Im ARD Interview der Woche spricht der Geschäftsführer der humanitären Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen, Christian Katzer, von einem "einmaligen Ausmaß". Die Lage vor Ort sei extrem schwierig – wegen des Bürgerkriegs im Osten Kongos und weil staatliche Strukturen schwach sind. Die Hilfe werde zudem durch die massiven Kürzungen internationaler Hilfsgelder erschwert.
Ebola-Variante ist gefährliche Unbekannte
Es handelt sich um das Bundibugyo-Virus, eine Variante aus der Ebola-Familie. Anders als bei früheren Ausbrüchen gebe es für diesen Virustyp keine zugelassenen Impfstoffe, erklärt Katzer. Außerdem fehlten schnelle Diagnosemöglichkeiten, dadurch breite sich das Virus auch unbemerkt aus.
Viele Erkrankungen würden zunächst nicht erkannt, "weil Tests nicht zuverlässig anschlagen und die Krankheitssymptome unspezifisch sind". Ebola-Symptome ähneln denen einer normalen Grippe: Fieber, Kopf- und Gelenkschmerzen, Schüttelfrost. Hinzu kommt die schlechte Gesundheitsversorgung in der Region: "Wochenlang wurde nicht bemerkt, dass extrem viele Menschen an einer Krankheit sterben", sagt Christian Katzer.
Krieg, Armut und fehlende Gesundheitsversorgung
Die betroffene Region im Osten des Kongos ist seit Jahren von bewaffneten Konflikten geprägt. Hunderttausende sind deshalb auf der Flucht. Millionen leben in Armut. Krankenhäuser sind schlecht ausgestattet, Medikamente fehlen. Deshalb gehen Menschen nicht gern in Gesundheitsstationen. Katzer: „Menschen wissen, dass die Versorgung schlecht ist, dass sie dafür bezahlen müssen. Die Sterblichkeit in den Krankenhäusern ist extrem hoch.“
Auch deshalb könne sich ein Virus besonders schnell verbreiten. Gesundheitszentren würden selbst zu Infektionsorten, weil sich medizinisches Personal anstecke und das Virus unwissentlich weitertrage. Die Arbeitsbelastung sei wegen der vielen Todesopfer sehr hoch.
Vernachlässigte Forschung
Katzer kritisiert, dass die Forschung an Ebola in den vergangenen Jahren vernachlässigt worden sei. Die Verantwortung liege bei reichen Industrieländern. Allerdings seien Länder wie die Demokratische Republik Kongo weit weg. Sie fielen bei Kürzungsmaßnahmen immer zuerst hinten runter.
Die Pharmaindustrie habe wenig Interesse an Krankheiten, mit denen sich kaum Gewinne erzielen lassen. Deshalb müssten Staaten stärker investieren. Auch Kürzungen bei Entwicklungszusammenarbeit und humanitärer Hilfe haben schwerwiegende Folgen. Zum Beispiel hat die US-Entwicklungsbehörde USAID ihre Hilfen für Kongo massiv gekürzt - von rund 1,4 Milliarden Dollar im Jahr 2024 auf nur noch 21 Millionen.
Auch wenn Ärzte ohne Grenzen von Kürzungen nicht selbst betroffen ist, weil die Organisation keine staatlichen Gelder erhält, spüre sie die Auswirkungen. Besonders betroffen seien Aufklärung und Kontaktverfolgung, sagt Christian Katzer. Das seien zentrale Maßnahmen, um die Ausbreitung des Virus einzudämmen. Die Corona-Pandemie habe das gezeigt.
Desinformation erschwert die Hilfe
Zusätzlich müssen Hilfsorganisationen gegen Gerüchte und Falschinformationen kämpfen. In den betroffenen Regionen der DR Kongo kursieren Behauptungen über Organentnahmen oder gestohlenes Blut. Viele Menschen haben deshalb Angst vor medizinischer Behandlung.
Das erschwere die Arbeit enorm, sagt Christian Katzer. Manchmal würden Gesundheitseinrichtungen oder Mitarbeitende von Hilfsorganisationen angegriffen. Im Kongo seien zum Beispiel Zelte angezündet und Steine geworfen worden. "Desinformation ist immer sehr einfach zu verbreiten", sagt Katzer. Vertrauen aufbauen brauche dagegen Zeit und Personal.
Aushöhlung des humanitären Völkerrechts
Nach Bekanntwerden des Ausbruchs hat Ärzte ohne Grenzen innerhalb kurzer Zeit mehr als 100 internationale Mitarbeitende in die Region geschickt. Die Organisation finanziert ihre Einsätze durch Spenden und kann deshalb schnell reagieren.
Die Arbeit bleibt jedoch riskant. Humanitäre Helferinnen und Helfer seien zunehmend Angriffen ausgesetzt, warnt Katzer. "Wir sehen, dass das humanitäre Völkerrecht, was vor allen Dingen medizinische Mitarbeitende und Gesundheitseinrichtungen schützt, immer mehr ausgehöhlt wird." Trotzdem sei medizinische Hilfe in solchen Krisengebieten unverzichtbar: "Es gibt Menschen auf dieser Welt, die keinen Zugang zu Gesundheitsversorgung haben, obwohl das ein Recht jedes Menschen ist."