In ruhigen, präzisen Sätzen hat der 29-jährige Mannheimer Polizeihauptmeister am Dienstag am Oberlandesgericht in Stuttgart-Stammheim den Ablauf des Einsatzes geschildet. Er sprach auch über den Schuss, den er am Mannheimer Marktplatz auf den Angeklagten abgab und der ihn dann niederstreckte.
Den angeklagten Sulaiman A. würdigt der Polizeihauptmeister beim Betreten des Gerichtssaals keines Blickes. Nachdem bereits in der vergangenen Woche drei Kolleginnen und ein Kollege des Polizisten über ihre Erinnerung auf die tödlichen Sekunden gesprochen hatten, richten sich an diesem Dienstagvormittag die Fragen des Senats alleine an den Polizeihauptmeister.
Zunächst habe er am Stand der islamkritischen Bürgerbewegung Pax Europa (BPE) nur eine Rangelei vermutet. Er und seine Kolleginnen und Kollegen seien dann losgerannt. Das deckt sich mit allen bisherigen Erkenntnissen. Eine Kollegin habe dann "Messer, Messer!" gerufen. Das sei der Augenblick, an dem er selbst zum ersten Mal das Messer des Attentäters wahrgenommen habe. Und zu seiner Waffe griff.
Polizist hatte Gefühl, dass Sulaiman A. ihn angreifen wollte
Der 29-Jährige ist seit 2017 bei der Polizei Mannheim. Er ist ebenfalls Teil des Einsatzzuges. Er kennt schwierige Tage auf dem Marktplatz. Die vergangenen fünf Jahre hat er in diesem Bereich gearbeitet. Besonders deutlich wird an diesem Verhandlungstag, wie schnell Entscheidungen von Polizistinnen und Polizisten getroffen werden müssen. Während an der Wand von Saal 1 des Prozessgebäudes großflächig ein Foto jener Situation zu sehen ist, in der der Polizist seine Waffe zieht, geht es in den Fragen des Vorsitzenden Richters um Sekunden. Manchmal auch nur um Bruchteile von Sekunden.
Als er Sulaiman A. wahrnimmt, stützt dieser sich gerade auf und kommt wieder frei. Dass er davor schon Menschen verletzt hatte, weiß der Polizist in diesem Moment nicht. Wer ist Opfer, wer Täter? Gibt es weitere Angreifer? Kurzzeitig sei das nicht klar gewesen. Dann aber habe es bei ihm "Klick im Kopf gemacht." Er habe das Gefühl gehabt, A. wolle ihn angreifen. Der Polizeihauptmeister geht durch, was er gelernt hat. Doch er hat keine freie Schusslinie, muss einige Schritte rückwärts gehen. Erst dann schießt er einmal auf Sulaiman A.. Der, sagt der Beamte gegenüber dem psychiatrischen Gutachter, habe voller Tatendrang und aggressiv auf ihn gewirkt.
Es war nur ein Schuss. Ich wollte ihn so schnell wie möglich außer Gefecht setzen. Es war die erste Gelegenheit.
Prozess vor dem Oberlandesgericht Stuttgart beginnt 31. Mai 2024: Eine Rekonstruktion des Anschlags auf dem Mannheimer Marktplatz
Das Staatsschutzverfahren gegen Sulaiman A. beginnt. Er soll in Mannheim einen Polizisten tödlich verletzt haben. Der Tag der Tat rückt wieder in den Fokus. SWR Aktuell zeichnet ihn nach.
Polizist leistet Angeklagtem erste Hilfe
Für Rouven Laur kommt der Schuss zu spät. Sulaiman A. aber ist gestoppt, weitere Polizisten kommen hinzu. Das Messer ist da bereits außer Reichweite. Der 29-jährige Polizeihauptmeister drückt dem Attentäter die Wunde ab, erst dabei sieht er dessen weitere Verletzungen. Offenbar aus den Kämpfen zuvor. Er droht ohnmächtig zu werden, der Beamte hält ihn wach.
