Feiern zum 100. Todestag

Rudolf Steiner und die Waldorfschulen: Stuttgart Zentrum der Anthroposophie

Waldorf, Weleda und Demeter - all das geht auf Rudolf Steiner zurück. Der Begründer der Anthroposophie hat viel geschaffen - und ist umstritten. Ein Zentrum ist Stuttgart.

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Von Autor/in Philipp Pfäfflin

Am Sonntag vor 100 Jahren (30. März 1925) starb Rudolf Steiner. Ein Mann, der bis heute polarisiert: Die einen verehren ihn, die anderen lehnen ihn vehement ab. Fest steht: In Stuttgart hat Rudolf Steiner nicht nur die erste Waldorfschule aufgebaut, in Stuttgart gibt es auch heute noch eine extrem hohe Anthroposophie-Dichte. Da überrascht nicht, dass in Stuttgart dieses Jahr intensiv an Steiner erinnert wird, gerade an diesem Wochenende.

Warum befindet sich die Ur-Waldorfschule in Stuttgart?

Rudolf Steiner kommt eigentlich aus Kraljevec, einer kleinen Ortschaft im heutigen Kroatien, damals Österreich-Ungarn. Der dort geborene Philosoph, Pädagoge und Naturwissenschaftler ist ein gefragter Mann, bekommt immer wieder Aufträge. Einer der bedeutendsten: Emil Molt, Chef der Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik. Er bittet Steiner eine Schule für die Kinder seiner Angestellten zu entwickeln.

Der Begründer der Anthroposophie und Waldorf-Schulen Rudolf Steiner lebte von 1861 bis 1925.
Der Begründer der Anthroposophie und Waldorf-Schulen Rudolf Steiner lebte von 1861 bis 1925. picture alliance / dpa | dpa

Es soll eine Schule werden, in der Handwerk und Kunst gleichwertig neben Fächern wie Deutsch und Mathe sind, in dem jedes Kind seine Talente entwickeln kann und mit einem ganzheitlichen Unterricht bei dem Jungen und Mädchen zusammen lernen. 1919 wurde die Freie Waldorfschule auf der Stuttgarter Uhlandshöhe eröffnet. Sie besteht bis heute.

Mittlerweile gibt es laut Bund der Freien Waldorfschulen mehr als 1.200 Waldorfschulen weltweit, davon gut 200 in Deutschland. Interessant ist die Verteilung: Besonders viele befinden sich in Baden-Württemberg. In der Stadt, in der alles anfing, in Stuttgart, gibt es allein fünf Waldorfschulen: Neben der Uhlandshöhe sind das die Waldorfschule am Kräherwald und eine im Stadtteil Sillenbuch, außerdem die Karl-Schubert-Schule in der Oberen Weinsteige sowie die Michael Bauer Schule in Stuttgart-Kaltental. Einen Überblick nicht nur über Schulen, sondern auch Kindergärten und andere Waldorf-Projekte bietet eine Weltkarte des Waldorf 2019-Vereins.

Was haben Demeter, Globuli und Weleda mit Steiner zu tun?

Rudolf Steiner ist viel mehr als der Leiter und Entwickler der ersten Waldorfschule. Er ist der Begründer der Anthroposophie. Die biologisch-dynamische Demeter-Landwirtschaft geht auf ihn zurück. Der Drogeriemarkt dm, der Kosmetikhersteller Weleda und die Heilpädagogik - all das hat mit Steiner und der Anthroposophie zu tun.

Karte von Stuttgart zeigt Orte in Stuttgart, die einen anthroposophischen Bezug haben
Ausstellungstafel im StadtPalais: In Stuttgart gibt es etliche Orte mit einem Bezug zur Anthroposophie - besonders viele rund um die Waldorfschule auf der Uhlandshöhe. Pressestelle StadtPalais Stuttgart

Allein in Stuttgart gibt es mehr als 120 Orte mit einem anthroposophischen Bezug, heißt es beim StadtPalais Stuttgart: von Ärzten über Buchläden zum Rudolf-Steiner-Haus und bis zu den Ladenketten dm und Alnatura. Eine Sonderausstellung läuft noch bis zum 21. September. Der Titel: "ANTHROPOSOPHIE – Stuttgart. Waldorf. Globuli."

