SWR1 Sonntagmorgen vom 23.11.2025

Spannende Zeiten: Übergänge im Leben

Jeder von uns hat Übergänge in seinem Leben: vom Kindergarten in die Schule, von der Ausbildung in den Beruf und in die Elternschaft. Nicht alles lässt sich planen.

Teilen

Stand

Von Autor/in Utku Pazarkaya

Lilly zeigt auf die Fotos am Kühlschrank in der Wohnung ihres Freundes Alex. Diese erinnern sie daran, wie das Leben der beiden noch bis vor zirka einem Jahr aussah - ohne einander. Lilly war für ein Masterstudium gerade nach Köln gezogen und nur für einen Herbsttag zu Besuch in ihrer ehemaligen Studienstadt Mainz.

Dann ging alles ganz schnell: Lilly lernte bei dem Besuch Alex kennen. Die beiden wurden ein Paar. Lilly findet dann ihren Traum-Ausbildungsplatz in Mainz und zieht zurück nach Mainz zu Alex. Ein halbes Jahr später stand ihre Welt plötzlich Kopf: "Ich guck auf diesen Schwangerschaftstest. Und dann waren da direkt zwei komplett blaue Streifen." Lilly war schwanger trotz Verhütung!

Biographische Übergänge

Die Liebe zählt für Prof. Barbara Stauber von der Uni Tübingen zu den sogenannten nicht-normativen Übergängen. Zu diesen rechnet sie Krankheit, Verlust und Trauer. "Aber natürlich gibt es auch schöne Ereignisse. Menschen verlieben sich, Menschen entdecken plötzlich etwas, das ihr Leben verändert. Sie fangen an zu fotografieren und können es nicht mehr lassen. Oder sie beißen an einer Sportart an, fangen an, auf einen Triathlon zu trainieren."

Übergänge planen

Von uns wird oft erwartet, dass wir unser Leben gut planen. Letztlich sind wir im Leben aber mit vielen unkalkulierbaren Bedingungen konfrontiert. Prof. Stauber spricht in diesem Zusammenhang vom Planungsparadox. "Klar muss man sich überlegen, was mache ich, was steht mir zur Verfügung, was habe ich gerade vor, wo zieht es mich hin, was sind meine Interessen. Aber der Stress mit der Planerei erweist sich im Nachhinein häufig als zumindest teilweise überflüssig, weil es eh anders gekommen ist."

Lilly und Alex - Übergang zur Elternschaft

Als Lilly schwanger wird, spricht das Paar alles durch. Sie entscheiden sich für das Kind. Lilly zieht in Alex' Wohnung. Doch irgendwie hatten sie sich ihr Leben anders vorgestellt. Lilly: "In einer perfekten Welt hätte ich die Ausbildung erstmal abgeschlossen. Und ich wusste auch Alex will reisen. Ich glaube das hätte ich schon noch gerne zu zweit gehabt."

Ultraschall-Termin

Der Ultraschall-Termin verändert den Übergang ins Elternsein dann noch einmal nachhaltig. Lilly erinnert sich an die Worte des Arztes: "Ach, sie bekommen ja Zwillinge!" Damit war klar, die Wohnung ist zu klein. Sie müsse eine neue Wohnung finden und ein Auto brauchen sie auch. Die Schwangerschaft wird zur Übergangszeit. Die beiden sprechen darüber, wie ihre Welt noch vor einem Jahr aussah. Wie anders alles war!

Neues Leben

Immer öfter sitzen die beiden abends auf der Couch. An Abenden wie Halloween - wenn sie Fotos von Partys zugeschickt bekommen - fragen sie sich, ob sie ihr, jetzt schon alte Leben, vermissen. Doch schmunzelnd stellen sie immer öfter fest, wie froh sie heute sind. Lilly: "Ich habe da so eine innere Zufriedenheit in mir gefunden. Nicht zu einem Prozent habe ich gerade das Bedürfnis auf irgendeiner Party zu sein."

Was ist, wenn Übergänge nicht gelingen?

Für Professorin Stauber eine spannende Frage! Sie beobachtet, dass in unserer Gesellschaft der und die Einzelne immer mehr Verantwortung übernehmen müssen. "Verantwortung auch für Dinge, die sie überhaupt nicht verantworten können, weil es ökonomische Prozesse gibt, gesellschaftliche Prozesse, politische Prozesse, die vielleicht dafür gesorgt haben, dass wir eine Arbeit verlieren, dass wir eine Umschulung machen müssen, dass die Wohnung gekündigt wird, dass wir nicht genügend Rente haben oder uns Sorgen machen müssen über das Alter und so weiter."

Diese Mechanismen beobachtet Stauber bereits in der Schulzeit. "Da wird ja auch schon so getan, als läge Wohl und Wehe einer Schulkarriere ganz alleine an den einzelnen Schülerinnen und Schülern. Die Forschung kann immer wieder sagen: Nein, das ist nicht der Fall."

Viele Faktoren für Erfolg und Misserfolg

Diese Sicht auf Verantwortlichkeiten sei sehr schädlich für die Gestaltung von Übergängen, sagt Prof. Stauber. Für Erfolg und Misserfolg spielten viele Faktoren eine Rolle. "Es gibt ganz viele unterstützende Bedingungen oder eben auch hindernde Bedingungen. Viele Leute machen Diskriminierungserfahrungen, viele Leute machen Rassismuserfahrungen und so weiter. Und die verursachen das Scheitern."

Ängste und Scham

Die Zuweisung der Verantwortung an den Einzelnen führe zu Ängsten, Versagenserfahrungen und Scham, wenn es nicht rund läuft. "Genau an der Stelle ist dann auch der Verweis auf die politische Ebene: Wie können wir jeweils in diesen Übergängen für bessere Bedingungen sorgen? Was müsste dafür getan werden, dass Leute sich nicht mehr ängstigen müssen, nicht mehr schämen müssen? Was würde eine eine soziale Sicherheit bringen?"

Erstmals publiziert am
Stand
Autor/in
Utku Pazarkaya
Porträt Utku Pazarkaya