Wiedersehen Wal!

Die Geschichte vom gestrandeten Wal "Timmy" in der Ostsee: es ist eine traurige und gleichzeitig schöne Geschichte, findet Constance Schirra in ihrer Kolumne. Feedback? Gerne! Kolumne@swr.de

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Von Autor/in Constance Schirra

Wir nehmen Abschied von unser aller Wal. Ein Jammer. Wenn ich gekonnt hätte… Wir haben immerhin ein Aquarium zu Hause. Aber gut… zu spät. Dem Wal war nicht zu helfen. Und es haben nun wirklich Alle Alles versucht.

Wie alle Walexperten ...

Ich hatte ja sehr auf diesen Wal-Influencer gehofft. Ich dachte: Ein Wal-Influencer muss so was ähnliches sein, wie ein Wal-Flüsterer. Er wäre zu dem Wal hoch gekrabbelt und hätte ihm ins Ohr geflüstert: "Hey, Timmy, du musst da vorne rechts, 500 Kilometer geradeaus, dann links und dann nochmal so 700 Kilometer einfach weiter!" Und schnurstracks hätte der Wal problemlos den Weg zum Atlantik gefunden.

Haben Wale Ohren? Sowas ähnliches. Egal! Der Wal-Influencer hat sich ohnehin gedrückt. Blöder Kerl. Und so haben sich Menschen von Sea Shepherd, dem Institut für terrestrische und aquatische Wildtierforschung, Biologen, Meeresforscher, Feuerwehrleute, Meteorologen, Küstenbewacher, die Whale and Dolphin Conservation, Polizistinnen, erste, zweite, dritte und vierzehnte Bürgermeister, Tierärztinnen, Ehrenamtliche und Minister bemüht - wirklich, wirklich bemüht.

Es wurden Gräben geschaufelt: mit kleinen Baggern, großen Baggern, mittelgroßen Baggern. Es wurden Wellen erzeugt: mit kleinen Schiffen, großen Schiffen, mittelgroßen Schiffen, ganz Greenpeace hat Paddel aufs Wasser geschlagen, auf dass Timmy ein Zeichen gebe, egal welches! "Hunger" vielleicht? Oder: "Hau ab"!

Der Wal wurde vermessen, begleitet, verhört. Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus hat den Wal persönlich bewässert, mit seiner eigenen Gießkanne. Nein das stimmt, glaube ich, nicht - aber hätte sein können. Grafiker haben Karten erstellt - über Wasserstand, Sonnenstand, Entfernungen, Gezeiten, Windgeschwindigkeiten. Experten in aller Welt haben aus der Ferne die kranke Wal-Haut diagnostiziert, Bewegungen analysiert, Atemzüge- und Pausen gezählt. Es gab täglich Pressekonferenzen, Live-Ticker: "Timmy hat einmal mit der Schwanzflosse geschlagen", "Der Wal bläst noch", "Timmy zuckt", "Timmy brummt", "Timmy weint". Ach, ich hätte so gerne seine Tränen getrocknet, mein größtes Strandtuch hätte ich dafür hergegeben.

... mit vielen Vorschlägen ...

Die halbe Republik hat Vorschläge zur Rettung des Wals gemacht: Kann man Timmy mit Luftkissen anheben und ein paar Meter weiter wieder in die Ostsee plumpsen lassen? Platsch! Oder mit Gurten? Ihn abschleppen? Verschiffen? Wenn die ganzen Schaulustigen den Meeresspiegel erhöht, also Wasser ins Meer gekippt hätten, jeder nur ein Glas? Oder hätte man nicht einen riesigen Glaskasten über Wal und Sandbank stülpen und Wasser reinlassen können?

Oh, wir sind wieder beim Aquarium. Und es gab ja auch Hoffnung zwischendurch, zuletzt an Ostersonntag, um 13:22 Uhr genau. Da träumte Herr Backhaus noch von einem "Wunder", der "Auferstehung" gar. Natürlich, wann, wenn nicht an Ostern, erhöbe sich ein sterbender Wal? Aber nein, nichts hat geklappt.

... keinen Erfolg hatten

Armer Wal. So eine traurige Geschichte. Wobei… ist es nicht gleichzeitig eine schöne Geschichte? Denn siehe: Der Mensch, der Kriege anzettelt, der mordet, lügt und betrügt, beraubt und missbraucht, kalkuliert und ruiniert - der Mensch kann auch gut sein.

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Constance Schirra
Constance Schirra steht im Gang eines SWR-Gebäudes
Onlinefassung
Andreas Böhnisch
Andreas Böhnisch steht vor dem Logo von SWR Aktuell.