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StadtPalais: Steiner "beeindruckender Mann voller Widersprüche"

StadtPalais-Kurator Yannick Nordwald hat sich für die Sondersausstellung intensiv mit Steiner und dessen Leben beschäftigt. Er bezeichnet den Begründer der Anthroposophie als außerordentlichen Menschen voller Widersprüche. Er habe "unglaublich viel Output" gehabt, "unglaublich viel produziert - an Vorträgen, Schriften und Ideen". Steiner sei sehr belesen gewesen und habe ein großes Feingefühl gehabt für die Bedürfnisse seiner Zeit. Da habe er angedockt. Das sei sehr beeindruckend, so Yannick Nordwald vom StadtPalais Stuttgart.

Gleichzeitig sei Steiner ein Mensch voller Widersprüche gewesen. Auch die eigenen Schriften würden Widersprüche aufweisen. Steiner habe viele Gedanken von anderen übernommen, ohne dass er das deklariert habe. Außerdem habe er sich selbst als "Hellseher" benannt. Sein Wissen komme aus einer höheren Warte und sei damit für immer gültig. Solche Aussagen, so Ausstellungsmacher Nordwald, seien immer schwierig.

Anthroposophische Medizin PFEIFT auf EVIDENZ! | Anthroposophie 3, Podcast #76 | Quarks Science Cops

Anthroposophie: Ganzheitlicher Ansatz oder Pseudowissenschaft?

Anthroposophie - aus dem Altgriechischen übersetzt - heißt so viel wie "Weisheit vom Menschen". Die anthroposophische Filderklinik in Filderstadt-Bonlanden (Kreis Esslingen) formuliert es so: "Das anthroposophische Menschenbild versteht den Menschen als Einheit von Leib, Seele und Geist." Das komme auch heute noch gut an, treffe das tiefe Bedürfnis vieler Menschen, sagt Helmut Zander. Der Religionshistoriker und Steiner-Biograf meint damit: stressfreie Schulzeit statt Notendruck, Lebensmittel frei von zugesetzten Hormonen und Antibiotika sowie Naturheilverfahren statt (oder zumindest ergänzend zur) Hight-Tech-Medizin.

Das ist die eine Seite. Doch es gibt auch viel Kritik und Ablehnung: Esoterischer Unsinn, Pseudowissenschaft oder gefährliche Ideologie, das sind oft gehörte Vorwürfe. Ein besonders umstrittenes Thema ist das Impfen. Steiner war offenbar kritisch gegenüber Impfungen. Er soll sie aber nicht verboten haben. Heute gibt es anthroposophische Ärzte, die impfen. Andere impfen zurückhaltend oder gar nicht. Schlagzeilen hat zuletzt auch ein Fall in Mainz gemacht. Dort soll ein Waldorf-Lehrer Schülerinnen wegen einer Diabetes-Behandlung diskriminiert haben. Das sagen zumindest die Eltern. Die Schule weist die Vorwürfe zurück.

Mainz

Staatsanwaltschaft ermittelt Wegen Diabetes: Streit zwischen Eltern und Waldorfschule Mainz eskaliert

Der Konflikt zwischen einem Elternpaar und der Freien Waldorfschule Mainz ist inzwischen ein Fall für die Staatsanwaltschaft. Es geht um die Töchter des Paares. Sie haben Diabetes.

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Porträt Anthroposoph Rudolf Steiner – Verehrter Prophet, gefährlicher Ideologe

Rudolf Steiner (1861 - 1925) ist der Begründer der Anthroposophie. Bis heute sind er und seine Lehre umstritten.

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Autor/in
Philipp Pfäfflin
Portraitfoto von Philipp Pfäfflin