Auf der Theke der Johannes-Apotheke sammelten sich kleine Geschenke und handgeschriebene Karten. Bis zuletzt kamen die Kundinnen und Kunden herein, um sich persönlich von Claudia Franz zu verabschieden. Seit mehr als 100 Jahren war die Johannes-Apotheke ein fester Bestandteil der Stadt Künzelsau (Hohenlohekreis). Am 1. August endete diese Ära. Kein Einzelfall - wie der Landesapothekerverband bestätigt.
Überforderung durch steigende Kosten und Bürokratie
Die Gründe für die Schließung des Traditionshauses in Künzelsau sind vielfältig: Die Kosten seien massiv gestiegen, die bürokratischen Anforderungen nahmen auch stetig zu - eine kaum zu bewältigende Belastung für die kleine Apotheke.
Es sind ständig neue Vorschriften, neue Gesetze. Man arbeitet im Hintergrund rund um die Uhr, sitzt abends und am Wochenende da, um den Laden am Laufen zu halten.
Mit dem Ende der Johannes-Apotheke schrumpft das Angebot in Künzelsau: In der Stadt gibt es jetzt nur noch drei Apotheken - für rund 16.000 Einwohnerinnen und Einwohner. "Es ist sehr schwierig, sehr emotional", sagt Claudia Franz am letzten Öffnungstag. Sie selbst versuchte, die Besucherinnen und Besucher - oft den Tränen nahe - zu trösten: "Viele Kunden können kaum fassen, dass diese Institution geschlossen wird." Leider könne sie daran nichts ändern, sagt sie resigniert.
Verlust eines Stücks Heimat
Die kleine Apotheke in dem Haus im Rokoko-Stil war weit mehr als nur ein Ort zum Medikamentenkauf. Für viele Künzelsauerinnen und Künzelsauer war sie ein Stück Heimat und hinterlässt eine spürbare Lücke in ihrem Alltag.
Stammkundin Rosemarie Kopp hätte nie mit einer Schließung gerechnet. "Diese Apotheke gehört einfach nach Künzelsau", sagt sie sichtlich bewegt. Auch Heinz Kolmarr betritt an diesem Tag zum letzten Mal den vertrauten Verkaufsraum und ist traurig. "Ich bin seit über 40 Jahren Kunde, schon meine Eltern waren hier." Trotzdem möchte er nicht auf den Online-Versand von Medikamenten umsteigen: "Dann suchen wir uns eben eine andere Apotheke."
Ähnlich sieht das Eleonore Rudolph. Trotz der Apothekenknappheit in Künzelsau lehnt sie den digitalen Medikamentenkauf strikt ab: "Ich muss die Medikamente sehen und mich beraten lassen", sagt sie und fügt hinzu: "Sonst können die anderen Apotheken ja gar nicht mehr existieren."
Schließungswelle in Baden-Württemberg
Rouven Steeb aus Bad Rappenau (Kreis Heilbronn), Vizepräsident des baden-württembergischen Landesapothekerverbands (LAV), nennt die Schließung der Traditionsapotheke "bedenklich". Tatsächlich spiegele sie die wirtschaftliche Lage vieler Apotheken wider.
Allein im vergangenen halben Jahr haben in Baden-Württemberg bereits 57 Apotheken geschlossen, während nur sechs neu eröffnet wurden. "Landesweit gibt es damit nur noch rund 2.100 Standorte", erklärt Steeb, selbst langjähriger Apotheker und Interessensvertreter im Südwesten. Er geht davon aus, dass sich dieser Rückgang bis zum Jahresende nochmal verdoppeln wird.
Schätzungen zufolge kämpfen bundesweit bereits 30 bis 40 Prozent der Apotheken ums Überleben.
Oft fehle es an Nachfolgerinnen und Nachfolgern, doch vor allem wirtschaftliche Gründe führen zum Apothekensterben.
Wirtschaftlicher Druck durch feste Honorare
Ein zentraler Punkt sei dabei die Vergütung: Apotheken sind auf feste Honorare angewiesen, die von staatlicher Seite festgelegt werden. Diese wurden laut Steeb aber seit einem Jahrzehnt nicht mehr angepasst - trotz deutlich gestiegener Kosten. Personal, Energie, Mieten: All das belaste die Betriebe zunehmend, ohne dass Spielraum für Preisanpassungen bleibe.
Online-Versand von Medikamenten auf dem Vormarsch
Auch Claudia Franz, die Inhaberin der geschlossenen Johannes-Apotheke, hat unter der starren Preisbindung gelitten. "Je weniger Apotheken es gibt, desto mehr profitiert der Online-Versandhandel", mahnt sie. In vielen EU-Ländern - zum Beispiel in Italien, Frankreich und Spanien - ist der Versand von verschreibungspflichtigen Medikamenten an Kunden streng geregelt oder sogar verboten.
In Deutschland hingegen ist der Versand solcher Medikamente weitaus lockerer geregelt und unter Einhaltung bestimmter Voraussetzungen erlaubt. Deshalb werde die Schließung der Johannes-Apotheke nicht die letzte sein, warnt Claudia Franz. Kleinere Apotheken würden immer weiter verdrängt.