Ich habe wahrgenommen, wie Laur am Kopf gestochen wird. Ich wollte vorher schon schießen. Aber ich hatte keine freie Schussbahn.
Mehrere Male schildert der Beamte vor Gericht, dass er den ersten möglichen Moment für seinen Schuss genutzt habe. Einer der Anwälte, der die Familie des getöteten Rouven Laur in der Hauptverhandlung vertritt sagte, die Familie mache ihm keinen Vorwurf. Auch der Polizist selbst unterstrich das: Er habe "keine Gewissensbisse". Seine Arbeit, so schildert es der Beamte an diesem Dienstag, habe der Vorfall nicht negativ beeinflusst. Doch der Tod des Kollegen sei nach wie vor ein großes Thema im Mannheimer Polizeipräsidium.
"Bin in den sozialen Medien noch mit am Besten weggekommen"
Auch an diesem Prozesstag - es ist mittlerweile der 15. in diesem Verfahren - spielt das Video des Angriffs eine wichtige Rolle. Denn es wurde vor allem in den sozialen Medien geteilt und kommentiert. Er selbst, so der Beamte, sei "noch mit am Besten weggekommen". Denn auch die Arbeit der Polizei habe teilweise in der Kritik gestanden. Beispielsweise geht es darum, ob eventuell Absperrgitter rund um die Versammlung etwas verändert hätten. Es sind Mutmaßungen. Ein Ermittlungsverfahren gegen ihn, das in solchen Fällen bei Gebrauch der Dienstwaffe üblich ist, wurde nach zwei Monaten wieder eingestellt. Es war der erste Schuss, den der Beamte in seiner Laufbahn abgegeben hatte. Und Laur der erste Kollege, den er im Dienst verlor.
Kritik an Versammlungsort Marktplatz in Mannheim
Kritisch äußert sich der Mannheimer Polizeibeamte gegenüber dem Ort, an dem die Versammlung der BPE stattgefunden hatte, dem späteren Tatort auf dem Mannheimer Marktplatz. Der Islamkritiker Michael Stürzenberger von der BPE sei ihm geläufig gewesen. Der Beamte beschreibt dessen "provokante Art". Diese sei ihm bewusst gewesen. Deshalb seien er und andere Beamte von einem "gewissen Potential" vor Ort ausgegangen.
Es war Freitag. Da ist Freitagsgebet. Der Stadtteil ist für Multikulti bekannt. Der ein oder andere fragte sich schon, ob es an diesem Ort sein muss.
Der Polizeihauptmeister sagt, ihm sei klar gewesen, dass es große Diskussionen geben wird. Rangeleien. Aber mit so etwas habe dann niemand gerechnet. Dennoch könne er die Versammlungsbehörde (die Stadt Mannheim, Anmerkunge der Redaktion) nicht verstehen, warum man eine solche Kundgebung am Marktplatz vor dem Freitagsgebet zugelassen habe.
Erinnerung an Laur: "Werde seine Blicke nie vergessen"
Nach der Tat, so der Beamte, sei er heute noch wachsamer, achte auf noch mehr Dinge. Man sei gewillt bei Einsätzen länger auf die Hände zu schauen, "ob da nicht doch etwas ist". Rouven Laur kannte er bereits vor der Tat, habe sich mehrmals mit ihm unterhalten. Laur sei eine Persönlichkeit im Präsidium gewesen. Der Blick von ihm in den Sekunden nach dem Angriff geht ihm nicht mehr aus dem Kopf.
Immer wieder habe er nach der Tat mit Laur gesprochen, gesagt: "Setz dich hin". Damit er nicht kollabiert. Der Schusswaffengebrauch habe ihn danach überhaupt nicht interessiert. "Das war genau richtig."
Als der Polizeihauptmeister den Gerichtssaal in Stammheim verlässt, wirft er dem Angeklagten doch noch einen kurzen, flüchtigen Blick zu.