel wünscht, die Verstorbenen in einem Tuch statt in einem Sarg beisetzen möchte oder die Asche von Verwandten zu Hause im Wohnzimmer aufbewahren will. All das ist in Rheinland-Pfalz möglich.

Johann Hinrich Claussen von der Evangelischen Kirche geht manches aber zu weit: „Wenn ich eine tote Person in der Form von Asche oder Diamant zu mir nach Hause nehme, wird diese Person im Grunde Teil meines Hausstandes, meines Besitzes. Und wenn man festhält an dem Gedanken, dass kein Mensch einem anderen gehört, ist es auch gut, Menschen gehen zu lassen. Zur Trauer gehört ja nicht nur, dass man an Menschen denkt und die Erinnerung an sie lebendig hält, sondern gehört ja auch, dass man sie auch gehen lässt und neu ins Leben tritt.“

Bestattungskultur – welche Bedürfnisse haben die Angehörigen?

Campus Vivorum - Raum für Trauer zum Experimentierfeld „Friedhof der Zukunft“
„Der „Campus Vivorum“, eine Ausstellungsfläche in Süßen, zeigt Ideen für den Friedhof der Zukunft. Foto privat: Theresa Krampfl

Während das neue Bestattungsrecht in Rheinland-Pfalz seit September 2025 die Bedürfnisse der Menschen für ihre eigene Bestattung in den Mittelpunkt rückt, geht ein Projekt in Baden-Württemberg einen anderen Weg. In Süßen im Kreis Göppingen haben Günter Czasny und Max Geiger den Campus Vivorum gegründet. Er soll ein Experimentierfeld für Friedhöfe der Zukunft sein.

Die Anlage befindet sich unter freiem Himmel hinter einer Kunstgießerei, die auch Grabstätten gestaltet. Czasny und Geiger zeigen dort Friedhofsverwaltern, Kommunen und Kirchen, was aus ihrer Sicht auf einem Friedhof alles möglich sein sollte. Der Campus Vivorum orientiert sich dabei an den Bedürfnissen der Hinterbliebenen, der Trauernden.

Günter Czasny gibt sich überzeugt, dass Hinterbliebene „in ihrer Trauer ein Verlangen spüren, ein Bedürfnis, dem sie nachgehen und das auch niemand abstellen kann.“ Der Campus Vivorum möchte deshalb zeigen, dass die Wünsche der Hinterbliebenen in den Vordergrund gestellt werden müssen und dafür Wege aufzeigen.

Nur auf den ersten Blick sieht das terrassenförmige Gelände aus wie ein normaler Friedhof, doch Stück für Stück lassen sich Unterschiede entdecken: Statt Hundeverbot gibt’s hier Hundekotbeutel, die meisten Bänke und Hocker sind nicht am Boden befestigt, sondern beweglich. Es gibt einen langen Tisch mit hellgrauen Sonnenschirmen zum Zusammensitzen, Essen und Trinken. Daneben eine steinerne Murmelbahn für Kinder.

Außerdem steht hier mittendrin ein Hochbeet, das Besucher bepflanzen und bewirtschaften können. Es ist mit bunten Blumen, Gräsern naturnah bepflanzt, Bienen und andere Insekten schwirren umher. Aber auch Tiergräber gibt es.

Jedes Grab, das auf dem Campus Vivorum ausgestellt ist, zeigt, dass es möglich ist, ein Grab von Gärtnern betreuen zu lassen und trotzdem eine kleine Interaktionsfläche für Trauerhandlungen zu haben.

Denn das ist den Betreibern besonders wichtig: Fürs Trauern sei es wichtig, etwas an einen Ort ablegen zu können, ein Blümchen, ein Bild oder ähnliches, wo man die verstorbene Person vermutet – also wo sie begraben ist oder wo ihre Asche ist.

So schaffe man ein unaufwändiges Grab, könne aber trotzdem erfolgreich trauern. Unaufwändige Gräber wie Kolumbarien, anonyme Waldbestattungen oder auch Seebstattungen seien zum Trauern nicht geeignet, da Hinterbliebene dort nichts ablegen können.

Und die Zukunft der Trauerkultur?

Es gibt unterschiedliche Antworten auf die Frage, wie die Zukunft des Friedhofs aussieht. Viele Menschen sind glücklich und erleichtert über neue Bestattungsformen wie Seebestattungen im Rhein. Sie sagen, sie brauchen Friedhöfe gar nicht mehr.

Experten plädieren andererseits dafür, Friedhöfe zu erhalten und neu zu denken: Als naturnahe Orte der Andacht in überlaufenen Städten und auf dem Land. Zum Trauern, für jeden zugänglich und vielleicht auch mal mit einem Konzert und lachenden Kindern.

Günter Czasny sagt: „Ich wünsche mir für die Zukunft der Friedhöfe, dass sie Kraftorte werden für Menschen, die dringend Unterstützung brauchen, Halt brauchen und spüren, dass sie diese Kraft, die sie dort empfangen können“

Und Johann Hinrich Clausen von der Evangelischen Kirche glaubt: „Wenn Menschen ihre Friedhöfe besuchen und kennen, dann wissen sie auch, wie wertvoll sie sind und sind auch bereit, sich für sie zu engagieren.“

SWR1 Sonntagmorgen Bestattungkultur im Wandel

In Rheinland-Pfalz gibt es ein neues Bestattungsgesetz. Es ermöglicht neue Formen der Bestattung. Fachleute beobachten schon länger einen Wandel weg vom klassischen Grab.

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Nach rund 40 Jahren bekommt Rheinland-Pfalz ein neues Bestattungsgesetz. Wichtigste Änderung: Die Friedhofspflicht und die Sargpflicht bei Erdbestattungen entfallen.

Erstmals publiziert am
Stand
Autor/in
Theresa Krampfl
Mark Kleber
Onlinefassung
Mark Kleber
Redakteur/in
Sophie Rebmann