Ein bisschen wackelig wirkt Josef Seitzer beim Einsteigen, aber er hat heute ein klares Ziel: Der 90-Jährige möchte bei einem freiwilligen Fahrsicherheitscheck, einer sogenannten Rückmeldefahrt, prüfen, wie sicher er noch auf den Straßen ist. In Deutschland gibt es aktuell keine verpflichtenden Fahrtauglichkeitstests für Seniorinnen und Senioren. Stattdessen ist es jedem freigestellt, den Führerschein im Alter entwerten zu lassen oder sich bis zum Lebensende ans Steuer zu setzen. Die Rückmeldefahrten, wie sie Josef Seitzer macht, sind eine Möglichkeit, freiwillig prüfen zu lassen, wie fit man noch auf den Straßen ist.
Bereits 1954 hat er seinen Pkw-Führerschein gemacht, vor über 70 Jahren. Obwohl er schon zur "90-Plus"-Generation gehört, fühlt er sich eigentlich noch fit genug, selbst Auto zu fahren. Bei der Fahrschule Hilbig in Schwäbisch Gmünd (Ostalbkreis) hat er sich bereits zum zweiten Mal für eine Rückmeldefahrt angemeldet. Egal wie die Fahrt für ihn ausgeht, die Fahrlehrerin Heike Hilbig darf den Führerschein nicht entziehen. Es werden lediglich Hinweise zum Fahrverhalten der Seniorinnen und Senioren gegeben. Welche Konsequenzen die daraus ziehen, bleibt ihnen jedoch selbst überlassen.
Es geht los, schon zu Beginn ein kleiner Fauxpas: Josef hat vergessen, die Handbremse zu ziehen und Fahrlehrerin Hilbig muss einschreiten. Gerade nochmal gut gegangen. Solche kleinen Fehler sind keine Seltenheit für Hilbig: Oft schleichen sie sich im Fahralltag von Seniorinnen und Senioren ein und werden gerne verdrängt. Viele möchten, komme was wolle, weiterfahren, unabhängig sein, so ihre Erfahrung.
Zahl der Senioren im Straßenverkehr steigt
Durch den demografischen Wandel und die zunehmende Lebenserwartung steigt der Anteil älterer Menschen in Baden-Württemberg. Laut Statistischem Landesamt lag 1952 der Anteil an über 65-Jährigen noch bei unter 10 Prozent, 2003 bei etwa 17 Prozent und 2023 bereits bei über 21 Prozent. Dadurch spielen sie als Teilnehmerinnen und Teilnehmer im Straßenverkehr eine immer größere Rolle. Tendenz weiter steigend.
Auf den ersten Blick werden ältere Menschen oft unter Generalverdacht gestellt. Laut Statistischem Bundesamt trugen 2023 Autofahrende ab 65 in über zwei Dritteln der Unfälle mit Personenschaden, bei denen sie beteiligt waren, die Hauptverantwortung. Bei den über 75-Jährigen lag der Anteil sogar bei gut drei Vierteln. Das ist der höchste Wert aller Altersgruppen. Die Statistik relativiert sich aber mit der Gesamtzahl an gefahrenen Kilometern und der Altersstruktur: Laut Bundesverkehrsministerium sind ältere Menschen seltener an Unfällen beteiligt als Fahranfängerinnen und -anfänger unter 25.
Ein "Riesenverlust an Lebensqualität“
Jan Hennen fährt noch Auto mit voller Überzeugung. Fahrtauglichkeitstests nur für Menschen im höheren Alter finde er diskriminierend, sagte er in der SWR-Sendung "Zur Sache! Baden-Württemberg". Er hat mit seinen 70 Jahren bereits mehr als drei Millionen Kilometer zurückgelegt. Für ihn ist das Auto nicht nur Fortbewegungsmittel, sondern auch ein Stück Unabhängigkeit im Alter.
Es ist ja auch nicht so, dass meine Straßenbahn oder mein Bus genau zu meinem Supermarkt fährt, wo ich vielleicht Einkaufen und dann eben schwere Sachen tragen muss. Auch da ist für viele Leute das Auto unverzichtbar.
