Der Mannheimer Künstler Mehrdad Zaeri steht derzeit in Kontakt zu Freunden und Verwandten in seinem Geburtsland Iran. Unter ihnen ist Shirani (Anm. der Redaktion: Name geändert), eine Drehbuchautorin und Journalistin, die im Teheraner Hochhausviertel Ekbatan lebt. In Mails berichtet sie ihrem Freund in Deutschland von ihren Hoffnungen und Ängsten in der derzeitigen Situation. Mehrdad Zaeri hat sie dem SWR zur Verfügung gestellt, wie bereits 2022, als gesellschaftliche Proteste den Iran erschütterten.
"Ein leiser Verdacht in der Luft. Und dann: Einschläge."
Shirani ist Anfang 40, stammt aus einem sehr religiösen Elternhaus, hat sich aber als junge Frau davon gelöst und ist nach Teheran gezogen. Zum Zeitpunkt des ersten Angriffs Israels lebt sie mit ihrer Katze und einer Freundin, S. , in ihrer Hochhaus-Wohnung. In einem Brief vom 14. Juni schreibt sie an ihren Mannheimer Freund Mehrdad Zaeri.
"Gestern brannte die Stadt. Die Hitze lag nicht nur in der Luft, sondern in den Gedanken, im Körper. Alles verlangsamte sich. Und dennoch: Der Tag war voller Aufgaben, die wir zu Ende bringen mussten, so als wäre Normalität noch möglich. Am Abend kamen wir zusammen - im Haus meines Bruders. [...] Dann kehrten wir heim. Der Schlaf blieb aus. S. lag wach. Ich auch. Die Nacht begann zu knistern - ein leiser Verdacht in der Luft. Und dann: Einschläge. Israel griff Teheran an. Meine Katze, erstarrte."
Shiranis Beschreibungen sind sehr persönlich. Sie ist keine Kriegsberichterstatterin, die sich um Objektivität bemüht. Und dennoch gelingt es ihr, ein sehr eindringliches Bild von dem zu vermitteln, wie es mutmaßlich vielen Iranerinnen und Iranern in der derzeitigen Situation geht.
"Wir blieben wach. Nachrichten kamen - fragmentarisch, wie immer: "Explosion gehört." Die Angst kam, alt, vertraut, fast mechanisch. Aber sie blieb nicht lange. Es ist, als hätte sie ihre Kraft verloren. Vielleicht, weil sie zu oft gekommen ist. Vielleicht, weil der Körper irgendwann aufhört, zu zittern."
Nahost-Experte Richard C. Schneider | 24.6.2025 Israel und Iran: droht ein Flächenbrand in Nahost?
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"Jetzt ist wirklich Krieg. Kein Zwischenzustand mehr."
Als Iranerin, die in einer offenen Gesellschaft leben möchte, kennt sie das Gefühl der permanenten Bedrohung durch das herrschende Regime. Wann immer sie ohne Kopftuch aus dem Haus ging, begab sie sich in Gefahr.
"Am Morgen: die Meldung, dass Kommandeure getötet wurden. Wir waren erleichtert. Nicht aus Rache, sondern weil die Toten Schuldige waren. Und gleichzeitig spürt man, wie schmutzig das alles ist. Jeder Tod schmiert eine neue Linie in diesen Krieg, der sich fortsetzt, ganz gleich, wer gerade spricht. [ ... ] Jetzt ist es wirklich Krieg. Kein Zwischenzustand mehr. Keine Erklärungen. Ich verspüre keinen Zorn. Nur diesen Wunsch: nah bei denen zu bleiben, die ich liebe."
Die Eltern bieten ihr an, dass sie zu ihnen in den Norden kommen soll. Dort sei sie sicher, meint ihr Vater. Aber sie will in Teheran bleiben. Sie fragt ihren Bruder, ob er ans Auswandern denke. Und der antwortet: "Jetzt fühlt es sich hier zum ersten Mal etwas lebenswert an." Shirani versteht, dass ihr Neffe der Grund ist. Sie schreibt:
"Seit dieser Junge auf der Welt ist, denken sie anders. Sie sprechen anders. Sie fangen an, die Sprache zu wechseln - weg vom Zynismus, hin zu einer Sprache, die zart ist und trotzdem standhält. Vielleicht ist das Schönheit: Der Versuch, die Welt für ein Kind neu zu erfinden."
