Die sogenannte Forum-Studie, eine groß angelegte Untersuchung zu Vorfällen im Januar 2024, hat der Evangelischen Kirche in Deutschland und der Diakonie ein mäßiges Zeugnis ausgestellt, was die Aufarbeitung und den Umgang damit betrifft. Jetzt wollen sich die einzelnen Landeskirchen und Diakonien genauer damit beschäftigen, was in ihrem Bereich vorgefallen ist. Deswegen haben sie neun Unabhängige Regionale Aufarbeitungskommissionen, kurz URAK, gebildet.
In Baden-Württemberg gibt es gleich zwei: Die badische und die pfälzische Landeskirche haben sich zu der URAK Südwest zusammengeschlossen. Außerdem gibt es eine URAK für den Bereich der württembergischen Landeskirche. In jeder Kommission sitzen drei externe Wissenschaftler, zwei Betroffene und je ein Vertreter aus Kirche und Diakonie. Sie sollen gemeinsam entscheiden, welche Forschungsprojekte und Initiativen sie anstoßen wollen, um die Aufarbeitung der Vorfälle von sexueller Gewalt, aber auch die Prävention weiter voranzutreiben. Die Mitglieder dieser Kommissionen arbeiten ehrenamtlich und wurden jeweils für vier Jahre berufen. Einer der beiden Betroffenenvertreter in der URAK Württemberg ist Wilhelm Kazmaier.
Seit ein paar Jahren hat er wieder Kontakt mit einer ehemaligen Betreuerin im Kinderheim Sophienpflege in Tübingen. Sechs Jahre seines Lebens hat er dort verbracht. Zu Tante Ute, die dort zwei Jahre lang angestellt war, hatte er immer eine gute Beziehung. Nachdem er sie zufällig auf einer Ausstellung wieder getroffen hatte, treffen sie sich regelmäßig - entweder bei ihr zu Hause in Frankfurt oder bei seiner Familie in Nußloch. Gemeinsam blicken sie dann zurück auf eine Zeit in ihrem Leben, die vor allem für Wilhelm Kazmaier nicht einfach war. wie er sagt.
Eine Atmosphäre der Angst
Die Sophienpflege galt in den 60er Jahren als pädagogisch fortschrittliches Heim für Kinder, die aus ihren Familien herausgenommen werden mussten. Etwa 80 Jungen lebten dort. Doch es hätte eine Atmosphäre der Angst geherrscht, erzählt Ute Wessels. Zu spüren sei das beispielsweise dann gewesen, wenn der Heimleiter zurückkam. Dann sei der Hof wie leergefegt gewesen. Die Kinder hätten eine wahnsinnige Angst gehabt. Der Heimleiter, ein ehemaliger SS-Mann, sei berüchtigt für seine Strenge gewesen und habe oft Schläge ausgeteilt. Wessels erinnert sich an überforderte Betreuer, die eine ganze Kindergruppe schonmal stundenlang stehen gelassen haben sollen. Viele Kinder seien zu Bettnässern geworden oder hätten sogar angefangen zu stottern, so Wessels.
In Baden-Württemberg sind viele Berichte ehemaliger Heimkinder bekannt, die in ihren Einrichtungen Gewalt erfahren haben. Die Diakonie in Württemberg hatte deswegen schon 2015 eine unabhängige Kommission eingerichtet, an die sie sich wenden konnten. Darunter waren auch viele Betroffene von sexuellen Übergriffen. Etwa 180 Betroffene aus dem Umfeld der Kinderheime der Diakonie hätten sich inzwischen gemeldet, sagt Monika Memmel, Referentin für Aufarbeitung und Prävention der württembergischen Diakonie. Dazu kommen etwa 40 Betroffene aus dem Heim der Brüdergemeinde Korntal, wo es seit den 50er Jahren zu schweren Fällen von sexuellem Missbrauch kam.
Von den Theologinnen und Theologen kommt immer viel Verständnis, es kommt einem viel Wohlwollen entgegen, doch sie haben oft nur wenig Bezug zum Alltag. Die Leute da draußen sprechen eine andere Sprache."
Insgesamt macht die Gruppe der Heimkinder etwa 80 Prozent aller bisher bekannten Betroffenen von sexueller Gewalt aus, die in der Württembergischen Landeskirche und im Diakonischen Werk Württemberg zurzeit bekannt sind. Zu ihnen gehört auch Wilhelm Kazmaier. Er wurde mit 15 Jahren von einer Betreuerin verführt, wie er sagt. Erst später sei ihm klar geworden, dass er missbraucht worden war. Er wird nun als einer von zwei Betroffenen Mitglied in der URAK. Die evangelische Kirche will deutschlandweit in insgesamt neun URAKs die Vorfälle sexualisierter Gewalt in den einzelnen Landeskirchen und Diakonien aufarbeiten.
Gemeinsam mit drei unabhängigen Wissenschaftlern und je einem Vertreter aus der Landeskirche und der Diakonie, wird Wilhelm Kazmaier in der URAK Württemberg nun fürs erste mitentscheiden wie es weiter gehen soll mit Aufarbeitung und Prävention. Er soll die Sicht der Betroffenen mit einbringen. Das ist keine leichte Aufgabe, sagt Monika Memmel von der Diakonie Württemberg. Die Gruppe der Betroffenen sei in sich sehr heterogen. "Man kann nicht sagen, Betroffene hätten die und die Interessen oder gehen so und so mit ihrer Situation um. Das ist höchst unterschiedlich. Und das ist auch eine Herausforderung für die Betroffenen untereinander."
Wir haben Wilhelm Kazmaier aus Nußloch gesprochen. Hier geht es um kompletten Audio-Beitrag:
Mühsame Gremienarbeit bei der Aufarbeitung
Wilhelm Kazmaier weiß, wie wichtig es ist, die Perspektive der Betroffenen deutlich zu machen. Viele ehemalige Heimkinder haben im Leben nie richtig Fuß gefasst, wurden straffällig oder Drogen und Alkoholabhängig. Wilhelm Kazmaier weiß im Rückblick, dass er Glück gehabt hat. "Es war ein schmaler Grad. Ich bin froh, dass ich nicht abgedriftet bin."
Erfahrungen mit Gremienarbeit bringt Wilhelm Kazmaier mit. Er war unter anderem Mitglied im Gemeinderat, er war in der Kirche aktiv und in der Gewerkschaft. Er sei sich bewusst, worauf er sich einlasse. „Von heute auf morgen erreicht man nichts. Ich selbst war in der Vergangenheit oft zu ungeduldig. Ich dachte, jetzt komme ich, jetzt wird alles anders. Nichts war. Man muss dicke Bretter bohren und viel Zeit haben.“