Ich versuch‘s doch, wirklich! Seit Jahrzehnten versuche ich, Ostdeutschland zu verstehen. Weil, ich höre immer: Ostdeutschland tickt anders. Stopp – Ostdeutschland soll ich nicht sagen. Nochmal… Seit Jahrzehnten versuche ich, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thürigen, Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg zu verstehen. So besser? Gut!
Mein Bemühen fing unbedarft schon vor der Einheit an. Es gab einen Austausch über eine Jugendorganisation. Mit einem Ort bei Eisenach. Wir schickten Pakete mit Kaffee über die Grenze und passierten sie selbst einmal im Jahr sehr aufgeregt und immer die eigenen Worte bedenkend, auf dass man nicht den Unmut eines DDR-Grenzschützers erregte. Ich mochte es da gerne, in diesem Ort bei Eisenach, bei diesen Menschen. Naja, das lag damals hauptsächlich an einem langhaarigen Gitarrenspieler, keiner meiner westdeutschen Freunde spielte so virtuos „Alt wie ein Baum…. “ auf der Klampfe.
Dann war ich mit einer Gruppe Journalisten im Osten. Anfang der 90er. Wir wollten verstehen, wie es den Ostdeutschen nach dem Mauerfall ging. In Chemnitz. Wir haben unter anderem einen Jugendclub besucht. Da saßen zwei junge Männer. Sie waren sehr wütend darüber, dass ihr alter Jugendclub geschlossen worden war. Das hab‘ ich verstanden. Beide trugen ein T-Shirt mit dem Konterfei von Hitlers Stellvertreter. Das hab‘ ich nicht verstanden.
In den Folgejahren habe ich einige ostdeutsche Städte und Gegenden besucht. Und Menschen mit ostdeutscher Geschichte kennen gelernt. Ich habe ihre Klagen verstanden: Dass sie weniger verdienen als westdeutsche Kollegen; dass ihre Firma oft von skrupellosen westdeutschen Investoren aufgekauft wurde; dass der Westen ihre Kultur geschluckt hatte, von den Ampelmännchen mal abgesehen; dass sie es bundesweit viel zu selten in Führungspositionen schaffen. Den Zulauf zu rechtsextremen Bewegungen wie Pegida habe ich deswegen aber nicht verstanden. Wie ich auch nicht verstehe, wieso man erst ruft: „Das wird man doch wohl noch sagen dürfen“ und dann Politiker wählt, die unliebsame Meinungen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk unterbinden wollen.
Ich habe in all den Jahren viel über und einiges von Ostdeutschen gelesen… Artikel, Romane, von vielen klugen Leuten, die den Osten wirklich kennen und verstehen. Und viel dabei gelernt. Ich soll auf keinen Fall Ostdeutschland sagen. Ostdeutschland aber auf jeden Fall besonders betrachten. Mit Verständnis, Sensibilität, Rücksicht. Sonst fühlen sich die Menschen oben rechts auf der Landkarte abgehängt, ausgeschlossen. Und wer sich so behandelt fühlt, wählt halt schonmal extrem, ist das denn so schwer zu verstehen? Ja! Ich stehe da, 36 Jahre nach der wunderbaren Wiedervereinigung aller deutschen Brüder und Schwestern, und verstehe nicht, was ich doch verstehen müsste: Wie das alles zusammen passt. Wenn also eine rechtsextreme Partei zum Beispiel in Sachsen-Anhalt so stark ist: Ich bin mitschuld daran. Es mangelte mir offenbar an Verständnis, Sensibilität, Rücksicht. Arrogante Wessi-Tante halt.