Merz-Aussage in der Diskussion

Kehren Syrer aus Baden-Württemberg jetzt alle zurück in ihre Heimat?

Ein Großteil der Flüchtlinge soll nach Syrien zurückkehren, fordert Merz nach dem Treffen mit dem syrischen Übergangspräsidenten Al-Scharaa. Ist das realistisch?

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Von Autor/in Sophie Rebmann

Der Großteil der Syrer möchte aktuell bleiben. So wie Bahaa Ziadeh. Der 33-Jährige arbeitet hier als Softwareentwickler und hat in Deutschland eine kleine Familie gegründet. Syrien ist ihm zu unsicher. Und auch aus ganz praktischen Gründen kann er sich eine Ausreise nicht vorstellen: "Man darf nicht vergessen, dass die Ressourcen sehr begrenzt sind. Strom, Gas, Wasser, das reicht nicht einmal für die Leute dort." Ganz zu schweigen von Wohnungen, Schulen - oder Jobs.

Wenn man jetzt sagt: Okay, ich gehe jetzt nach Syrien, dann verliert man diese Chance, anderen helfen zu können. Und vielleicht wird man selbst Hilfe brauchen.

Bahaa Ziyadeh
Bahaa Ziyadeh kam 2014 aus Syrien nach Deutschland. Inzwischen ist er deutsche Staatsbürger. Bahaa Ziyadeh

Und wenn er den Job nicht hätte, dann könnte Ziadeh auch der Großfamilie in Syrien nicht mehr helfen wie bisher. Jetzt überweist der zweifacher Familienvater Geld nach Syrien, etwa für die Renovierung der zerstörten Wohnungen. "Es kommen immer wieder Anfragen: Wir brauchen zum Beispiel 200 Euro für Fenster für die Tante, 1000 Euro für den Boden, für den Onkel und so weiter und so fort." Der Wiederaufbau funktioniere in Syrien nur so, sagt Ziadeh: "Die syrische Regierung kann nicht jedem helfen."

Syrer: Lage für Minderheiten viel zu gefährlich

Auch Hayan Amer kann sich nicht vorstellen, zurückzugehen. "Die Lage in Syrien ist ein bisschen anders, als wie Al-Scharaa behauptet hat", gibt er zu Bedenken und erzählt von dem Massaker an Drusen in Suwaida im Sommer 2025, bei dem auch neun seiner Familienmitglieder ermordet worden seien. "Das waren echt schreckliche Momente die ich nie vergessen kann", sagt er. Kurz zuvor hatte er noch gehofft, seine Familie zu besuchen und die Mutter endlich wieder in die Arme zu schließen. Jetzt komme eine Rückkehr für ihn nicht mehr in Frage: "Weil ich mit solchen Leuten nicht zusammen leben kann."

Hayan Amer auf der dunklen Bühne
Hayan Amer ist ausgebildeter Schauspieler: Im Sommer 2025 hat er die Ausbildung beendet. Danach wollte er seine Mutter in Syrien besuchen gehen. Aber die Massaker an Drusen und anderen Minderheiten haben ihm gezeigt: Das Land ist zu unsicher. Hayan Amer

Al-Scharaa ist in seinen Augen nur ein weiterer Diktator. Für diese Zukunft sei er unter Machthaber Assad nicht auf die Straße gegangen. Unglaublich sei für ihn daher, dass die deutsche Bundesregierung nun mit ihm Gespräche führt. Anders sieht das der 33-jährige Bahaa Ziyadeh. Er freut sich, dass die Bundesregierung in Syrien investieren will - und dafür offizielle Wege geht. "Vor diesem Besuch wurden syrische NGOs unterstützt, es gab keine richtige Unterstützung der syrischen Regierung. Wir hoffen, dass es jetzt anders läuft und dass die Kooperation über offiziellen Kanäle anfängt und das Geld jetzt wirklich fließt." Damit sich die wirtschaftliche Lage verbessere und eine Rückkehr möglich werde, so Ziyadeh.

