"Die Plattformen wollen, dass wir gefesselt werden"

Wie sinnvoll ist ein pauschales Verbot von TikTok & Co. für Kinder?

In der EU werden Altersgrenzen für Kinder bei Social Media diskutiert. Experten und Jugendliche aus Heilbronn sind kritisch: Besser Medienkompetenz stärken als Verbote verhängen?

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Von Autor/in Ulrike Schirmer

"Social Media macht süchtig", "Kinder lesen kaum noch", "TikTok ist gefährlich" - wenn es um soziale Netzwerke geht, prägen solche oder ähnliche Schlagzeilen oft die Debatte. Jugendliche und Experten aus Heilbronn halten pauschale Zugangsbeschränkungen für Social Media nicht für den richtigen Weg. Am Montag hat ein EU-Expertengremium vorgeschlagen, dass Kinder unter 13 Jahren Online-Plattformen nur unter Aufsicht und zeitlich begrenzt nutzen dürfen.

"Dieses ständige Scrollen macht jeden abhängig"

Laura Hiltawski, Jugendreferentin aus Heilbronn, betrachtet die Entwicklung mit Sorge. Für viele Jugendliche sei das Smartphone längst zum zentralen Teil ihrer Lebenswelt geworden. Besonders kritisch sieht sie das sogenannte "Doomscrolling" - das endlose Surfen durch Stories, Reels und andere Inhalte. "Dieses ständige Scrollen macht jeden abhängig. Da müssen auch wir Erwachsenen uns an die eigene Nase fassen. Das geht nicht nur den Jugendlichen so", sagt sie.

Aus ihrer Sicht wurden soziale Netzwerke nie dafür entwickelt, Kinder und Jugendliche zu schützen. "Sie wollen, dass wir gefesselt werden", so Hiltawski. Deshalb könne sie die Forderung nach einem Verbot für unter 16-Jährige durchaus nachvollziehen. Dennoch dürfe man die Jugendlichen nicht vor der eigenen Realität aussperren. Stattdessen setzt sie auf Aufklärung: "Wir müssen sie dauerhaft stark machen."

Am Ende zählt halt auch irgendwo die Erziehung und die Kommunikation zu Hause am Küchentisch.

Ein Jugendlicher schaut in sein Handy (Symbolbild).
Das Handy gehöre längst zur Lebenswirklichkeit vieler Jugendlichen, meint Jugendreferentin Laura Hiltawski aus Heilbronn. picture alliance / dpa | Karl-Josef Hildenbrand

"Wie ein Glücksspiel": Darum ist Scrollen so schwer zu stoppen

Auch Daniel Wierbicki sieht das so. Der Social-Media-Experte, IT-Dozent und Informatiklehrer aus Heilbronn beschäftigt sich intensiv mit dem Thema und kennt die Mechanismen hinter den Plattformen. Genau darin sieht er die größte Herausforderung: "Ich merke ja selbst, wie schwierig es ist, mit diesen sozialen Netzwerken sinnvoll umzugehen. Und ich bin erwachsen und komme aus diesem Bereich", sagte er im SWR-Interview.

Die Plattformen seien darauf ausgelegt, Aufmerksamkeit möglichst lange zu binden. Nutzer bekämen nicht ausschließlich Inhalte angezeigt, die sie spannend finden. Stattdessen entstehe eine Mischung aus interessanten und weniger interessanten Beiträgen. Genau dieses Prinzip könne ähnliche Mechanismen auslösen wie Glücksspiele.

Das ist quasi der Jackpot. Und so entsteht der Drang, immer weiterzumachen.

Verbot oder Schutzmodell?

Ein pauschales Verbot bis 16 Jahre hält Wierbicki allerdings nicht für den besten Weg. Eine starre Altersgrenze greife aus seiner Sicht zu kurz, weil sich Jugendliche sehr unterschiedlich entwickeln.