"Den ganzen Tag hörte man Explosionen"
Zwei Tage später schreibt sie in einem nächsten Brief, dass sie die Katze einer Freundin aufnimmt, die die Stadt verlässt, um ihren Mann in der Türkei zu treffen.
"Gestern war ein schwerer Tag. Den ganzen Tag über hörte man Explosionen. Ich war im Büro, S. zu Hause, und ständig rief jemand aus der Familie an – einer nach dem anderen –, und fragte, warum wir noch in Teheran seien. Ich war müde vom ganzen Druck. [ ... ] Wenn es nur nach mir ginge, würde ich in meinem Viertel Ekbatan in Teheran bleiben und dem Meteorregen aus Raketen und Drohnen zusehen. Aber stattdessen werde ich die Katze in ihre Transportbox setzen, Futter und Katzenstreu einpacken, einen kleinen Rucksack mit Kleidung, die Kafka-Briefe, die ich zum Geburtstag bekam, das Nötigste, bequeme Sachen und Schuhe. Zum Glück ist es warm – ich brauche keine dicken Schichten."
S. verlässt die Stadt und wenig später auch Shirani. Zusammen mit ihrer Freundin N. fährt sie nach Siyahkal zu deren Familie. Shirani beschreibt, wie N. in einer der langen Schlangen für Benzin steht. Die würden es schwer machen, schnell voranzukommen. Auch ihr Bruder hat mit seiner Familie die Stadt verlassen, in Richtung Armenien. Shirani ist beruhigt.
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"Manchmal denke ich, ich kann das alles nicht tragen"
Am 17. Juni kommt der nächste Brief. Shirani beschreibt die Situation am Fluchtort, an dem trügerischer Frieden zu herrschen scheint. Sie beschreibt, wie Gereiztheit aufkommt zwischen ihr und ihrer Freundin. Wie schön der Ort ist, an den sie sich gerettet haben. Und wie ausgelaugt sie sich fühlt.
"Manchmal denke ich, ich kann das alles nicht tragen. Die Erschöpfung, das ständige Navigieren zwischen Menschen in Ausnahmezuständen, der Druck, die Müdigkeit – und doch begreife ich langsam: Das ist Familie. Zuhören, wenn man selbst nichts mehr sagen kann. Geduld. Verzeihen. Bleiben, auch wenn man fliehen will."
Shirani findet keinen inneren Frieden. Es sei zu viel geschehen. Zu viele Ängste, besonders von ihren Familien.
"Der einzige Ort, nach dem ich mich sehne, ist Ekbatan. Unser Zuhause. Ich habe das Gefühl, es im Stich gelassen zu haben."
Mehrdad Zaeri: "Das Volk hat Angst vor zwei bissigen Hunden"
Wie viele ander Iraner ist Mehrdad Zaeri in Gedanken gerade ständig bei den Menschen, die er kennt und deren Leben gerade bedroht ist. Er versucht, ihnen mit seinen Fragen und seinen Sorgen nicht auf die Nerven zu fallen. Was er bei seinen Freunden und Verwandten spürt, ist kein Schwarz-Weiß-Denken sondern eine große Ambivalenz: einerseits gibt es die Erleichterung darüber, dass Israel ein Schlag gegen das Mullah-Regime gelungen ist; andererseits sei allen klar, dass die diktatorische Regierung nicht einfach nur klein bei gibt.
Das heißt: das iranische Volk hat im Moment Angst vor zwei bissigen Hunden. Und das Gefühl, was sie nach der ersten Erleichterung und Hoffnung spüren ist Angst.
Wenn eine diktatorische Regierung, die schon seit 14 Jahren an der Macht ist, in der Ecke stehe, hätte sie keine Probleme, richtig zu beißen. Und Netanjahu sei es ebenfalls egal, wenn Tausende von Menschen um Leben kämen, so Zaeri. Viele Iranerinnen und Iraner hätten im Laufe der letzten Jahrzehnte schlechte Erfahrungen gemacht mit Mächten, die von außen in den Nahen Osten kamen. Es sei immer schiefgegangen. Im Hinblick auf das, was gerade in Iran passiert, fragt sich Mehrdad Zaeri: "Was bleibt uns von unserem Land übrig?"