Kürzere Prüfungen, Theorieunterricht in Eigenverantwortung und weniger Sonderfahrten - das sind nur einige der Regeln, die die geplante Führerscheinreform mit sich bringt. Den entsprechenden Gesetzesentwurf hat das Bundeskabinett am Mittwoch auf den Weg gebracht. Anfang 2027 sollen die neuen Richtlinien in Kraft treten.
Doch Fahrlehrer und -Verbände in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz halten wenig von der Reform. Der Vorsitzende des Fahrlehrerverbandes Pfalz, Norbert Wagner, sagt etwa, es gebe an der Reform "keinen einzigen Punkt, der in Ordnung ist".
Fahranfänger schlechter auf den Verkehr vorbereitet: Fahrlehrerverband Pfalz sieht Risiko
Wagner befürchtet, dass die Verkehrssicherheit leidet, wenn weniger professionelle Anleitung erfolgt. Zudem warnt er, dass Fahrstunden sogar teurer werden könnten: Wenn Fahrschulen durch die Auslagerung des Theorieunterrichts Einnahmen verlören, müssten sie ihre laufenden Kosten stärker auf die praktischen Fahrstunden umlegen.
Fahrlehrerverband BW kritisiert Erfolgsquoten und private Übungsfahrten
Jochen Klima, der Vorsitzende des Fahrlehrerverbands aus Baden-Württemberg, sieht zwei weitere Punkte der Reform kritisch. Unter anderem bemängelt er, dass mit der neuen Reform die Erfolgsquoten aller Fahrschulen veröffentlicht werden sollen. Aber nicht jede Fahrschule, die eine hohe Durchfallquote habe, mache schlechte Arbeit. Es gebe viele weitere Faktoren, die eine Rolle spielten.
Nach sechs Fahrstunden ist ein Fahrschüler eigentlich noch nicht so weit, dass man ihn ohne jemanden, der richtig aufpasst, in den Verkehr lassen kann.
Klimas zweite Kritik betrifft private Übungsfahrten. Nach der Reform sollen Fahrschüler und Fahrschülerinnen nach sechs Fahrstunden mit ihren Eltern auf der Straße üben dürfen. "Nach sechs Fahrstunden ist ein Fahrschüler eigentlich noch nicht so weit, dass man ihn ohne jemanden, der richtig aufpasst, in den Verkehr lassen kann", sagt Klima jedoch. "Denn der Vater hat halt keine Doppelbedienung."
Weniger Basiswissen durch Kürzungen im Theorieunterricht?
Dazu komme, dass durch die Kürzungen im Theorieunterricht womöglich wichtiges Basiswissen fehle. Das müsse dann in den Fahrstunden nachgeholt werden - wodurch wiederum Mehrkosten entstünden.
Doch gerade von den Fahrstunden bräuchten Fahrschüler und Fahrschülerinnen in den vergangenen Jahren immer mehr, sagt die Stuttgarter Fahrlehrerin Jenny Spazier. Das liege daran, dass der Verkehr immer komplexer werde. "Heute gibt es viele verschiedene und wirre Verkehrssituationen, bei denen auch ein erfahrener Autofahrer nicht gleich zurechtkommt."
Außerdem würden immer höhere Anforderungen an die Prüflinge gestellt. "Wir müssen den Leuten viel mehr beibringen - und dafür brauchen wir eben mehr Fahrstunden."
Talent ausschlaggebend für Führerschein-Preis
Unter anderem deshalb glaubt Jenny Spazier nicht, dass der Führerschein durch die Reform günstiger wird. Es seien insbesondere die Fahrstunden, die die Kosten in die Höhe trieben - und die seien vor allem abhängig vom Talent des Schülers oder der Schülerin.
Verbandsvorsitzender plädiert für verpflichtenden Theoriestunden-Anteil
Um die Fahrschüler und Fahrschülerinnen besser auf den praktischen Unterricht vorzubereiten, plädiert Jochen Klima vom Fahrlehrerverband BW für einen verpflichtenden Anteil an Theoriestunden in der Fahrschule. Außerdem sei es sinnvoll, vor der theoretischen Prüfung einen Test einzuführen, der den Wissensstand der Schüler und Schülerinnen abfrage - eine Aufgabe, die bisher bei den Fahrlehrern gelegen habe.
Bei den Sonderfahren sieht Klima - ähnlich wie das Bundeskabinett - ebenfalls Änderungsbedarf. Allerdings würde er die Fahrten nicht pauschal kürzen, sondern diese nach den Bedürfnissen des jeweiligen Schülers flexibel gestalten. "Wenn jemand mit der Landstraße Schwierigkeiten hat, würde ich lieber mehr Landstraße fahren - und wenn jemand auf der Autobahn schwach ist, dann legen wir den Fokus auf die Autobahn.