Er spricht sich für ein abgestuftes Modell aus: keine Accounts unter 13 Jahren, zwischen 13 und 15 Jahren nur mit Zustimmung der Eltern und darüber hinaus geschützte Versionen sozialer Netzwerke für Minderjährige. Außerdem sollten Funktionen wie personalisierte Werbung, endloses Scrollen oder Push-Nachrichten eingeschränkt werden.

Wie jung ist zu jung für TikTok, Instagram und Co.?

Während Frankreich ab September ein Social-Media-Verbot für unter 15-Jährige einführt, wächst unterdessen auch in anderen Ländern der Druck auf die Plattformen. Eine EU-Expertenkommission hat jetzt Empfehlungen für einen besseren Schutz von Kindern und Jugendlichen im Netz vorgelegt.

Auch die Expertenkommission der Bundesregierung plädiert für ein umfangreiches Paket zum Schutz von Kindern und Jugendlichen im Netz. Bundesfamilienministerin Karin Prien (CDU) sprach sich zuletzt für eine gesetzliche Altersgrenze von 13 Jahren aus. Nach ihren Angaben nutzen rund eine Million junge Menschen soziale Netzwerke problematisch, etwa 300.000 zeigen suchtähnliches Verhalten.

Jugendliche sehen Altersgrenze von 16 Jahren durchaus positiv

Interessant ist, dass die Forderung nach strengeren Regeln nicht nur von Erwachsenen kommt. Der 17-Jährige Benedikt Schwarzer aus Heilbronn hält ein Social-Media-Verbot für Kinder und jüngere Jugendliche zumindest teilweise für sinnvoll. "16 ist eine ziemlich gute Grenze", meint er. Jüngere Kinder hätten oft Schwierigkeiten, den richtigen Umgang mit sozialen Netzwerken zu finden. Er favorisiert das australische Modell. Dort sind Accounts in sozialen Netzwerken für unter 16-Jährige tabu.

Johanna Fischer, ebenfalls aus Heilbronn, ist 20 Jahre alt und gegen ein "pauschales Verbot", vor allem weil "Kinder und Jugendliche soziale Medien auch nutzen, um sich zu informieren und auszutauschen", sagt sie.

Soziale Medien sind nicht nur Risiko

Und genau deshalb sehen Experten bei aller Kritik auch positive Aspekte. Viele Jugendliche informieren sich laut Daniel Wierbicki heute in den sozialen Netzwerken auch über Politik und andere gesellschaftliche Themen: "Das sind Themen, die früher oft als trocken galten. Es gibt eben Risiken, aber es gibt auch Chancen."

Denn während über Verbote diskutiert wird, sei die Lebenswelt der Jugendlichen ohnehin längst schon digital. Deshalb brauche es vor allem Orientierung - besonders vor dem Hintergrund, so der Social-Media-Experte weiter, dass wir vor "so gewaltigen Umbrüchen stehen, das können wir uns gar nicht vorstellen." Entscheidend sei vielmehr, wie gut sie auf den Umgang mit digitalen Medien vorbereitet werden.

Ein Kind mit einem iPad (Symbolbild).
Social Media erst ab 16? Experten setzen weniger auf Verbote. Kinder und Jugendliche brauchen stattdessen Begleitung - durch Eltern und Schule. picture alliance / Tobias Hase/dpa | Tobias Hase

Deshalb, da sind sich sowohl die Jugendlichen als auch die Experten einig, sei es wichtig, den richtigen Umgang mit sozialen Medien beizubringen und über Risiken aufzuklären. Daniel Wierbicki sieht die Aufgabe auf mehreren Schultern verteilt. "Man kann nicht von der Schule erwarten, dass sie da alles leistet", sagt Wierbicki. Ebenso wenig könne man die Verantwortung ausschließlich an Familien delegieren.

Dennoch müssten Eltern klare Regeln setzen und mit ihren Kindern im Gespräch bleiben. Schulen sollten stärker aufklären und Medienkompetenz vermitteln, so der Experte. Und gleichzeitig seien auch die Plattformbetreiber gefordert, wirksame Schutzmechanismen bereitzustellen. Nur dann könne der richtige Umgang mit Social Media gelingen.

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