Bei Raumfahrt denken viele an unendliche Weiten. Dabei ist sie unser Alltag: Keine Navigation, Banküberweisung oder Wetterdaten ohne Satelliten im Orbit. Wie schützen wir sie?
Würde ein Angriff die europäischen Satelliten stören, würde unser Alltag sich wieder anfühlen wie in den 1970er Jahren, mit Faltkarten im Auto und Schlange stehen am Bankschalter. Gleichzeitig war die Sicherheit der Satelliten durch die veränderte geopolitische Lage noch nie so bedroht wie aktuell, erklärt ESA-Generaldirektor Josef Aschbacher im ARD Interview der Woche. Das ändert auch den Blick auf die europäische Raumfahrtagentur ESA. Darf sie künftig auf Angriff und Verteidigung schalten, um Satelliten zu schützen oder um die Soldaten in der Ukraine mit Informationen zu versorgen – obwohl in den ESA-Statuten ausschließlich friedliche Forschungszwecke verankert sind?
„Historische“ ESA-Konferenz in Deutschland
Das war eine grundlegende Frage, die bei der ESA-Ministerratskonferenz in Bremen Ende November diskutiert wurde. Die ESA-Ministerratskonferenz ist das wichtigste Entscheidungsgremium der ESA. Alle drei Jahre treffen sich die Ministerinnen und Minister der über 20 ESA-Mitgliedsstaaten, die mit Raumfahrt befasst sind. In Deutschland ist das Forschungs- und Raumfahrtministerin Dorothee Bär von der CSU, in anderen europäischen Ländern fällt Raumfahrt oft in den Verantwortungsbereich der Wirtschaftsminister. Ende November fand eine aus Sicht von ESA-Generaldirektor Josef Aschbacher "historische" Ministerratskonferenz in Bremen statt.
Rekord-Budgets für die Raumfahrt
"Historisch" könnte man diese Konferenz aus verschiedenen Gründen nennen. Zum einen haben die Mitgliedsstaaten noch nie so viel Geld locker gemacht für die europäische Weltraumagentur wie diesmal: Über 22 Milliarden Euro ist Europa die Raumfahrt in den nächsten Jahren wert, Deutschland wurde mit einem Beitrag von über 5 Milliarden Euro größter Geldgeber. Zum anderen zwingen der russische Angriffskrieg auf die Ukraine und die zweite Amtszeit von US-Präsident Trump Europa auch zu einem Umdenken: Wie kann Europa unabhängiger werden von den großen Playern der Raumfahrt? Ein Beispiel: Aktuell sind die Soldaten in der Ukraine angewiesen auf Aufklärungsdaten aus den USA – weil Europa zu wenige eigene Beobachtungssatelliten hat. Sollte Trump die nicht mehr liefern wollen, wäre die Ukraine von heute auf morgen nicht mehr in der Lage, russischen Truppenbewegungen zu folgen. Ein enormes Sicherheitsrisiko, weswegen bei der ESA-Ministerratskonferenz in Bremen erstmals ein Programm für Europas Sicherheit aus dem und im Weltraum aufgelegt wurde.
Aschbacher: "Der Weltraum ist Dual Use"
Die Konventionen der ESA wurden dabei nicht angetastet: Die ESA bleibt klar friedlichen Forschungszwecken verpflichtet – aber sie hat dennoch einen gewissen Spielraum. Stichwort "Dual Use-Technologien": ESA-Satelliten, die beispielsweise die Höhe der Meeresspiegel oder den Zustand der Wälder überwachen, könnten gleichzeitig ihre Beobachtungsdaten auch mit den ukrainischen Soldaten teilen. Allerdings: Wenn darüber hinaus Satelliten benötigt werden, die andere Satelliten aktiv stören oder gar zerstören, dann wird dieser Auftrag an die Privatwirtschaft gehen, nicht an die ESA. Der Unterschied zwischen einem passiven Beitrag zur Sicherheit einerseits und einem aktiven Angriff andererseits wurde also betont.
Deutsche Astronauten zum Mond
Aber bei der ESA geht es natürlich immer auch um die Faszination Weltall. So wurde in Bremen ebenfalls bekanntgegeben: In den nächsten Jahren soll ein deutscher Astronaut oder eventuell auch eine deutsche Astronautin in Richtung Mond reisen – also zum Erdtrabanten. Denn Europa muss und will mitspielen beim aktuellen neuen Wettlauf zum Mond von den USA und China. Auch wenn es noch Jahre dauern könnte, aber der Mond soll zum "neuen Kontinent" werden, auf dem Rohstoffe abgebaut und Forschung betrieben wird, so ESA-Generaldirektor Aschbacher. Schon aus geopolitischen Gründen darf sich Europa bei diesem Wettrennen nicht abhängen lassen. Außerdem will die ESA bald eine Sonde zu einem anderen Mond schicken, dem Saturn-Mond Enceladus. Der Eismond verfügt über riesige, flüssige Ozeane – die ESA will herausfinden, ob in diesem Wasser Mikroben leben, es also in unserem Sonnensystem noch mehr Leben gibt als nur das auf der Erde. Das ist nur eine von vielen geplanten Missionen der ESA. Die nächsten Jahre werden spannend und prägend für die europäische Raumfahrtagentur.