Umstrittenes Treffen zwischen Merz und Al-Scharaa

Motaz Alshalaby ist entsetzt über die Schlüsse, die Bundeskanzler Merz nach dem Treffen für syrische Flüchtlinge gezogen hat. Eine Rückkehr von 80 Prozent der Syrer und Syrerinnen zu fordern sei "bedrohlich" und "unmenschlich", so der Syrer, der seit 2010 in Deutschland lebt. "Die Menschen verlieren den Mut, sich im Land weiter zu engagieren und zu integrieren. Sie verlieren die Lust an ihrer Arbeit. Sie werden sagen: Wir werden sowieso abgeschoben, wieso soll ich für eine unbefristeten Arbeitsvertrag kämpfen?" In Syrien hat er als Anwalt gearbeitet, in Deutschland ist er Sozialarbeiter und berät unter anderem Geflüchtete. Viele von ihnen hätten sich direkt an ihn gewandt, weil sie unsicher seien, was das für sie bedeute.

Im Bundesinnenministerium sehen sie das anders: "Es ist nachvollziehbar, dass die neue syrische Regierung die Menschen in ihr Land zurückhaben möchte, mit den auch in Deutschland erworbenen Fähigkeiten, um das Land wieder aufzubauen", so ein Sprecher des Ministeriums. Ziel der Bundesregierung sei nun, "ein Modell zu entwickeln, um die notwendige Rückkehr syrischer Staatsbürger zu ermöglichen." Einen Zeitpunkt für den Beginn der Rückkehr oder konkrete Zahlen von Rückkehrern zu benennen sei dem Bundesinnenministerium noch nicht möglich.

Jamal Hammad gießt eine Pflanze in seinem Haus im Gebiet des Yarmouk-Camps, südlich der syrischen Hauptstadt Damaskus. Mit gemischten Gefühlen von Glück und Trauer betrat Jamal Hammad das vom Krieg verwüstete Yarmouk-Lager für palästinensische Flüchtlinge südlich von Damaskus, um sich auf den Weg der Rückkehr in sein altes Leben zu machen, das d...
"Man darf nicht vergessen, dass die Ressourcen in Syrien sehr begrenzt sind. Strom, Gas, Wasser, das reicht nicht einmal für die Leute dort", sagt Bahaa Ziyadeh. Daher sei aktuell nicht an eine Rückkehr zu denken. Picture Alliance

Rückkehrberatung: Frustration und Perspektivlosigkeit

Und doch gibt es sie: Flüchtlinge aus Syrien, die zurückkehren wollen. Kim Sigemund hat regelmäßig Kontakt zu ihnen. Sie berät Flüchtlinge, die in ihre Heimat zurückkehren wollen. Und die meisten dieser Flüchtlinge kommen aus Syrien. "Viele sind resigniert, sie kommen in der Gesellschaft irgendwie nicht so richtig an und fühlen sich letztendlich hier irgendwie nicht richtig zu Hause. Viele warten schon Ewigkeiten auf ihren Aufenthaltstitel, der ihnen eigentlich zusteht, aber faktisch noch nicht da ist." Mit dem Regimesturz hätten einige die Chance ergriffen, erzählt sie: "Weil die Mutter zum Beispiel krank ist eventuell auch nicht mehr so lang zu leben hat. Und sie nach zehn Jahren eine große Sehnsucht verspüren, noch einmal die Mama in den Arm zu nehmen."

Siegmund berät die Menschen ergebnisoffen und hilft bei einem Ausreisewunsch, Startkapital zu beantragen. Denn die Bundesregieurng und die EU zahlen syrischen Rückkehrern für den Rückflug und den Neustart rund 3000 Euro aus. Dennoch: Viele Menschen sind es nicht, die das Angebot annehmen und einen Wiederanfang in Syrien wagen. Der Verein "Arbeitsgemeinschaft für die eine Welt" bietet die Rückkehrberatung in Stuttgart seit April 2025 an, bisher sind mit ihrer Hilfe gerade einmal 53 Personen nach Syrien zurückgegangen. Deutschlandweit waren es 2025 den Angaben des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge zufolge 3.678 Menschen. Insgesamt sind im vergangenen Jahr knapp 6.000 Anträge für eine Förderung gestellt worden.

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Leute SWR1 Baden-Württemberg

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Sophie Rebmann
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