Groß oder klein? Warm oder kalt? Schnell oder langsam? Wer weiß das schon so genau. Kommt eben auf die Relation an. Leider halten ausgerechnet die Mächtigen vom Relativieren wenig, bedauert Laura Koppenhöfer in ihrer Kolumne. Feedback? Gerne! Kolumne@swr.de
Wahlstimmen bis Wohnungsgröße: Alles relativ
Gordon Schnieder ist klein. Diese Aussage nehmen erstmal alle so hin, die Gordon Schnieder gar nicht kennen und das sind die meisten. Die, die mitbekommen haben, dass der Bruder vom Bundesverkehrsminister der erste CDU-Ministerpräsident in Rheinland-Pfalz des Jahrtausends werden möchte, sagen entweder: Hallo, der Mann ist über 1,90m! Und übrigens der Bruder vom Verkehrsminister. Oder sie sagen: Krass, oder? Wie winzig 1,93m wirken neben 2,06m. Die misst nämlich sein Konkurrent und wohl künftiger Koalitionspartner Alexander Schweitzer von der SPD. Trotz Basketball-Skills und fast zwei Jahren Amtsbonus auch kein echter Polit-Promi. Neben den mehrfach wiedergewählten und überdurchschnittlich beliebten Vorgängern Malu Dreyer und Kurt Beck wirkt Schweitzer zwar erst recht riesig, aber auch irgendwie austauschbar. Ist eben alles relativ - wie so oft im Leben!
Wissen alle, die Bad Putzen relativ angenehm finden, als Ausrede, nicht für die Prüfung zu lernen. Oder relativ unzumutbar, wenn die anderen gerade im Park grillen.
Wissen alle, die normalerweise ungestört speisen dürfen und den geräuschvoll herumsauenden Zweijährigen am Nebentisch relativ unerträglich finden. Während die Vierfach-Mutter die herrliche Ruhe eines einzelnen Saubären in vollen Zügen genießt.
Das wissen auch alle, die 80 Auto-PS relativ flott finden (weil sie vorher 60 hatten) oder 17 Grad im Juli relativ warm (weil sie in Finnland wohnen und trotz Sommerkälte in Umfragen relativ überglücklich sind) oder 700 Euro kalt für ein Zimmer mit Fenster relativ günstig (weil in vielen Städten jedes nicht verschimmelte Zimmer unter 1.000 Euro Miete günstig erscheint) oder den 40-jährigen Nachbarn relativ senil (weil sie - trotz horrender Mieten - gerade erst zu Hause ausgezogen sind).
Die wissen das alle. Andere wissen es offenbar nicht, obwohl sie gut daran täten, die Dinge mal ins Verhältnis zu setzen.
Dann hätte Manuel Hagel von der CDU nach der Baden-Württemberg-Wahl nicht die beleidigte Leberwurst spielen müssen, weil 27.000 Stimmen Abstand zu den Grünen zwar relativ knapp, aber trotzdem eindeutig sind.
Vorfälle im Wahlkampf Morddrohungen gegen Manuel Hagel? Generalstaatsanwaltschaft ermittelt nicht
Wegen der Morddrohungen gegen Manuel Hagel wird es kein Ermittlungsverfahren geben. Dafür ermittelt die Staatsanwaltschaft Stuttgart wegen Beleidigung.
Dann wäre das 500 Milliarden schwere Sondervermögen wirklich für Infrastruktur und Klimaschutz verwendet worden, weil die Bundesregierung gemerkt hätte, dass 80 bis 90 Prozent Zweckentfremdung relativ viel sind.
Dann wäre die Welt eine friedlichere, weil Kriege gerne dann entstehen, wenn sich lupenreine Demokraten sowohl beim Nachschlagen der Vokabel “lupenrein” als auch in Sachen Verhältnismäßigkeit leicht vertun. Und nicht erkennen, dass Russland auch ohne die Ukraine relativ groß ist. Wie auch die USA ohne Kanada und die Erde ohne den Mars.
Doch stattdessen relativieren sie die wenigen Dinge auf der Welt, die nicht relativ sind. Fakten zum Beispiel. Dass sich das ändert, wäre relativ wichtig für relativ viele - und definitiv wichtiger als die Körpergröße von Politikern.