Heidi Reichinnek ist dafür bekannt, dass sie Feuer hat. Besonders wütend macht die Linken-Politikerin aber eine kürzlich geleakte Streichliste. Ihr zufolge sollen in der Kinder-, Jugend- und Behindertenhilfe weit über 8 Milliarden Euro eingespart werden. Die Streichliste kommt von einer Arbeitsgruppe von Bund, Ländern und Gemeinden, geleakt hat sie eine Wohlfahrtorganisation, der Paritätische Gesamtverband. Laut dem Papier sollen individuelle Rechtsansprüche auf Schulbegleitung gestrichen, das Wunsch- und Wahlrecht von Menschen mit Behinderung eingeschränkt, die Nachbetreuung junger Erwachsener aus der Jugendhilfe abgeschafft und der Unterhaltsvorschuss für Alleinerziehende zusammengekürzt werden. Heidi Reichinnek findet diesen Vorgang einmalig: "Also das ist für mich wirklich eine beispiellose Brutalität, mit der die Regierung da vorgeht." Besonders regt sie sich darüber auf, dass es in dem Arbeitspapier nicht um die Konsequenzen dieser Maßnahmen für die Betroffenen geht, sondern nur um das reine Sparpotential.
Kinder- und Jugendpolitik als Arbeitsauftrag
Reichinnek ist nicht nur eine der bekanntesten PolitikerInnen bei jungen Menschen. Sie hat vor ihrer Bundestagskarriere selbst in der Jugendhilfe gearbeitet und legt bis heute als kinder- und jugendpolitische Sprecherin der Linken ihren Schwerpunkt auf Politik für junge Menschen. Ihnen ein Angebot zu machen bei den Themen, die sie wirklich beschäftigen, nennt Reichinnek entscheidend – auch für die gesamte Gesellschaft, auch im Sinne der Demokratie. Denn der stehen junge Leute immer skeptischer gegenüber, das zeigt beispielsweise die groß angelegte Sinus-Jugendstudie aus dem Jahr 2024. Eine Mehrheit der Jugendlichen fühlt sich der Studie zufolge von Politik nicht ernstgenommen, hat eine Distanz zu politischen Themen und Beteiligungsformen und leidet darunter, gefühlt keinen Einfluss zu haben. Reichinnek geht bewusst immer wieder mit jungen Menschen ins Gespräch, fragt nach ihren Themen, was sie bewegt, belastet. Ungefähr 20% aller Kinder und Jugendlichen sind in Deutschland armutsgefährdet. Das bedeutet aus Sicht von Reichinnek nicht nur, "dass man vielleicht nicht weiß, was Ende des Monats auf den Tisch kommt oder wie die Klassenfahrt bezahlt werden kann. Das bedeutet auch, dass man ausgegrenzt wird, weil man kann eben nicht mit den Freundinnen und Freunden einfach mal ins Kino gehen oder selbst nur eine Kugel Eis essen". Dass in der Kinder- und Jugendhilfe erst ein Finanzrahmen festgelegt und dann geschaut wird, was damit möglich ist, hält sie für die falsche Reihenfolge. Ihrer Meinung nach müsste zuerst ermittelt werden, was Kinder und Jugendliche finanziell für ein Leben mit echten Beteiligungsmöglichkeiten brauchen und danach erst festgesetzt werden, wieviel Geld man dafür aufbringen muss.
Debatten um Social Media-Verbote
Australien ist weltweit das erste Land, das ein Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige umgesetzt hat. Das Gesetz verpflichtet Plattformen wie Instagram, TikTok oder YouTube zur Sperrung von Konten Minderjähriger, um sie vor psychischen Belastungen zu schützen. Die Debatte um ein Social Media-Verbot in Deutschland nennt Heidi Reichinnek eine Politik „purer Faulheit“. Sie meint im ARD Interview der Woche, das sei, als würden diese Konzerne „unsere Flüsse vergiften und wir sagen 'Okay, liebe Kinder und Jugendliche, trinkt da nicht mehr draus'. Aber die Flüsse sind ja trotzdem vergiftet“. Deswegen hält Reichinnek Verbote für Jugendliche für den falschen Ansatz, ihrer Meinung nach müsse man stattdessen die Konzerne in die Pflicht nehmen, ihr Geschäftsmodell durchbrechen. Aus ihrer Sicht heißt das: Problematische Inhalte müssen schnell gemeldet und gelöscht werden können, süchtig machende Algorithmen und personalisierte Werbung verboten werden.