Rund ein Drittel mehr Taten

Hass im Netz, Hass auf der Straße: Queerfeindliche Gewalt in BW nimmt zu

Einschüchterung und Gewalt gegen homosexuelle oder transgeschlechtliche Personen und Gruppen in Baden-Württemberg nehmen stark zu. Neonazis mischen dabei kräftig mit.

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Stand

Von Autor/in Markus Pfalzgraf

Als der Täter zuschlug, kam das aus heiterem Himmel – buchstäblich. Es war ein warmer Sommerabend, verschiedene Gruppen Jugendlicher waren im Stuttgarter Schlossgarten. Jethro Escobar Ventura und seine Freunde hörten Musik, waren ausgelassen und als queer wahrnehmbar. Eine andere Gruppe fühlte sich offenbar durch die reine Anwesenheit von Menschen unterschiedlicher Orientierungen so gestört, dass sie die Konfrontation suchte - bis einer zuschlug, mitten ins Gesicht. Zum Glück hatten Jethro und seine Gruppe schon bei der ersten Drohung die Polizei gerufen, die schnell zur Stelle war. Der Täter war noch minderjährig, wie sich später bei der Gerichtsverhandlung herausstellen sollte.

Fälle wie dieser zeigen: Die Gewalt gegen Menschen unterschiedlicher Geschlechter und Identitäten hat zugenommen. In jenem Sommer häuften sich die Taten im Umfeld von Jethro, und auch er selbst war öfter Pöbeleien oder Drohungen ausgesetzt. Dafür reichte es schon, mit einem Freund Hand in Hand durch den Park zu laufen oder in bunten Farben von einer Pride-Veranstaltung nach Hause zu fahren.

Jethro Escobar Ventura steht vor einem Gebüsch.
Jethro Escobar Ventura wurde in der Stuttgarter Innenstadt selbst zum Opfer von queerfeindlicher Gewalt.

Laut Innenministerium: Ein Drittel mehr queerfeindliche Delikte

Beratungsstellen nehmen einen deutlichen Anstieg queerfeindlicher, aber auch rassistisch motivierter Gewalt vor allem aus rechtsextremen Motiven wahr. Laut einer Antwort des baden-württembergischen Innenministeriums auf eine Anfrage von SPD-Landtagsabgeordneten hat sich die Zahl der erfassten queerfeindlichen Delikte im vergangenen Jahr um rund ein Drittel erhöht, von 165 im Jahr 2023 auf 212 im Jahr 2024. Darin enthalten sind Taten, die sich gegen die angenommene sexuelle Orientierung, aber auch gegen die geschlechtliche Identität der Betroffenen richten.

Eine aktuelle Online-Befragung des Statistischen Landesamts hat ergeben, dass mehr als die Hälfte der LSBTIQ*-Menschen in den vergangenen 12 Monaten psychische oder physische Gewalt erlebt hat. Das reicht von Bedrohungen und Beschimpfungen bis hin zu körperlicher oder sexueller Gewalt, meist im öffentlichen Raum oder in öffentlichen Verkehrsmitteln.

Beratungsstelle: "Botschaftstaten" gegen ganze gesellschaftliche Gruppe

Manche Betroffene mieden bestimmte Orte oder zeigten teils körperliche Reaktionen auf die Taten. Andere kämen im Alltag zunächst gut zurecht, würden aber später wieder von den Erinnerungen eingeholt, berichtet Alena Kraut von der Beratungsstelle "Leuchtlinie". Hier können sich Betroffene von rechter Gewalt in Baden-Württemberg melden, gerade auch wenn sie queerfeindlich motiviert ist.

Das Schlimme an solchen Taten sei, dass sie sich gezielt gegen eine zugeschriebene Identität oder Orientierung richten - also gegen den Kern der Persönlichkeit. Alena Kraut spricht von "Botschaftstaten", die sich nicht nur gegen einzelne Personen, sondern gegen eine ganze gesellschaftliche Gruppe richteten - mit dem Ziel, für Verunsicherung zu sorgen.

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Gezielte Mobilisierung durch Neonazi-Gruppierungen

Neuerdings versuchen auch Rechtsextreme wieder gezielt, Räume zu besetzen. Der angekündigte Aufmarsch von Neonazis gegen den CSD in Pforzheim ist nur ein Beispiel, auch in Stuttgart droht Ähnliches. Das trifft die queere Community besonders, weil sich Rechtsextreme bislang nicht an die Landeshauptstadt mit einer der bundesweit größten Pride-Paraden herangetraut haben.

Die teils neuen Neonazi-Gruppierungen wollen gezielt auch jüngere Menschen ansprechen und in sozialen Netzwerken mobilisieren, mit bedrohlichen Kulissen von Aufmärschen, Fackel-Umzügen und mit martialischen Kampfsport-Videos. Janka Kluge beobachtet schon länger rechtsextreme Umtriebe. Die Journalistin und Trans-Aktivistin warnt vor einem "Schneeball-Effekt", wenn solche Inhalte tausendfach geteilt und dann umso mehr Menschen angezeigt werden. Aus ihrer Sicht gehen die Mobilisierung im Netz und die reale Bedrohung von Pride-Veranstaltungen auf der Straße Hand in Hand.

Aufmärsche von Rechten machen Angst

Einer, der früher den Stuttgarter CSD mitorganisiert hat, wurde schon öfter am Rande von Pride-Veranstaltungen körperlich angegangen und beleidigt, aber Aufmärsche oder Störaktionen hat er noch nicht erlebt. "Das bereitet natürlich Sorge, das macht Angst," sagt er, der lieber ohne Namen sprechen will, damit er nicht ausfindig gemacht und erneut angefeindet wird. Aber man müsse unbedingt etwas dagegen tun und auf die Straße gehen, meint er: "Wir können uns die Rechte, die wir uns alle hart erkämpft haben, nicht wieder nehmen lassen. Hoffen wir, dass die Community wieder mehr zusammenrückt mit ihren unterschiedlichen Ansichten."

Häufiger Rückzug nach Gewalterfahrungen

Unterstützung und Sichtbarkeit sind auch nach Gewalterfahrungen wichtig: Räume für Empowerment, Anerkennung und Solidarität aus dem eigenen Umfeld, aber auch aus den nicht-betroffenen Teilen der Gesellschaft können laut Alena Kraut von der Beratungsstelle "Leuchtlinie" hilfreich sein. 

Oft passen queere Personen nach Vorfällen ihr Verhalten an. Laut der Online-Befragung des Statistischen Landesamts haben dies 90 Prozent der Teilnehmenden angegeben. Dazu gehört beispielsweise, sich nach außen anders zu geben oder zu kleiden als gewollt, nicht als Paar aufzutreten oder keine Regenbogen-Symbole zu tragen. Mit anderen Worten: sich zurückziehen, um Gewalt zu vermeiden.

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Für Jethro Escobar Ventura ist der Schlossgarten kein Ort mehr, an dem er sich abends aufhalten möchte. Er ist dort angespannter als früher. Das findet er, der in Stuttgart aufgewachsen ist, besonders schmerzhaft. In seiner eigenen Stadt soll er plötzlich nicht mehr dazugehören? Das will Jethro nicht hinnehmen. Sein Verhalten in der Öffentlichkeit hat er ansonsten nicht geändert: "Ich finde, ich bin okay, so wie ich bin. Das irgendwie zu ändern oder zu verstecken, halte ich nicht für richtig."

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