Nicola Buhlinger-Göpfarth ist Bundesvorsitzende des Hausärztinnen- und Hausärzteverbandes. Nach einem Jahr gibt sie der grundsätzlichen Idee einer elektronischen Patientenakte die Note 1 - der Umsetzung durch Kassen und Industrie vergibt sie jedoch die Note "mangelhaft".
Die ePA ist ihrer Ansicht nach noch weit weg von der angekündigten Revolution. "Die Krankenkassen haben einen Teil ihrer Aufgabe, die Information und Kommunikation zur ePA, eigentlich nicht erfüllt", sagt Buhlinger-Göpfarth in SWR Aktuell. Dies bestätigten auch Umfragen des VdK und der Verbraucherzentrale. Versicherte kritisierten darin einen Mangel an Unterstützung durch die Krankenkassen, jeder dritte Befragte sehe in der ePA keinen persönlichen Nutzen.
Ärzte klagen über Ausfälle des Praxisverwaltungssystems der ePA
Auch die Befürchtungen der Ärzteschaft, was die Hersteller der Praxisverwaltungssysteme betrifft, hätten sich bestätigt: Vierzig Prozent der Praxen, welche die ePA nutzten, seien mit der Umsetzung im Praxisverwaltungssystem unzufrieden.
Die Ärztinnen und Ärzte kämpfen nach wie vor mit großen technischen Schwierigkeiten, sagt Buhlinger-Göpfarth, die selbst Hausärztin ist, aus eigener Erfahrung.
Der technische Prozess ist noch immer mangelhaft. Digitale Anwendungen sollten in der Praxis eigentlich Zeit sparen und nicht Zeit kosten. Die Ausfälle in unserem Praxisbetrieb, wenn die ePA ausfällt, wir nicht darauf zugreifen können oder der technische Prozess unheimlich lange dauert, gefährdet auch den normalen Betrieb in der Arztpraxis. In der Hausarzt-Praxis sind die Prozesse sowieso schon eng getaktet. Wenn man dann am Schreibtisch sitzt und ewig warten muss, bis die ePA hochlädt oder gar nicht, ist das einfach inakzeptabel.
"Elektronische Medikationsliste durchaus hilfreich"
Allerdings sei an der elektronischen Patientenakte auch nicht alles schlecht. So würden 80 Prozent der Ärzte und Psychotherapeuten die elektronische Medikationsliste als zumindest teilweise gut bezeichnen, so Buhlinger-Göpfarth. "In der Medikationsliste kann ich als Ärztin schauen, was der Patient tatsächlich abgeholt hat und was er alles an Medikamenten einnimmt. Das ist eine Funktion, die wir durchaus hilfreich finden."
Ebenfalls gut gelaufen sei, "dass 80 Prozent der Ärzte und Psychotherapeuten ihre Dokumente in die ePA eingestellt haben - und das trotz der beschriebenen technischen Schwierigkeiten."
"Patient muss einen Mehrwert erkennen - das wäre der Game-Changer"
Sie würde sich für die Patienten einfach wünschen, dass es gelinge, durch die ePA einen darstellbaren Mehrwert für die Versicherten zu schaffen - das wäre dann der Game-Changer. Bislang nutze die große Mehrheit der Patienten die ePA nicht.
Kaum ein Patient hat die ePA in meiner Praxis, sie fragen noch nicht mal danach. Das ist eigentlich schade für so ein Projekt. Ich persönlich hab die Überzeugung, die ePA könnte auch im Bereich der Verbesserung der Gesundheitskompetenz für jeden einzelnen Patienten einen Beitrag leisten. Das findet bisher nicht statt, weil die Patienten den Mehrwert des Projekts nicht erkennen."