Andere zeigen, dass es auch ohne Auto geht: zum Beispiel Sigrid Scribiac. Sie hat ihren Führerschein aus gesundheitlichen Gründen bereits vor sieben Jahren entwerten lassen. Die 92-Jährige ist früher viel gefahren: zum Einkaufen, zum Wandern, in den Urlaub. Heute ist sie vor allem zu Fuß unterwegs. Der Verzicht aufs Auto war ein großer Einschnitt, doch sie hat sich damit arrangiert. Gleichzeitig beobachtet sie, dass manche ältere Menschen sich überschätzen und nicht auf den gewohnten Luxus ihres Autos verzichten wollen.
Ist das nicht ein bisschen asozial, zu denken, Hauptsache ich? Ich weiß nicht, ich finde, man sollte auch an die anderen Menschen denken, die dadurch in Mitleidenschaft gezogen werden. Die können ja auch gar nichts dafür.
Mehrheit will Prüfung älterer Autofahrer
Andere europäische Länder haben strenge Regeln bei der Führerscheinverlängerung: So müssen in der Schweiz beispielsweise Pkw-Fahrende ab 75 Jahren zu einer medizinischen Kontrolle. In Italien wird jeder kontrolliert: Hier müssen alle Autofahrerinnen und -fahrer regelmäßig zum medizinischen Check. Bis 50 alle zehn Jahre, danach werden die Zeiträume kontinuierlich kürzer. Ab 80 geht es jedes zweite Jahr zum Check-Up.
Demnächst sollen in der EU Pkw-Führerscheine grundsätzlich nur noch 15 Jahre gültig sein. Die einzelnen Staaten dürfen jedoch selbst entscheiden, ob bei der Verlängerung eine ärztliche Untersuchung nötig ist oder eine Selbsteinschätzung reicht. Das Europäische Parlament wird voraussichtlich im Oktober final über die Richtlinie abstimmen.
Unfallforscher Siegfried Brockmann glaubt jedoch nicht, dass in Deutschland verpflichtende Tests eingeführt werden. "Ich bin stolz darauf, dass wir das in Deutschland nicht machen", sagte er in der Sendung "Zur Sache! Baden-Württemberg". "Es gibt kein einziges Land um uns herum, das nachweisen kann, dass das einen positiven Effekt hat, weder in den Unfallzahlen noch in irgendeiner Evaluation."
Die deutliche Mehrheit der Menschen in Deutschland wünscht sich jedoch verpflichtende Feedbackfahrten im Alter. Das geht aus einer repräsentativen Umfrage im Auftrag des TÜV-Verbandes hervor. Demnach sind 76 Prozent der Meinung, dass ab einem Alter von 75 Jahren ein verpflichtender Fahrtauglichkeitstest mit einer Expertin oder einem Experten absolviert werden sollte. Darüber herrscht Einigkeit in der Debatte: Die Schwelle, ab der eine Rückmeldefahrt absolviert werden muss, soll sinken.
Förderung von freiwilligen Rückmeldefahrten
Derzeit sind die Rückmeldefahrten, wie sie Josef Seitzer in Anspruch nimmt, freiwillig und kostenpflichtig. Seine Stunde kostet in Schwäbisch Gmünd 95 Euro. Unfallforscher Brockmann fordert, die Rückmeldefahrten zu subventionieren.
Das kostet vielleicht 100 Euro, wieso geben wir nicht Gutscheine, (…) bevor wir nur mit Zwang reagieren.
Seitzer wirkt auf die Fahrlehrerin sicher. Bis auf kleine Fehler lenkt der 90-Jährige seinen Wagen routiniert durch den Straßenverkehr. Ergebnis der 45-minütigen Rückmeldefahrt: grünes Licht für Josef Seitzer. Ganz sicher sollte man trotzdem nicht sein, betont Fahrlehrerin Hilbig. Seitzer schließt deshalb nicht aus, den Test zu wiederholen und seinen Führerschein gegebenenfalls auch abzugeben.